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Johann Balthasar Thieme, Bürgermeister Radeberg 1799 - 1806
Johann Balthasar Thieme, Bürgermeister Radeberg 1799 - 1806
Johann Balthasar Thieme, Bürgermeister R
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Johann Balthasar Thieme, Bürgermeister von Radeberg 1799 - 1806, Historiker, Chronist

Veröffentlicht im Rahmen

"800 Jahre Ersterwähnung Radeberg"

in der neuen Rubrik "800 Jahre Radeberg - Geburtstags-Geschenke" in der Heimatzeitung  "die Radeberger"
Nr. 49 v. 6.12.2019

„Ums Wohl der Stadt muss man sich treu bemühen. Sein Wunsch war: Möge Radeberg stets blühen“

Wenn Radeberg mit seinen Bürgern 2019 auf die 800-jährige Geschichte zurückblickt, sollte ein Bürgermeister wie Balthasar Thieme auf keinen Fall für eine Ehrung und Erinnerung vergessen werden. Er war derjenige, der nicht nur über Jahre das schwierige Bürgermeisteramt für seine Stadt in der Zeit der Napoleonischen Zeit versah, sondern auch der vorausschauende, kluge Kopf, der unsere Radeberger Chronik ins Leben rief, die später als Thieme-Chronik durch seine Nachfolger zur Thieme-Knobloch-Gärtner-Chronik wurde.

Johann Friedrich Balthasar Thieme wurde am 28. Dez. 1751 in Großdittmannsdorf bei Radeburg geboren. Sein Vater war der Bauer und Gerichtsschöppe Martin Thieme, die Mutter Johanne Christine, eine in erster Ehe verwitwete Kaufmannsfrau aus Radeberg, die mit Martin Thieme seit 1748 verheiratet war. Sohn Balthasar besuchte die Volksschule in Radeberg und erlernte die Kaufmannschaft. Im Alter von 27 Jahren erwarb er 1779 das Bürgerrecht von Radeberg, 1797 wurde er zum Ratsherrn, später zum Viertelsmeister und zum Gemeindeältesten gewählt, im gleichen Jahr 1797 zum Senator und schließlich 1799 bis 1806 zum Bürgermeister. Aus diesem Anlass hatte die Bürgerschaft über dem Eingang des Rathauses ein großes Stadtwappen angebracht mit dem Text: Schwacher Dank für schwere Sorgen.

Johann Balthasar Thieme (1751 - 1841)
Johann Balthasar Thieme (1751 - 1841)

Balthasar Thieme gehörte noch jener Generation von Bürgermeistern an, die in althergebrachter Wahlfreiheit durch die Bürger der Stadt angestellt wurden. Die Bürger hatten das Recht, aus ihrer Mitte einen beliebten, schrift- und redegewandten Mann als ihr Stadtoberhaupt aufzustellen. Deshalb war es auch bis zum Jahr 1831 üblich, dass entsprechend der Bestimmungen von 1512 durch den Herzog Georg den Bärtigen (1471-1539), jedes Jahr am Dreikönigstag, dem 6. Januar, die Ratswahl vollzogen wurde und dabei der neue Bürgermeister und die Ratsmannen aus jedem Handwerk und jeder Zunft gewählt werden sollten. In Folge dieser Anordnung waren in Radeberg die verschiedensten Berufszweige im Bürgermeisteramt vertreten, die die Geschicke des Ortes lenkten. Die Liste ist lang, und die Bürgerschaft wurde geführt von Bürgermeistern des Berufsstandes der Gastwirte, Weißgerber, Fleischhauer, Seiler, Konditoren, Kürschner und Tischler, wie dem Bürgermeister Christoph Seidel, der die Heilquellen entdeckte und das Augustusbad aufbaute. Sie alle waren keine studierten Leute, sondern einfache, tüchtige Handwerker und Bürger.

Erst mit der Einführung der „Allgemeinen Städteordnung für das Königreich Sachsen“ im Jahr 1831 wurde festgelegt, dass die Ratskollegien ein juristisches Mitglied und die Stadtgerichte einen juristischen Stadtrichter zu wählen hätten. Ab 1873 wurde mit der revidierten Städteordnung gefordert, dass Radeberg einen juristischen Bürgermeister stellen musste.

Balthasar Thieme – eine hochgeachtete Persönlichkeit

Über ihn wurde durch Zeitzeugen ausgesagt: „Er ist pflichtgetreu, arbeitsam, ehrenfest, bieder, in seinem Geschäft sicher und alle Eigenschaften besitzend, die man von einem Kaufmann erwartet.“ In seiner handschriftlichen Chronik ist vermerkt: „Am 4. Juli 1799 wurde ich zum Bürgermeister gewählt.“ Das hinderte ihn aber nicht, sein gut gehendes Kaufmannsgeschäft neben seiner Tätigkeit als Stadtoberhaupt mit viel Fleiß weiter zu betreiben, denn es brachte offensichtlich ebenfalls noch ein „hübsches Sümmchen“ ein, wie ihm Freunde anlässlich seines 60-jährigen Bürgerjubiläums in einem Gedicht humorvoll bestätigten. Balthasar Thieme wird als Lebenskünstler beschrieben, allem Schönen zugetan, vor allem der Musik. Bereits dem lange vor dem Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) in Radeberg bestehenden, dann 1667 wieder neu begründeten „Chorus musicus in ecclesia Radebergensi“, gehörte er seit 1797 an und spielte in der Musikkapelle, die diesem Kirchengesangsverein angeschlossen worden war, das Cello. Aber er war auch einem guten Trunke im Kreis seiner Freunde, ab 1835 auch in der neueröffneten Weinhandlung Knobloch, nicht abgeneigt.

Einer seiner großen Verdienste besteht in dem Schreiben seiner Chronik, in der er die interessante Geschichte der Stadt Radeberg und alle bedeutenden Ereignisse akribisch aufgearbeitet hat. Ungeachtet der verheerenden Stadtbrände in den Jahren 1714 und 1741, die den Verlust vieler Aufzeichnungen zur Folge hatten, schaffte er es dennoch, Sekundärquellenmaterial der Frühzeit aufzufinden, zu sammeln und als Schriftgut zu bewahren. Besonders wertvoll sind aber dabei seine niedergeschriebenen Primärquellen, die seine eigene Lebenszeit betreffen. Durch diese Sammlung wissen wir durch ihn, als unmittelbaren Zeitzeugen, über alle Begebenheiten im Zeitraum seines langen Lebens Bescheid, es sind unmittelbare Erlebnisse und damit glaubwürdige Zeugnisse, die dann seine Nachfolger als Chronisten weiterführten, wie der Weinhändler C. A. Knobloch und der Kaufmann Gärtner.

Durch diese Aufzeichnungen ist ebenfalls nachvollziehbar, dass seine Amtstätigkeit als Bürgermeister in eine der folgenschwersten Zeitabschnitte der Stadt Radeberg fiel. Er hielt alle wichtigen Ereignisse in dieser Zeit der Französischen Revolution (1789-1799) und der sich anschließenden Napoleonischen Zeit fest (1790/92-1815) und ermöglicht dadurch heute noch einen wertvollen Gesamtüberblick. Ob als Bürgermeister oder als Senator und Ratsmitglied hatte er viele berühmten Herrscher und Personen gesehen, Napoleon (1769-1821), den russischen Zaren Alexander (1777-1825), den Preußischen König Friedrich Wilhelm III.(1770- 1840) und viele bedeutende Heerführer, die auf dem Markt und Rathaus auftrafen. Als Stadtoberhaupt und Ratsmitglied war er ständig gefordert, alle durchziehenden oder biwakierenden französischen, russischen , österreichischen und preußischen Heeresabteilungen im Ort einzuquartieren und zu versorgen - nicht nur die Mannschaften, sondern auch die Pferde. In seinem Haus am Markt quartierten sich im Kriegsjahr 1813 nacheinander sieben Generäle ein, zwanzig Oberste, zweihundertzehn Subalternoffiziere und dreihundertsiebenundvierzig Soldaten der genannten Nationen. Insgesamt waren von März bis Dezember in der Stadt Radeberg 339.579 Soldaten und 115.933 Pferde zu versorgen gewesen. Die Städte und Dörfer wurden regelrecht ausgeplündert, Kontributionen wurden erpresst, und es war gleich, ob Freund oder Feind kam. Dass es dabei zahlreiche Übergriffe auf die Bürger und ihr Eigentum gab, versteht sich von selbst und musste ebenfalls durch Bürgermeister und Rat behandelt werden.

 

Ein schweres Amt in schwerer Zeit.

 

Die Familienbande des Bürgermeisters Thieme

George Messerschmidt (1745-1812) zu Radeberg einging, der die Habilitation als Höchste Prüfung abgelegt hatte und Advocat und Stadtschreiber zu Radeberg war. Dieser Ehe entstammte Johann Georg Messerschmidt (1775-1831), der als Professor und Literat zu Altenburg lebte und wirkte.

Balthasar Thieme, der geschäftlich und beruflich erfolgreich war, hatte familiär manchen Schicksalsschlag zu ertragen. Im Jahr 1778 hatte er die älteste Tochter des Amtsboten und Schlosstorwärters Christian Schurig geheiratet. Aus dieser Ehe gingen acht Kinder hervor, von denen vier Kinder bereits im frühen Kindesalter vor der Mutter verstarben, deren Leben im Jahr 1790 ebenfalls endete.

Thiemes Schwiegervater Schurig hatte sich 1796 zwischen Röder und Schlossteich ein Haus gebaut „auf einem von der Kommun erkauften Fleck“. Die Nachkommen jenes Amtsboten, in die der Ratsbote und spätere Ratsvollzieher Brähmig einheiratete, wohnten in mehreren Generationen bis um 1990 in diesem Haus.

Im Jahr 1794 ging Thieme eine zweite Ehe mit Christine Eleonore Senf ein, der Tochter des Schlossmüllers, der auf dem Schlossberg 1768 das Grabgewölbe mit den römischen Grabbeigaben entdeckt hatte, die K. B. Preusker (1786-1871) wissenschaftlich untersucht und beschrieben hatte. Aber auch die zweite Frau von Thieme starb bereits 1828. 

Ein weiterer Schicksalsschlag traf Thieme, als sein Sohn Heinrich Valentin Thieme im Jahr 1831 plötzlich verstarb. Der Sohn aus erster Ehe hatte sich wie sein Vater der Kaufmannschaft gewidmet, die Tochter seines Dresdner Prinzipals geehelicht, woraufhin ihm der Vater Balthasar Thieme sein Geschäft in Radeberg übergeben hatte. Nach seinem Ableben führte die Witwe, mit Unterstützung des Schwiegervaters, das Geschäft weiter. Aber auch sie starb nach sieben Jahren 1838 und ließ drei elternlose Kinder zurück.

Balthasar Thieme nahm sie zu sich, er verkaufte sein Haus und Geschäft am Markt und zog auf den Freudenberg. Seine älteste Enkeltochter Karoline verheiratete sich mit dem Vorsteher der Dresdner Kaufmannschaft, Moritz Schubert. Sein zweiter Enkelsohn Hermann studierte die Rechtswissenschaft und wurde Jurist im Dienst des Fürsten von Schönburg-Waldenburg. Die jüngste Enkelin Valentine blieb noch im Hause des Großvaters, der jedoch zunehmend seine Kräfte schwinden und sein Ende herannahen fühlte und sie 1840, zur weiteren Erziehung und Betreuung, der Fürsorge seines Freundes, des Superintendenten Martini und seiner Frau übergab.

Im Juni 1841 verstarb Balthasar Thieme. Er wurde unter großer Anteilnahme auf dem Radeberger Kirchhof beigesetzt, wo er nach einem arbeitsreichen Leben seine letzte Ruhe fand.

Seine Enkelin Valentine wurde im Pfarrhaus streng erzogen. Als der Neffe des Superintendenten, der Vikar Robert Martini, zu Besuch kam, führte die Zuneigung des 37-jährigen zu der 20 Jahre jüngeren Valentine dazu, dass er um ihre Hand anhielt. Der Bruder Valentines veranlasste den zukünftigen Schwager, sich um eine Pfarrstelle in Altstadt Waldenburg zu bewerben, die er auch erhielt, und die 18-jährige wurde nach der Hochzeit Pfarrersfrau zu Waldenburg und bald Mutter von zehn Kindern. Um sich zu erholen, besuchte sie ihre Schwester Karoline in Dresden, wo sie sich erkältete und verstarb, ebenso erging es ihrem Bruder Hermann, der bei der Schwester an einer Lungenentzündung verstarb. Nur wenig später steckte sich ihr Mann, Pfarrer Martini in Waldenburg, bei einem seelsorgerischen Krankenbesuch mit Typhus an, woran er ebenfalls starb und die zehn Kinder als elternlose Waisen zurückließ.

 

©Renate Schönfuß-Krause

Dezember 2019

 

Quellen, Bildnachweise:

  • Aus der Heimat. Beilage zur Radeberger Zeitung v. 2. Juni 1934
  • Radeberger Chronik 1550–1839. Handschriftliches Manuskript. Archiv-Nr. 00003476. Museum Schloss Klippenstein Radeberg
  • Überschrift Zitat von Superintendent Martini