Kulturelles Leben in Radeberg       1945 - 1989

Das kulturelle Leben in Radeberg 1945 - 1989 als Spiegel der Zeit

Erstmals veröffentlicht in:

Radeberger Blätter zur Stadtgeschichte; Heft 10   2012

 

Zusammenbruch und Wiederbelebung

 

Mai 1945. Eines der dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte war zu Ende gegangen. Auf die Kapitulation Hitlerdeutschlands folgte der totale Zusammenbruch dieses Staates mit seinen politischen Verhältnissen, seiner Wirtschaft und seinem Verwaltungssystem. Diesem Zusammenbruch ging aber schon lange der Verfall ethnischer, sittlicher und humaner Werte voraus, ebenfalls der Verfall und die Zerstörung materieller und ideeller kultureller Werte, die Vernachlässigung der Pflege des ungeheuer großen kulturellen Erbes der deutschen Nation - außer der Themen, die zur Ideologie und zu den Zielen des Dritten Reiches gehörten und passten. Bis zum Ende der NS-Zeit war ein Großteil der Menschen mittels ausgeklügelter, psychologisch fundierter Propaganda zutiefst beeinflusst und manipuliert worden, von veränderten Wertevorstellungen, von historisch und kulturgeschichtlich veränderten Verhaltensweisen und von einem veränderten Umgang mit dem kulturellen Erbe (Verbot, Aussonderung und Vernichtung „undeutschen“ Kulturgutes). Kulturelles Leben und kulturelle Traditionen im weitesten Sinne, auch Bildungskultur und Vereinsleben als frühere Form oder Vorläufer der Arbeit in Zirkeln und Bildungsvereinen, waren schon während des 2. Weltkrieges weitgehend erloschen oder gar verboten. Es herrschte unvorstellbare Not, primär wurde für den größten Teil der Menschen der nackte Kampf ums Überleben.

Die Alliierten Besatzungsmächte beschlossen im Potsdamer Abkommen auch die „Umerziehung der Deutschen“. In allen 4 Besatzungszonen nahm dieses Ziel – natürlich unter der Ideologie der jeweiligen Siegermacht und folglich mit unterschiedlichen Ansätzen für die kulturelle Entwicklung - einen wichtigen Platz ein. Gemeinsam war aber auch der nach dem Zusammenbruch entstehende „Hunger nach Kultur“, sei es nach Musik, Literatur, Theater, Film, Rundfunk, Presse, aber auch der Hunger nach Bildung in ihrer Wechselwirkung mit den verschiedensten Kulturgattungen. Denn Kultur ist, manchmal unbewusst, ein wichtiger Bestandteil des Lebens.

Die Besatzungsmächte hatten die Rückbesinnung auf das bessere deutsche Kulturerbe als einen Schritt auf dem Weg zur Demokratie angedacht. Im Osten, in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ), stand also die Wiederbelebung der kulturellen Werte, der deutschen Nationalkultur und der Bildung, gekoppelt mit dem „sukzessiven Anreichern“ mit russischen bzw. sowjetischen Kultur- und Bildungs-Elementen, unter dem Ziel der „klassenbewussten Erziehung zum Sozialismus“. Natürlich nutzte die Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD) als Oberste Besatzungsbehörde in der SBZ dazu ihre administrative Macht und erließ bereits am 25.Sept. 1945 den Befehl Nr. 51 zur „Wiedereinrichtung und Tätigkeit der Kulturinstitutionen“.

Die exekutiven Organe der sowjetischen und deutschen Seiten hatten die Befehle umzusetzen. Der schon am 8. Mai 1945 für Radeberg eingesetzte sowjetische Stadtkommandant Lobodenkow baute mit Persönlichkeiten aus KPD und SPD (Wächtler, Wehner, Brückner, Weitzmann) eine ergänzende zivile Stadtverwaltung auf, zu der auch ein „Kulturamt der Stadt Radeberg“ gehörte. Dieses wurde zum „amtlichen Ausgangspunkt“ für einen keimenden kulturellen Neubeginn. Vordergründig und motivierend war aber sicherlich, dass trotz aller Not und Sorge um das tägliche Überleben das Bedürfnis nach Unterhaltung, nach etwas Lebensfreude, nach Geselligkeit, nach Erleben und Ausleben von kulturellen Interessen jeglicher Art mit Gleichgesinnten, langsam wieder erwachte.

1946 ist das Sachsenwerk Radeberg als Folge der Reparationsleistungen in die „Sowjetische Aktiengesellschaft ‚Gerät‘ Werk Sachsenwerk Radeberg“ (SAG) überführt worden, Iwan M. Fomin wurde Generaldirektor. Er setzte einen „Kulturdirektor“ ein und benannte dafür Wolfgang Bergold, der sich hohe Verdienste erworben hat. Diesen und noch vielen anderen Persönlichkeiten, vor allem aber auch der interessierten Radeberger Bevölkerung, war der rasche und intensive Aufbau eines regen und vielseitigen kulturellen Lebens in Radeberg und Umgebung zu verdanken.

 

 

Neubeginn in der Sowjetischen Besatzungszone

 

Jeder Neustart beginnt mit der Besinnung auf Vorhandenes und dessen Wiederbelebung. Menschen mit gleichen oder ähnlichen Interessen und Bedürfnissen mussten sich wieder finden und im Rahmen der noch beschränkten Möglichkeiten sowie der auferlegten Dogmen neu organisieren. Doch dazu später mehr.

Als eine der ersten Maßnahmen in Radeberg erfolgte schon 1945 die Wiederaufnahme des Filmtheater-Betriebes. Kulturhistorisch hatte das Kino in Deutschland schon immer eine sehr große Bedeutung. Das Bedürfnis der Menschen nach einem gewissen „kulturellen Sofortbedarf“ an Unterhaltung, aber auch nach Ablenkung von den täglichen Sorgen und Belastungen, konnte damit befriedigt werden. Aber seitens der neuen Machthaber standen natürlich die propagandistischen Ziele im Vordergrund. Das „Filmeck“ im bereits 1935 zum Kino umgebauten Saal des „Kaiserhofes“ bot Platz für etwa 400 Zuschauer und verfügte noch über die ehemalige Ballsaal-Bühne, auf der noch in den 1950-er Jahren vor ausgewählten Filmvorführungen variete-artige Live-Bühnenschauen dargeboten worden sind. Das schon 1912 auf der Hauptstraße 40 als Kino-Zweckbau errichtete „Metropol“ (im Volksmund „Oberes Kino“ genannt) hatte ca. 350 Plätze, es wurde nach einem Umbau 1952 als „Filmtheater Freundschaft“ wiedereröffnet. Beide Häuser wurden nach der DDR-Gründung 1949 de facto enteignet und der „Vereinigung Volkseigener Lichtspieltheater“ zugeordnet. Wie so viele Heimstätten des kulturellen Lebens in der DDR sind auch diese Häuser wegen ihres desolaten baulichen Zustandes ersatzlos geschlossen worden („Filmeck“ 1963 und „Freundschaft“ 1987). Diese Kultur-Lücken konnten trotz des veränderten Medien-Verhaltens der Menschen nicht ausgeglichen werden.

Den Initiativen des Kulturamtes der Stadt und des SAG-Sachsenwerk-Kulturdirektors sowie der Förderung durch die sowjetischen und deutschen Stellen ist es zu verdanken, dass sich sehr früh kulturelle Zirkel und Gruppen gebildet haben. Sie setzten sich in den Gründungsphasen zumeist aus Mitgliedern früherer Vereine, Chöre, Kapellen oder anderer Gemeinschaften zusammen. Besonders prägend war dieses kulturelle Potential für den musikalischen Sektor. Gesangsvereine und Chöre hatten seit Beginn der Industrialisierung (vordergründig hier die Radeberger Glasmacherindustrie) eine über hundertjährige Tradition. Das 1930 von Siegfried Hippe neu gegründete „Stadtorchester“ war für höchste Qualität bekannt, es konnte sich auf Betreiben von S. Hippe nach 1945 neu formieren und weiterarbeiten. Mitglieder von zumeist aus Turnvereinen hervorgegangenen Schalmeien-Kapellen und Spielmannszügen bildeten neue Gruppen.

Aber auch auf dem Gebiet der Bildenden Kunst gab es in Radeberg und Umgebung sehr viele Schaffende, die aber sehr oft für sich allein gearbeitet haben. Gemäß der neuen gesellschaftlichen Zielstellung, die Kunst dem gesamten Volke zugängig und dienstbar und zu einem Lebensbedürfnis werden zu lassen, ist schon sehr zeitig eine Konzentration des bildnerischen Schaffens angestrebt und Schritt für Schritt auch erreicht worden. Es ist erstaunlich, dass bereits 1946 Kunstausstellungen in Radeberg stattgefunden hatten. Etwa zeitgleich fand in Dresden die erste „Allgemeine Deutsche Kunstausstellung“ der SBZ statt, die jedoch von rund zwei Dritteln der Besucher abgelehnt worden ist, weil „...die Mehrzahl der Besucher ... sich den Schöpfungen des Expressionismus, Futurismus und Kubismus gegenüber ‚ablehnend‘ verhielten. Sie boten dem Volke keine ihm verständliche, liebenswerte Kunst“ (F. Weitzmann)1. Diese Bewertung, die nichts weiter als das Bedürfnis der meisten Menschen in den ersten Nachkriegsjahren nach etwas Freude und Harmonie in diesen Notzeiten beinhaltete, ist in der Objekt-Auswahl der „3. Radeberger Kunstausstellung vom 3. bis 12. Oktober 1947 in den Räumen der FDJ“ (1) berücksichtigt worden. Beeindruckend war die Vielfalt und Anzahl der Ausstellungsstücke: 79 Bilder und Grafiken von 19 Malern und Zeichnern, darunter Werner Juza, Helmut und Willy Muschter, Herbert Hommola, Karl Stanka, 8 Plastiken, 27 kunstgewerbliche Arbeiten und ca. 10 Arbeiten der Architekten Klein und Thomas. Bei den „Räumen der FDJ“ handelte es sich um die enteignete Groß-Gaststätte „Deutsches Haus“ auf der Bahnhofstraße 17, die zunächst von der „Freien Deutschen Jugend“ (FDJ) genutzt wurde und die nach der im Dez. 1948 erfolgten Gründung der Pionierorganisation zum „Haus der Jungen Pioniere“ umgestaltet worden war. Kinder und Jugendliche erhielten hier eine Vielzahl unentgeltlich nutzbarer Klub- und Zirkelräume einschließlich ehrenamtlicher Zirkelleiter für die unterschiedlichsten Interessen und Hobbys, auch für volkskünstlerische Betätigung. Bis 1949 befand sich darin auch die erste Kinder-Bibliothek. In den 1950-er Jahren wurde das Haus dann zur „Station junger Techniker“ unter Beibehaltung der Zirkel mit kulturellem Charakter umgestaltet. Mangelnde Instandhaltung führte schon zu früher DDR-Zeit zum allmählichen Verfall der Bausubstanz, zu eingeschränkter Nutzung und letztlich zur Schließung. Damit verschwand eine Stätte der konzentrierten kulturellen Betätigung von Kindern und Jugendlichen, die dann im Wesentlichen in die Schulen verlagert worden ist.

 

24. Juli 1948 - Das Radeberger Klubhaus ist das erste in der SBZ

 

Brief an den sowjetischen Kriegsgefangenen Baldauf, der von der Klubhauseröffnung gelesen hatte („Der Motor“ Nr. 2; März 1949)
Eröffnung Kulturhaus Radeberg

Ausschlaggebend für die weitere kulturelle Entwicklung unserer Stadt und beispielgebend für die SBZ war die Eröffnung des ersten Klubhauses in der gesamten SBZ am 24. Juli 1948, hier in Radeberg, auf dem ehemaligen Industriestandort Dresdener Straße 1 (Historie dazu ausführlich in Quelle 2). Das gesamte Objekt war 1942 vom Sachsenwerk Dresden für sein Zweigwerk Radeberg ersteigert worden, somit war die Nutzung durch die SAG Sachsenwerk Radeberg geebnet, und die Fabrik-Gebäude konnten umgebaut werden. Während die beiden vorderen Gebäude für Wohnzwecke vorgesehen waren, wurde aus den beiden hinteren das eigentliche „Klubhaus Sachsenwerk Radeberg“, die Umbenennung in „Kulturhaus Maxim Gorki“ erfolgte erst später. Das talseitige Gebäude ist in allen 3 Etagen mit unterschiedlich großen Klub-Räumen ausgebaut worden, darunter spezielle Musik-, Schach- und Billard-Zimmer. Der größte Teil des Erdgeschosses ist schon ab Januar 1948 als Kindergarten genutzt worden, nach dessen Umzug in neue Standorte 1953 wurde u.a. ein Ballett-Saal eingerichtet. Das mittlere Gebäude erhielt in der 1. Etage einen Saal mit Bühne, das Erdgeschoss wurde Foyer, Besucher-Garderobe und Sanitärbereich sowie Gaststätte mit relativ großer Küche, die auch für die Saal-Versorgung ausreichte. Bemerkenswert weitsichtig, aber für größere Kulturveranstaltungen notwendig, war damals schon der Einbau einer eigenen „Künstler-Garderobe“ unter der Bühne, beides verbunden mit einer separaten Treppe. Damit war dieses Saalgebäude sehr gut ausgestattet und eingerichtet. Am 30.4.1949 fand im Saal die erste Film-Vorführung statt, dafür ist hinter dem Gebäude ein Anbau für die Projektionstechnik errichtet worden. Saal und Klubgebäude waren über einen geschlossenen Verbindungsbau gekoppelt. Mit diesem Gebäudekomplex verfügte die SAG-Sachsenwerk nach damaligen Ansprüchen über ein für alle Genres der kulturellen Arbeit mustergültiges Klubhaus. Es war offen für die gesamte Bevölkerung von Radeberg und Umgebung und bot vielfältigste Veranstaltungen, wie obige Anzeigen von 1949 belegen 4. Mit diesem Haus und den repräsentativen Sälen des „Gasthofes Lotzdorf“ und des „Lindengartens“ (bis 1957, ehemals „Schützenhaus“) mit ihren großen Bühnen verfügte Radeberg bereits vor der Gründung der DDR über 3 Spielstätten für Großveranstaltungen.

 

 

Radeberger Kulturleben in der DDR-Zeit

 

Es muss erwähnt werden, dass Klub- oder Kulturhäuser keineswegs eine Erfindung der DDR oder ihres Vorläufers SBZ waren. Sie setzten vielmehr – natürlich unter anderer Flagge und Zielstellung - die Tradition der Volks- oder Vereinshäuser fort, deren Wurzeln bis in die sozialreformerische Bewegung ins England des 19. Jahrhunderts zurückreichen, um Arbeitern die Möglichkeit der Versammlung, der Bildung und der kulturellen Betätigung zu geben3. Auch das Radeberger „Klubhaus der Werktätigen“ sollte diese originären Aufgaben, jetzt systembedingt aufgebauscht, „...durch Vorträge, Diskussionen, Lektion, Film und Theater das gesellschaftliche Bewußtsein zu steigern, das demokratische Denken und Handeln zu entwickeln, die fachliche Bildung zu erweitern und deutsche Kultur und die Kultur fremder Völker zu pflegen“5 erfüllen. Von der Sowjetunion war die „kulturelle Massenarbeit“ zu lernen, die „Volkskulturbewegung“ sollte in den Anfangsjahren der DDR verstaatlicht werden6. Diese theoretischen Ziele kollidierten natürlich stark mit den Bedürfnissen der Menschen. Nicht nur das Radeberger Klubhaus als mittlerweile kulturelles Zentrum der Stadt normalisierte sich in früher DDR-Zeit zu einer Mehrzweckeinrichtung, in der sich viele individuelle Neigungen entfalten konnten. Die erstaunliche Vielfalt und Vielzahl an Zirkeln, Gruppen, Veranstaltungen unterschiedlichster Größe und Art und vor allem an Teilnehmern aus der ganzen Region zeigt das deutlich. Fördernd und ausschlaggebend für diese Entwicklung waren vor allem 2 Dinge: zum einen die großzügige Finanzierung aus den „Kultur- und Sozialfonds“ der Trägerbetriebe, die wiederum aus staatlichen Fonds und erheblichen Rückfluss-Geldern aus Gewerkschaftsbeiträgen gespeist wurden, sowie zum anderen die sachkundige, einfühlsame und vielseitige Arbeit aller Radeberger Kulturhaus-Leiter (künstlerisch und verwaltungsseitig) über die gesamte DDR-Zeit. Die 40-jährige Entwicklung der Lebensgewohnheiten und -qualität, veränderte Interessen und neue ideelle Einflüsse, auch - wie es damals hieß - „aus dem Westen“, waren dabei einzubeziehen. Maßgebend war aber auch die Entwicklung und rasche Verbreitung des völlig neuen Mediums Fernsehen, das eine damals neue ideologische und kulturelle, natürlich staatlich gelenkte Beeinflussung der Menschen ermöglichte, leider eben auch eine gewisse Bequemlichkeit auf kulturellem Gebiet und rückläufiges Interesse an Veranstaltungen o.ä. hervorbrachte. Nicht unerwähnt bleiben dürfen auch die Beiträge und Leistungen anderer Radeberger Betriebe und ihrer Mitarbeiter, z.B. Eschebach, Brauerei, Beleuchtungsglaswerk u.a.

Die „Kulturelle Massenarbeit“ wurde betrieblich organisiert im „Kultur- und Bildungsplan der sozialistischen Kollektive“. Nicht das Finden, Gestalten und Ausleben individueller Neigungen und Interessen, sondern Teilnahme war das Ziel, damit ist auch mancher „vergrault“ worden. Aber vielseitige kulturelle Großveranstaltungen, wie die jährlichen „Sozialistischen Betriebsfestspiele“ (1971 bis 1989) oder die „Feste der Sozialistischen Kollektive“, brachten u.a. beliebte DDR-Unterhaltungskünstler auf die Radeberger Bühnen und wurden gut und gern besuchte Ereignisse. Jedoch wurden Ausuferungen, wie die „Ökonomisch-kulturellen Leistungsvergleiche“, zumeist nur widerwillig „abgewickelt“.

Im Folgenden kann nur eine kleine Auswahl an Zirkeln, Gruppen und Gemeinschaften vorgestellt werden, die keine Wertung sein soll. Es wird aber ausdrücklich auf die große Vielzahl weiterführender, ausführlicher Literatur zu der Arbeit einzelner Gruppen und Genres volkskünstlerischer und kultureller Arbeit im Radeberger Raum verwiesen.

Das traditionsreiche Musikleben in Radeberg ist als eines der ersten Genres wieder zu hoher Blüte gelangt. Das „Stadtorchester“, 1930 vom Stadtmusikdirektor Siegfried Hippe neu gegründet, wurde auf sein Betreiben hin bereits 1946 wiederbelebt und bildete bis zu Hippe’s Tod 1971 den Kern des qualitativ hervorragenden orchestralen Musiklebens in Radeberg. Ergänzt wurde es von der 1949 gegründeten SAG-Sachsenwerk-Werkskapelle, die von Arno Gebler geführt wurde, 1951 bereits 25 Mitglieder hatte und aus der das „Sachsenwerk-Tanzorchester“ hervorgegangen ist. Ab 1957 gab es gemeinsame Konzerte als „Gemeinschaftsorchester Radeberg“.

Der auf dem großen sängerischen Potential Radebergs begründete „Volkschor Radeberg“ hatte 1948 bereits 110 Mitglieder. Um den zersplitterten schulischen Gesang zu konzentrieren, beschloss 1969 der Rat der Stadt die Bildung eines Kinderchores, dem 1973 bereits 90 Kinder angehörten. Auch hier ist eine so hohe Qualität erreicht worden, dass der Kinderchor 1976 als „Hervorragendes Volkskunstkollektiv“ ausgezeichnet wurde. Nach zeitweisen Rückschlägen wurde dann 1983 innerhalb des Robotron-Volkskunstensembles der „Gemischte Chor“ gebildet, der Vorläufer des heutigen „Frauenchores Radeberg“.

Zur Vielfalt des kulturellen Lebens in Radeberg gehörte auch der kirchenmusikalische Sektor, vertreten u.a. durch Harry Kaiser, Gottfried Kluttig und Wolfgang Junghanß. Kantorei, Kurrende und Posaunenchor hatten auch zu DDR-Zeiten, wenn auch außerhalb der offiziellen Propaganda, ihren hohen Stellenwert.

 

Ein absoluter Höhepunkt des musikalischen Schaffens in Radeberg war das „Große Opern-, Chor- und Orchesterkonzert“ im Rahmen der Sozialistischen Kulturfesttage im Juni 1962 (s. Faksimile „Kreisexpress“ v. 21.6.1962).

Kritik zum Konzert Juni 1962 im Kulturhaus "Maxim Gorki"
Kritik zum Konzert Juni 1962 im Kulturhaus "Maxim Gorki"

Ihre sängerische Ausbildung hatten die Solisten dieses Konzertes, alles Laien (Marianne Dannowsky, Annemarie Wagner, Charlotte Lewy und Karl-Heinz Böhm), im Radeberger Kulturhaus erhalten. Das Radeberger Musikleben in der DDR-Zeit war ungeheuer vielseitig und reich. Der Fanfarenzug, der schon damals auf höchstem Niveau stehende Spielmannszug, das Akkordeon- und das Zupforchester und der Kammermusikzirkel gehörten ebenso dazu wie das 1948 gegründete „Radeberger Tanz- und Unterhaltungsorchester“ und die vielen Tanzmusik-Combos wie z.B. die „ARGIBAS“, „Studio 2“ oder die „Temps“.

 

Ballettmeisterin Lisetta Peroll  (7)
Ballettmeisterin Lisetta Peroll (7)

Bereits im Januar 1953 wurde die Ballettmeisterin Lisetta Peroll für den Aufbau eines Kinderballetts gewonnen. Sie hat es hervorragend verstanden, eine Ballettgruppe zu schaffen, die 1958 bereits ca. 30 Kinder umfasste und in vielen öffentlichen Veranstaltungen mitwirkte. Junge Tänzerinnen aus der daraus hervorgegangenen Tanzgruppe des Robotron-Ensembles gehörten 1978 zur DDR-Delegation zu den „Weltfestspielen der Jugend und Studenten“ in Kuba.

1951 erhielt der Leiter der SAG-Werbeabteilung, Konrad Lilge, von Kulturdirektor Bergold den Auftrag, einen „Mal- und Zeichenzirkel“ für interessierte Werktätige zu organisieren. Der Dresdner Maler und Grafiker Kurt David wurde für die künstlerische Leitung gewonnen. Schon 1952 übernahm der Dresdner Maler und Grafiker Rosso Majores die künstlerische Leitung. Der Zirkel mit etwa 20 Mitgliedern, von Schülern bis zu gestandenen Ingenieuren, entwickelte sich unter dem Dach des Kulturhauses Maxim Gorki zu einer festen Künstlergemeinschaft. Majores führte die Zirkel-Teilnehmer über die gesamte DDR-Zeit zu außerordentlichen Erfolgen, der Zirkel erhielt 1966 den „Kunstpreis des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes“. Rosso Majores wurde 1970 für sein bildnerisches Volksschaffen mit dem „Nationalpreis der DDR“ ausgezeichnet. Ausstellungen zu den DDR-weiten „Arbeiterfestspielen“ und die Beteiligungen an internationalen Volkskunst-Ausstellungen in sozialistischen Staaten, aber auch in Schweden, Finnland, Dänemark und Ägypten, motivierten die Mitglieder immer wieder zu Höchstleistungen.

Das Kulturhaus suchte 1960 interessierte junge Leute für die Gründung eines Laienspiel-Theaters. Unter der Leitung von Gertraude Scheibe vom Staatstheater Dresden entwickelte sich schnell eine kleine Truppe zu einer leistungsfähigen Mannschaft, die schon sehr früh mit kleinen Stücken aufgetreten ist. In Zusammenarbeit mit dem „Zirkel schreibender Arbeiter“ des VEB Rafena-Werke sind Rezitations-Programme, insbesondere mit Arbeiten von Peter Kahnt und Dr. Erik Tauchmann, aufgeführt worden. Schon 1962 kam ein erstes Schauspiel auf die Bühne. Der Höhepunkt war 1963 die Einstudierung und Aufführung des anspruchsvollen und –zu damaliger Zeit- äußerst aktuellen gesellschaftskritischen Schauspiels „Irkutsker Geschichte“ des sowjetischen Autors A. Arbusow, das durchaus aktuelle Bezüge zum Aufbau und Leben in der DDR hatte und zeitgleich in vielen Berufstheatern gespielt wurde, u.a. im Großen Haus der Staatstheater Dresden. Ausnahmslos alle Arbeiten, bis zur Bühnentechnik und -ausstattung und Tontechnik, sind von den Mitgliedern der Laienspielgruppe selbst und natürlich unentgeltlich ausgeführt worden. Aufführungen dieses Stückes füllten nicht nur den Saal des Radeberger Kulturhauses. Die Qualität dieser Aufführungen führte 1964 zur Verleihung des Titels „Arbeitertheater“ und damit zum neuen Namen der Gruppe. Auch hier sei angemerkt, dass die „Arbeitertheater“ keine Schöpfung der DDR waren, sondern, ähnlich wie die Klubhäuser, eine lange Tradition bis in die 1870-er Jahre hatten. Bereits 1910 ist in Leipzig eigens dafür der „Arbeitertheater-Verlag“ von A. Jahn gegründet worden (1933 verboten), der insbesondere Rollenbücher und Musikalien vertrieben hat.

Das Arbeitertheater bildete nun über die DDR-Zeit hinweg einen stabilen Baustein des kulturellen Lebens im Territorium, sei es mit Märchenaufführungen, weiteren Schauspielen oder Beiträgen in anderen Veranstaltungen. Beispielsweise wurden gemeinsam mit dem Laientheater Reichenau 2 Stücke von Lessing auf die Bühne gebracht. Bemerkenswert war 1987 die Aufführung „Ich bin Hakawati, ein fiktives Gespräch mit Karl May“ in Coswig, dieses Stück wurde auch 1988 zur Gründung des „Freundeskreises Karl May“ in Leipzig gespielt.

Unter der Leitung von Siegfried Schütze ist 1953 der Fotozirkel des VEB Sachsenwerk Radeberg gegründet worden. Im Kulturhaus stand ein eigener Raum mit 2 Dunkelkammern, Nass-Strecke und diverser Fototechnik zur Verfügung, was sich kaum einer zuhause leisten konnte. Es gab aber in Radeberg mehrere Foto-Zirkel, die Anfang der 1960-er Jahre aufgrund ihrer Trägerschaft durch den jeweiligen Betrieb oder die Kulturelle Organisation zersplittert waren und wenig Kontakte untereinander hatten. Mit der Zusammenführung der Potentiale und mit neuen, klaren Zielstellungen ist die Basis für weit höhere Qualität geschaffen worden. Es ist im Rahmen dieses Artikels nicht möglich, die äußerst vielseitige und umfangreiche künstlerische und dokumentarische Arbeit des Foto-Klubs, der 1976 den Titel „Hervorragendes Volkskunstkollektiv“ errungen hatte, ausreichend darzustellen. Deshalb sei hier auf die weiterführende Literatur verwiesen.

 

Viele Bestandteile des Kulturlebens in Radeberg von 1945–1989 konnten hier nur angerissen werden oder sind in anderen Literaturquellen umfassend dargestellt. Maßgeblich mitbestimmt wurde das vom Kulturhaus „Maxim Gorki“ als kulturellem Zentrum der Stadt, das 1982 mit der „Ehrenurkunde des Zentralvorstandes des FDGB“ ausgezeichnet worden war (allein in diesem Jahr 979 Veranstaltungen mit ca. 110.000 Besuchern!). Nicht zu unterschätzen sind auch die literarischen Medien, wie das Monatsheft „Radeberger Kulturleben“, das von 1955 bis 1976 erschienen ist, und die Stadtbibliothek mit ihrer enormen Entwicklung.

 

In der Wendezeit nach 1990 wurde viel über die Kultur-Vergangenheit der DDR diskutiert. Was war DDR-Kultur und welche Rolle spielte sie in den fast 45 Jahren SBZ- und DDR-Geschichte? War sie nur ein ideologisches Machtinstrument des herrschenden Systems? Oder war sie Selbstzweck, weil sich vielleicht einzelne Elemente zeitweise „verselbständigt“ hatten? Oder war es nicht einfach das Bedürfnis der meisten Menschen, einfach Freude am Erleben und Genießen von Kunst und Kultur oder sogar beim eigenen aktiven kulturellen Schaffen zu haben, egal ob mit Gleichgesinnten oder allein, und dabei eine tiefe Freude zu empfinden? Viele Fragen, die Antworten möge jeder für sich selbst finden. Unstrittig ist aber, dass unser Leben in dieser Zeit ohne diese Vielfalt an kulturellen Möglichkeiten und Erlebnissen um vieles ärmer gewesen wäre und dass diese Möglichkeiten in der DDR für jeden Interessierten kostenlos und mit sehr guter fachlicher Anleitung geboten worden sind.

 

Quellen

1   „Kunstausstellung Radeberg 1947“,  Hsg. Kulturamt der Stadt Radeberg,  SLUB Dresden

2   B. Rieprich:  „Dresdner Straße 1, ein alter Industriestandort“;  Radeberger Blätter Nr. 7

3   Hain / Schroedter / Stroux:   Die Salons der Sozialisten – Kulturhäuser in der DDR;
      Christoph Links Verlag Berlin 1996

4   „Der Motor“  Betriebszeitung SAG Sachsenwerk Radeberg,  ab Ausgabe 2/1949,

      und Nachfolger

5  Chronik des VEB RAFENA-WERKE  Radeberg 1915-1957 

     Hsg:   SED-Betriebsparteiorganisation

6   H. Groschopp: Kulturhäuser in der DDR, Versuch einer historischen Rekonstruktion;
      Potsdam 1994

7   Radeberger Kulturleben;  Heimat-Schrift für Radeberg und Umgebung;
     Hsg.  Rat der Stadt Radeberg in Zusammenarbeit mit dem Kulturbund,  1955 - 1976

 

Weiterführende Literatur zum Radeberger Kulturleben:

B. Liebig: Radeberger Kinogeschichte;  Radeberger Blätter  04/2006

G. Stresow:  Zur Geschichte des Radeberger Posaunenchores; Radeberger Blätter  05/2006

R. Ohl:     Unsere Radeberger Stadtbibliothek im Wandel der Zeiten; Radeberger Blätter 06/2008

 B. Liebig: Reminiszenzen aus dem Radeberger Musikleben;  Radeberger Blätter  07/2009

Gebauer/Kaulfuß/Seifert:  Chronikgeschichten des Radeberger Fotozirkels,  in „Radeberger Alltagsimpressionen“;  Sutton Verlag 2009

Gebauer/Lichtenberger:  Kultur,  in „Bilder aus der DDR - Radeberg“, Sutton Verlag 2003

 


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Kulturelles Leben in Radeberg 1945 - 1989 als Spiegel der Zeit
Das kulturelle Leben in Radeberg 1945 - 1989 als Spiegel der Zeit , Druckversion, verfasst 2012
Kulturelles Leben in Radeberg 1945-1989.
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