Frauenwahlrecht seit 1919, Emanzipation, Frauentag

Die Uhr kann man anhalten -

die Zeit nicht


19. Januar 1919  bis  19. Januar 2019 - 100 Jahre Frauenwahlrecht

Dieser Spruch „Die Uhr kann man anhalten - die Zeit nicht“ hat seine tiefe Bedeutung für viele Bereiche unseres Lebens bis in die heutige Zeit beibehalten und wird voraussichtlich, dank seiner Aktualität, auch weiterhin keine Einbuße erfahren. Denn Uhren anzuhalten, wenn möglich Uhren sogar zurückzustellen, um eigene Interessen und Vorteile durchzusetzen oder Macht zu erhalten, war schon immer gängige Maxime… Aber Zeit bleibt nie stehen, das Rad der Geschichte dreht sich weiter.

Der Spruch trifft auch in ganz besonderem Maße auf die Stellung der Frauen in der Gesellschaft zu, die sich nach Jahrhunderten der Unmündigkeit in Frauenbewegungen zu organisieren begannen und für ihre Gleichberechtigung in Staat und Gesellschaft einsetzten. Ganz gleich, ob man die Situation und Wertigkeit von Frauen nun historisch betrachtet oder aber auch bereits wieder in unserer Gegenwart analysiert - immer noch, oder bereits wieder (?) kämpfen Frauen um die Gleichstellung der Geschlechter, gegen die überlieferten und veralteten Geschlechterrollen, gegen Bevormundung, Ungerechtigkeiten und soziale Ungleichheit.

 

Die „Unsichtbaren“ -

das waren Frauen über viele Jahrhunderte hinweg. Sie wurden in einer von Männern dominierten Welt als ein „notwendiges Übel“ angesehen, von Bildungsmöglichkeiten weitestgehend ausgeschlossen, und selbst bei der Taufe ihrer Kinder fanden sie bis weit in das 18. Jahrhundert hinein kaum Erwähnung in den Kirchenbüchern. Immer unter Vormundschaft ihrer Väter, Brüder oder Ehemänner gehalten, hatten Frauen keine Möglichkeiten, eigene Rechte einzufordern. Auch das Wahlrecht blieb ihnen versagt. Erst nach den Ereignissen der Französischen Revolution (1789-1799) begann Anfang des 19. Jahrhunderts langsam ein Umdenken. Ein opferreicher Weg, wenn man an die unter der Guillotine in Frankreich hingerichtete Olympe de Gouges (1748-1793) denkt, die für ihre mutige Überzeugung und ihr Dekret „Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin“ ihr Leben lassen musste. Viele engagierte und kluge Frauen setzten sich seit der Französischen Revolution 1789 vehement für Frauenrechte als selbstverständliche Menschenrechte ein, für die Gleichwertigkeit aller Menschen.

Frauen demonstrieren 1918 für das Wahlrecht. Quelle: www.bonnections.de
Frauen demonstrieren 1918 für das Wahlrecht. Quelle: www.bonnections.de

Als die „Unsichtbaren“ sichtbar wurden.

Mit Beginn der Industrialisierung im 19. Jahrhundert erfolgten durch gebildete Frauen des Bürgertums die ersten Versuche, Frauen durch Gründungen von Frauenvereinen zu organisieren und Programme für eine Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse aufzustellen. Erste mutige Frauenrechtlerinnen, wie der Kreis um die aus Meißen stammende Louise Otto-Peters (1819-1895) und die Leipzigerin Auguste Schmidt (1833-1902), erkannten ganz richtig, dass Frauen nur durch Zugang zu Bildung, eigener Arbeit und selbstverdientem Geld unabhängig von Männern und damit auch frei in Entscheidungen werden würden. Sie forderten in ihren Programmen das Wahlrecht für Frauen, die Möglichkeiten einer höheren Bildung, Zugang zu Universitäten und die Einbeziehung in öffentliche Angelegenheiten. Bereits 1848 forderte Otto-Peters in einer „Adresse an den hochverehrten Minister Oberländer in Dresden: Meine Herren! Im Namen der Moralität, im Namen des Vaterlandes, im Namen der Humanität fordere ich Sie auf: Vergessen Sie bei der Organisation der Arbeit die Frauen nicht!“ Der Beginn der Frauen- bzw. Emanzipationsbewegung war damit eingeleitet und wurde durch die nächste Generation Frauenrechtlerinnen unter Führung von Clara Zetkin (1857-1933) fortgeführt. Die Verwirklichung dieses Gedankengutes benötigte jedoch, in einer von Männern dominierten Gesellschaftsordnung, noch eine lange Wegstrecke, die Überwindung vieler Hürden, die Veränderung der bestehenden Gesellschaftsordnung.

Demonstration für das Frauen-Wahlrecht 1918. Quelle: DW Berlin
Demonstration für das Frauen-Wahlrecht 1918. Quelle: DW Berlin

November 1918 war die Zeit reif…

Das Ende des Ersten Weltkrieges (11. Nov. 1918) und der Sturz der Monarchie wurden zu einem wichtigen Meilenstein in der Geschichte Deutschlands, der mit dem Beginn der ersten Demokratie in Deutschland einherging. Mit einem, aus heutiger Sicht kaum vorstellbaren Tempo, wurde mit einem Federstrich nach dem Sturz der Monarchie von der Übergangsregierung unter Friedrich Ebert (SPD) das bisherige Wahlrecht demokratisiert. Bereits am 12. November 1918 wurden durch den „Rat der Volksbeauftragten“ dem deutschen Volk neue Wahlen angekündigt, „an denen alle über 20 Jahre alten Bürger beider Geschlechter mit vollkommen gleichen Rechten teilnehmen werden“. Schon am 30. November 1918 wurde das Frauenwahlrecht im Reichswahlgesetz verankert - der Schritt, der heute als Geburtsstunde auf dem Weg zur Gleichberechtigung der Frauen angesehen wird.

Am 19.Januar 1919 konnten Frauen erstmalig an der Wahl teilnehmen.

Die Geburtsstunde von Demokratie und Emanzipation nahm damit vor 100 Jahren ihren Anfang. An diesem Tag fand die erste und einzige, in Deutschland je allgemein und demokratisch geführte Abstimmung für die Wahl der Nationalversammlung statt, und Frauen konnten erstmals im Deutschen Reich wählen oder gewählt werden.

19. Januar 1919: Wegen der hohen Wahlbeteiligung mussten die Frauen z.T. stundenlang vor den Wahllokalen anstehen. Quelle: www.kronshagen.de
19. Januar 1919: Wegen der hohen Wahlbeteiligung mussten die Frauen z.T. stundenlang vor den Wahllokalen anstehen. Quelle: www.kronshagen.de

Das war nach Jahrhunderten der Unterdrückung revolutionär, bis dahin kaum vorstellbar. Und sie nahmen ihre Rechte wahr und wählten in großer Mehrheit – die Schlangen vor den Wahllokalen waren 100 Meter und mehr lang, manchmal mussten die Wähler mehrere Stunden warten, bis sie an die Reihe kamen. Die Zeitungen berichteten: „Erstmals sitzt am Wahltisch als Beisitzer eine Frau - die hätte dort früher nichts zu suchen gehabt - und dann sind unter den Wählenden mehr als die Hälfte als weiblichen Geschlechts zu bezeichnen“. Über 80% der Frauen gingen wählen. Ein Wendepunkt in der Geschichte setzte ein, bis heute bedeutsam. Mit dieser politischen Entwicklung und den daraus resultierenden Erkenntnissen, dass die Wählerstimmen der Frauen und ihr Wahlverhalten auch durchaus ein nicht zu unterschätzendes Kräftepotential für Parteien waren, begann das Nachdenken über ernsthafte Konzepte für Frauen, ihre Mitwirkung und Einbeziehung, auch in Themen des Staates. Jedoch sollte es durch die Katastrophe des Hitlerregimes (1933-1945) und den Zweiten Weltkrieg nochmals bis nach 1945 dauern, bevor sich in dem nun geteilten Deutschland, mit seinen zwei unterschiedlichen Staaten, die Emanzipation der Frau weiter vollziehen konnte.

Zwei Gesellschaftsordnungen -

zwei unterschiedliche Uhren ticken in einer Zeit.

Die weitere Entwicklung des Frauenrechts fand jedoch in dem geteilten Deutschland durchaus in sehr unterschiedlicher Form und unterschiedlichem Tempo statt. Und noch mehr mit unterschiedlicher Lautstärke. Bereits am 8. März 1947 war die Gründung des Demokratischen Frauenbundes Deutschlands (DFD). Ab 1949, mit Gründung der zwei deutschen Staaten, wurde diese Frauenorganisation in der DDR zur Massenorganisation, hingegen in der BRD ab 1950 in die Landesverbände aufgenommen und 1957 als verfassungsfeindliche Organisation verboten. In der DDR stellte der DFD anteilig Abgeordnete für die Volkskammer, die sich für die Realisierung der Verfassungsgrundsätze der Gleichberechtigung der Frau einsetzten. Mit diesen Voraussetzungen vollzog sich nach dem Zweiten Weltkrieg im Osten Deutschlands der Prozess der Gleichberechtigung von Frauen, schon auf Grund der hier vorherrschenden wirtschaftlichen Situation und unabdingbaren Notwendigkeit der Einbeziehung von Frauen in den Erwerbs- und Arbeitsprozess, fast unbemerkt und selbstverständlich. Eine neue Sicht auf die Stellung der Frau begann, die nun in diesem Teil Deutschlands mit ihrer Arbeitskraft einen hohen Stellenwert erhielt und durch ihre Mitarbeit zur Hebung des Lebensniveaus der Familie beitrug. Selbstverständlich im Konsens mit den Männern, denn auch für sie hatte eine neue Sicht begonnen, weg von dem Rollenbild ihrer Väter und Großväter, die noch als Alleinverdiener die „Bestimmer in allen Lebensfragen“ für das Wohl der Familie gewesen waren. Auch die Männer lernten nun, die Frau als gleichberechtigten Partner mit ihren Wünschen und Vorstellungen zu akzeptieren, sie ganz selbstverständlich bei Ausübung ihres Berufes, der Hausarbeit und Kinderversorgung, aber auch bei Weiterbildungsmaßnahmen zu unterstützen. Die Grundlagen der Emanzipation, u.a. durch Gleichstellung der Geschlechter, weg von der patriarchalischen Tradition, fand ganz normal Eingang in das tägliche Leben, und wer erinnert sich nicht noch heute, wie ungewohnt es war und wie diese ersten „emanzipierten Männer“ auch belächelt wurden, als sie fortschrittlich selbst den Kinderwagen mit ihrem Nachwuchs schoben… Von staatlicher Seite aus erfolgte bereits ab der Staatsgründung der DDR 1949 die Förderung und Unterstützung dieses Prozesses durch eine Vielzahl von Staats- und Ministerratsbeschlüssen zur Förderung der Frauen und der Familie, bis hin zur Schaffung von Kinderbetreuungsmöglichkeiten. Ab Mitte der 1960er Jahre wurde verstärkt die Umsetzung des Rechts auf Bildung in den Fokus der Frauenförderung gestellt, von der Berufsausbildung bis hin zu den Möglichkeiten eines Abendstudiums, Frauensonderstudiums, oder Qualifizierung in Frauenakademien.

Im Gegensatz zu dieser Entwicklung in der DDR bildete sich in der BRD, auf Grund anderer wirtschaftlicher Voraussetzungen, ein zwangsläufig anderes Situationsbild heraus, das die Einstellung der Männer gegenüber Frauenarbeit prägte. Die Frauen in Westdeutschland wurden nach Gründung der Bundesrepublik 1949 wieder in eine restaurative Familien- und Geschlechterpolitik mit der traditionellen Geschlechterrolle gedrängt.

Ihr Rollenklischee sah für sie weiterhin, wenn möglich ohne große Ausbildung, das Warten auf die „gute Partie“ vor. Die Frau nahm wieder die Rolle der Hüterin des Heimes und der von ihrem Ehemann wirtschaftlich abhängigen Hausfrau und Mutter ein. Noch im Jahr 1978 (!) nahm der geistreiche Spötter und Satiriker Loriot, einer der besten deutschen Humoristen überhaupt, mit seinem feinen Spott seine Zeit auf die Schippe. In seinen Sketchen „Jodeldiplom“ und „Husarenzipfel“ geißelt er witzig die Hohlheit seines Gesellschaftssystems, wenn er die Hausfrau Frau Hoppenstedt (Evelyn Hamann), die einen Jodelkurs besuchte, sagen lässt: „Wenn die Kinder aus dem Haus sind, da habe ich nach zwei Jahren Jodelschule mein Jodeldiplom. Da hab ich was in der Hand. Und ich habe als Frau das Gefühl, dass ich auf eigenen Füßen stehe. Da hab ich was Eigenes. Ich möchte auch als Frau eine sinnvolle Tätigkeit ausführen und nicht nur am Kochtopf stehen und meinem Mann die Hausschuhe hinterhertragen. Mein Mann möchte eine echte Partnerin haben, die ihre eigenen geistigen Fähigkeiten entwickelt – für die Familie, für die Gesellschaft“. Seine Karikatur der Gesellschaft macht heute noch sprachlos…

Frauen-Demonstration in den 1960er Jahren in der BRD. Quelle: feste-kämpfe-4
Frauen-Demonstration in den 1960er Jahren in der BRD. Quelle: feste-kämpfe-4

Erst mit den Protesten der „68er“ Studentenbewegung und der daraus hervorgehenden Frauenbewegung begannen ab Mitte der 1970er Jahre Frauen in Westdeutschland ihre Rechte und Ziele lautstark zu artikulieren, wobei sich durch bewusste Verzögerung der staatlichen Entscheidungsfristen manche Forderung auch regelrecht „totlief“, wie das Gleichberechtigungsgesetz von 1957, das auch zum Zeitpunkt der Verabschiedung noch unvollkommen war. Auch hier war die DDR wieder Vorreiter gewesen, denn bereits in der Verfassung 1949 mit dem Artikel 7 Abs.1, wurde ohne größere Diskussion festgeschrieben: „Mann und Frau sind gleichberechtigt“, Abs. 2: „Alle Gesetze und Bestimmungen, die der Gleichberechtigung der Frau entgegenstehen, sind aufgehoben“.

Es ist unstrittig, dass die Politik der damaligen DDR die Wahrnehmung und Durchsetzung von Frauenrechten und Fraueninteressen zum Staatsziel erklärte und die Realisierung des Gleichberechtigungsprinzips in der Verfassung festgelegt hatte (Gesetze über Mütter- und Kinderschutz, Rechte der Frau, gleiche Entlohnung für gleiche Arbeit, Qualifizierung für Leitungspositionen, Bau von Kinderkrippen und -gärten). Natürlich vom Staat nicht uneigennützig geregelt, denn über 90 % berufstätiger Frauen (bis 1989) waren mit ihrer Arbeitskraft ein wichtiger, nicht zu unterschätzender Faktor der Volkswirtschaft. Auch deshalb wurde „Die Frauenfrage im real existierenden Sozialismus zum Teil der sozialen Frage“ erhoben. Sie mussten also nicht protestierend, kreischend oder Tomatenwerfend (Sept.1968 in Frankfurt/M.) auf sich aufmerksam machen, wie ihre Geschlechtsgenossinnen in der BRD. Außerdem waren Tomaten in der DDR Mangelware und wurden, wenn überhaupt erhältlich, lieber für die Versorgung der Familie eingesetzt, statt als Wurfgeschosse. Ostdeutsche Frauen und Mütter waren auch nicht „Heimchen am Herd“, sondern zumeist gut ausgebildet, in Vollbeschäftigung, Weiterbildung und Qualifizierung eingebunden und hätten deshalb kaum Zeit für solche Aktionen gefunden.

Frauen der Bundesrepublik hatten es dagegen nicht so einfach, sie mussten weiterhin, wie vor Einführung des Frauenwahlrechts 1919, um die Teilhabe an gesellschaftlichen Entscheidungen lautstark kämpfen. Ihre Themen waren gleichberechtigte Beteiligung an Erwerbsarbeit, existenzsichernde Löhne, Zugang zu Bildungsmöglichkeiten, Selbstbestimmungsrecht über Kinderwunsch und Schwangerschaft, gegen Misshandlung und Gewalt an Frauen und Kindern. Alles Forderungen, die im Osten Deutschlands längst Verwirklichung gefunden hatten und wo es, trotzt mancher Unzufriedenheit, zumindest in diesen Fragen „ruhig“ zuging.

Diese „Ruhe“ verführte offensichtlich Frauenrechtlerinnen der Altbundesländer in der sogenannten Wendezeit zu der Schlussfolgerung, dass Frauen der DDR bisher absolut keine Ahnung von Frauenrecht, Emanzipation und sexueller Befreiung gehabt hätten. Wortreich sahen sie sich, nach der Wiedervereinigung mit Feministinnen wie Alice Schwarzer an der Spitze, als das einzige und wahre „Non plus Ultra“ der Emanzipationsbewegung an. Da in ihrer Welt die „Ostzone“ der weiße Fleck auf Landkarten war, hatten sie sich nie für das Land, noch weniger für das Leben seiner Bewohner interessiert und konnten deshalb auch nicht wissen, dass Frauen in Ostdeutschland viele Privilegien der Gleichberechtigung in ihrem Alltag bereits ganz selbstverständlich schon lange besaßen, für die sie in der bundesdeutschen Frauenbewegung noch lautstark demonstrierten. Die westdeutsche Sozialwissenschaftlerin und Historikerin Dr. Gisela Notz gehört zu den wenigen kompetenten Wissenschaftlerinnen und Ausnahmen, die sich offenbar mit der Wiedervereinigung Deutschlands der Mühe einer sachlich-unvoreingenommenen Untersuchung der Entwicklung des Frauenrechts zwischen BRD und ehemaliger DDR unterzogen hat. Ihre Veröffentlichungen dürften vielen in den Altbundesländern nicht gefallen haben, wenn sie bereits 1990 feststellte: „Die Frauen in der DDR haben viel zu verlieren - sie wissen das. Die Frauen in der BRD könnten viel gewinnen – wenn sie endlich fordern, dass das, was gut war in der DDR, in das westliche Rechts- und Sozialsystem übertragen wird. Deswegen ist es dringend an der Zeit, dass Frauen aus Ost und West gemeinsam Strategien für eine zukünftige Frauenpolitik entwerfen“. Die Gründung des UFV 1989 erfüllte die Hoffnungen nicht.

 

 

Wie sind die Uhren nach 100 Jahren Frauenwahlrecht heute gestellt?

Diese Frage kann sich, oder besser gesagt, sollte sich, jeder selbst beantworten. Bereits die Niederschriften aus der Zeit der „Runden Tische“ 1989 ließen den zukünftigen Stellenwert der Frauenfrage unschwer erkennen: „In einem geeinten Deutschland darf sich die rechtliche, ökonomische und soziale Lage der Frau nicht verschlechtern“ – jeder, der aufmerksam war, konnte diese Aussage richtig zuordnen: Die Rede war von „nicht verschlechtern“. Ging man nun dabei als Grundlage von der momentanen Ost- oder Westsituation aus? Auch das klärte sich schnell: In den folgenden Vereinigungsdebatten wurde Frauenpolitik weitestgehend ausgeschlossen.

Weitere berechtigte Alarmsignale hätten nach der Wiedervereinigung 1990 auch erste Interviews des Sozialministers auslösen müssen, der seiner Freude darüber Ausdruck verlieh „das nun endlich auch die Frauen der ehemaligen DDR die Möglichkeiten haben, ihrer Bestimmung als Frau und Mutter nachkommen zu können“. Welche „Bestimmung“ die Frauen erwartete, zeigte bald die prekäre Situation auf dem Arbeitsmarkt. Hatte die ehemalige DDR mit ihren politischen Rahmenbedingungen bisher die Vollzeitbeschäftigung von Männern und Frauen gleichermaßen gefördert, wurde nun mit Übernahme westdeutscher sozialpolitischer Rahmenbedingungen versucht, das Erwerbsverhalten ostdeutscher Frauen dem Niveau der westdeutschen Frauen anzupassen. Viele ostdeutsche Frauen, die bisher auf Grund ihrer Ausbildung und Förderung auf dem Arbeitsmarkt in Vollzeitbeschäftigung ganz selbstverständlich erwerbstätig und vom Manne wirtschaftlich unabhängig waren, sahen sich nun, nach der Wiedervereinigung, einer Arbeitsmarktlage gegenüber, die für die allermeisten unerträglich wurde. Zusätzlich noch mit Empfehlungen konservativer Politiker begleitet, die hofften, dass sich ostdeutsche Frauen dem „Hausfrauenmodell“ der Altbundesländer zuwenden würden. Diese Angleichung wird, nach wie vor, von den meisten Frauen generationsübergreifend bis heute in Ostdeutschland abgelehnt.

Radeberger Zeitung vom 17.12.1918
Radeberger Zeitung vom 17.12.1918

Statt Arbeit kam für die Frauen der ernüchternde Gang zum Arbeitsamt. Dieses Modell bedeutete wieder längst überwundenen Rückschritt in soziale Abhängigkeit des Mannes, oder, wenn diesen das gleiche Schicksal des Arbeitsplatzverlustes traf, gemeinsame Abhängigkeit vom Staat. Eigentlich das Schlimmste, was man Menschen überhaupt antun kann, dass man ihnen das Menschenrecht auf Arbeit vorenthält, ihnen statt Arbeit Unterstützung und Almosen reicht, sie in Abhängigkeiten bringt und vielen damit auch Stolz und Würde nimmt. Bereits 1889 wurde auf dem „Internationalen Arbeiterkongreß“ zu Paris festgestellt: „Diejenigen, welche auf ihr Banner die Befreiung alles dessen, was Menschenantlitz trägt, geschrieben haben, dürfen nicht eine ganze Hälfte des Menschengeschlechtes durch wirtschaftliche Abhängigkeit zu politischer und sozialer Sklaverei verurteilen.“ Das scheint weltweit aktueller denn je zu sein.

Darüber sollte jeder nachdenken! Nachdenken auch durchaus darüber, was diese Situation der Abhängigkeit auf Dauer insgesamt aus Menschen macht, die nicht mehr gebraucht werden, sich wertlos fühlen. Ganz gleich, ob es Männer oder Frauen betrifft, wird es zu einer Veränderung des gemeinsamen Miteinander führen. Wie sonst erklärt man sich sonst die zunehmende Gewalt in Ehe und Familie? Zum Teil nie gekannte, selbstzerstörerische und grausame Exzesse gegen Frauen und Kinder? Wie sonst erklärt man sich die Notwendigkeit, verstärkt Frauen- und Männerhäuser für die Fluchtmöglichkeiten aus unerträglichen, zumeist durch finanzielle Abhängigkeit hervorgerufenen unlösbaren Beziehungen, bereitzustellen? Diese Häuser werden vom Sozialstaat gefördert und geschaffen – das eigentliche Grundübel wird nicht angegangen: Arbeit zu schaffen, damit Frauen und Männer wieder unabhängig werden und aus unerträglichen Situationen selbstbestimmt gehen können. Vielmehr verweist das Bundesfamilienministerium auf das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“, um Betroffenen Mut zu machen, Gewaltprobleme zu beseitigen. Die Gesellschaft verändert sich, und die Gewaltbereitschaft nimmt eine neue, beängstigende, auch noch nie dagewesene Dimension an: Vergewaltigung, Kindesmissbrauch, Männer, Väter und Brüder begehen „Ehrenmorde“ an weiblichen Familienangehörigen, die Medien berichten von „Männern“, die verstärkt ihre Beziehungsprobleme mit dem Messer lösen. Aber auch um die einstigen anderen Forderungen der Generationen von Frauenrechtlern in Deutschland scheint es schlecht bestellt zu sein. Noch immer oder schon wieder kämpfen sie für die Gleichstellung von Mann und Frau, jetzt auch um Gleichberechtigung innerhalb der Geschlechter, „Gender-Mainstreaming“ genannt. Wieder wird für den Zugang zu Arbeit und Politik, für „Gleichen Lohn für gleiche Arbeit“, gegen den Paragraphen 218, gegen Misshandlung und Gewalt an Frauen und Kindern gekämpft.

 

Alles Forderungen, die bereits die Gründergeneration der Frauenbewegung gestellt hatte - Gleichberechtigung beginnt also nicht nur mit dem Wahlrecht 1918, was zweifelsohne ein sehr wichtiger Schritt war, sondern immer wieder in erster Linie mit dem Zugang und der Möglichkeit zur eigenen existenzsichernden Arbeit.

Nicht nur viele junge Frauen sehen die Gleichberechtigung der Geschlechter noch nicht verwirklicht…

 

 

©Renate Schönfuß-Krause

Januar 2019

 

 

Quellen:

 

  • Clara Zetkin: „Für die Befreiung der Frau“, Internationaler Arbeiterkongreß, Paris1889
  • Sven Kellerhoff: „Wie Frauenwahlrecht die Politik stabilisierte“, DIE WELT 19.1.2009
  • Gisela Notz: Flugblatt des UFV, Ost-West-Frauenkongress Berlin 1990
  • BMFSFJ: „Hilfetelefon: Gewalt gegen Frauen“, 5. März 2018