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Apfelsinen-Dampfer, Apfelsinenschiff, Weihnachtsmarkt in Radeberg
Apfelsinendampfer, Apfelsinenschiff, Bückware, Versorgung mit Mangelwaren in der DDR besonders in der Vorweihnachtszeit, Weihnachtsmarkt in Radeberg zu DDR-Zeiten, Geflügelte Jahresendfiguren statt Engel, Schlange stehen - Zuteilungen nicht nur von Bier und Südfrüchten - Vorweihnachtszeit in Radeberg.
Aber auch Zusammenhalt der Menschen, Freude am Schenken und Gemeinschaftssinn prägten diese Zeit.
Apfelsinen-Dampfer, Weihnachten in der D
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Wenn der Apfelsinendampfer kam...

Vorweihnacht in Radeberg in der DDR

Apfelsinendampfer, Apfelsinenschiff, Bückware, Versorgung mit Mangelwaren in der DDR besonders in der Vorweihnachtszeit, Weihnachtsmarkt in Radeberg zu DDR-Zeiten, Geflügelte Jahresendfiguren statt Engel, Schlange stehen  - Zuteilungen nicht nur von Bier und Südfrüchten,

Begriffe, die unser Leben in der DDR besonders vor Weihnachten prägten. Trotzdem waren die Tische nicht nur zu Weihnachten reich gedeckt, die Menschen hielten zusammen und Schenken machte Freude....

 

Lesen Sie unseren Weihnachtsartikel!

In verkürzter Form veröffentlicht in unserer Heimatzeitung

"die Radeberger" Nr. 51/2017 Teil 2 vom 22.12.2017


Alle Jahre wieder…  kam der „Apfelsinen-Dampfer“

Wie spannend Weihnachten in der DDR sein konnte…

Sie erinnern sich doch auch noch, welches Auf und Ab der Gefühle uns alle begleitete, wenn Weihnachten vor der Tür stand? „Alle Jahre wieder…“ ertönte die Melodie auf den Weihnachtsmärkten. Alle Jahre wieder kam traditionsgemäß nicht nur das Christuskind auf die Erde nieder, wo wir Menschen sind, obwohl die erste Silbe „Christ“ damals nicht unbedingt popularisiert werden sollte. Es kamen nach wie vor, trotzt sozialistischer Verhältnisse mit atheistischer Grundeinstellung und dem steten Versuch, neue „unchristliche Wortschöpfungen“ zu finden, auch der Nikolaus und Weihnachtsmann nebst Weihnachtsengel daher. Den letzteren wollten die damaligen „Oberen“ am liebsten als „Geflügelte Jahresendfigur“ umtaufen und ihrer Bevölkerung nahebringen. Ob das stimmt, ist nicht eindeutig belegbar, aber die Darstellung von Engeln war in dieser Zeit nachweisbar absolut verpönt und wurde in der Öffentlichkeit auch vermieden. Natürlich ohne langanhaltenden Erfolg, denn Traditionen sind zumeist stärker verhaftet. Für die Staatsmacht stellten diese christlichen Symbole und Hinstimmungs-Elemente Relikte einer maroden, dem Untergang geweihten kapitalistischen Gesellschaftsordnung samt ihrem Christentum dar. „Kitsch“ war das kurze, abwertende Wort. Es waren jedoch vergebliche Bemühungen. Die breite Volksmasse lächelte selbstverständlich mehr oder minder verstohlen darüber, auch über die gesteuerten Schimpfkanonaden über den schnöden Mammon des Westens – sie hatten mit der stets präsenten Mangelwirtschaft ihres Landes DDR ganz andere Probleme.

Weihnachtsmarkt 1981 in Radeberg. Wo heute die Weihnachts-Krippe steht, stand eine "Jahresendfigur"
Weihnachtsmarkt 1981 in Radeberg. Wo heute die Weihnachts-Krippe steht, stand eine "Jahresendfigur"

Aber dennoch hielt der Alltag Höhepunkte der ganz besonderen Art für alle bereit. Denn „Alle Jahre wieder…“ erlebte die Bevölkerung die einmalig freudige Überraschung, dass ihr Leben auf fast mysteriöse Weise, immer wieder im Dezember, durch die „Ankunft eines Schiffes mit Navel-Apfelsinen“ bereichert wurde. Langentbehrte, heißersehnte Früchte, einmal im Jahr. Genau zum Nikolaustag, am 6. Dezember, wurden alle dieser Waren ansichtig. Eine besonders aufregende Zeit. Und eine unruhige, denn damit erreichte die Spannung kurz vor Weihnachten eine neue Dimension, einen neuen Höhepunkt. Heute ist diese damals herrschende Aufregung, „wenn es mal was Besonderes gab“, kaum nachvollziehbar. Wie sollte es auch, denn mit unserem momentanen Wohlstand und der Sicherheit, zu jeder Jahreszeit stets ein Überangebot an Obst, jeglichem Gemüse und edelsten Früchten aus aller Welt zu erschwinglichen Preisen vorzufinden, kann man es sich kaum noch vorstellen, dass bis zur sogenannten „Wende 1989“ in den Obst- und Gemüseläden der ehemaligen DDR im Winter fast gähnende Leere herrschte. Außer Äpfeln, einer Sorte Birnen, in Holzstiegen präsentierten Weiß- und Rotkrautköpfen, Rote-Beete-Knollen und im noch feuchten Felddreck erstarrten Möhren, gab es so ziemlich nichts anderes, was zur Verfügung stand. Mit etwas Glück hatte die DDR eventuell von Staatsfreund Fidel Castro aus Kuba Orangen erhalten, die aber nur zur Saftgewinnung geeignet waren. Deshalb warteten alle auf die „Dampfer mit Navel-Apfelsinen“ zu Weihnachten.

Es stand vorher stets die bange Frage im Raum: Kommt der „Apfelsinen-Dampfer“ dieses Jahr – oder vielleicht doch nicht? Kommt er auch rechtzeitig vor dem Weihnachtsfest, zum Nikolaustag? Schaffen es die fleißigen Handelsleute, die Zuteilungen zu organisieren? Und dann, welch Freude, welch Erleichterung, verbunden mit Dankbarkeit, wenn es der Staatsführung wiederum gelungen war, das werktätige Volk des Arbeiter- und Bauernstaates zu überraschen. Die ewigen Spötter riefen dann: „Hurra, hurra, der Apfelsinen-Dampfer ist wieder da!“ und hatten die Lacher auf ihrer Seite, obwohl es eigentlich traurig war. Die nächste Spannung folgte nun der vorherigen. Wann beginnt die Verteilung? Denn, Verkauf wäre nicht das richtige Wort dafür gewesen. Sonderbar war dabei immer wieder der Umstand, dass alle Handelseinrichtungen, offensichtlich per geheimem Startschuss, jedes Jahr genau am 6. Dezember mit dem Verkauf der Navel-Apfelsinen begannen. Auch dieser offensichtlich festgesetzte Termin glich einem Rätsel. War es eine staatliche Weisung? Wohl gar ein Parteitagsbeschluss? Oder wurde der Termin auf Bezirksebene festgelegt? Keiner wusste es genau. Erst durch die Recherchen zu diesem Artikel und der Nachfrage bei einem ehemaligen Dresdner Handelsdirektor wurde es offenbar: Er glaubte sich zu erinnern, dass diese Order vom Rat des Kreises ausging, der Abteilung Handel und Versorgung, mit der Begründung, dass diese Südfrüchte möglichst bis Weihnachten reichen sollten. Sozusagen als ein Weihnachtsgeschenk an die Bevölkerung. Diese schätzte die Gabe richtig ein und bezeichnete das Ganze mit Volkes Witz als „Beruhigungspille zu Weihnachten“. Es war eben einfach so - „Alle Jahre wieder…“.

Auf alle Fälle traf die Verteilung der Apfelsinen per 6. Dezember in Radeberg auf angenehmste Weise mit dem alljährlich stattfindenden Radeberger Weihnachtsmarkt zusammen, der eine Woche geöffnet hatte. Höhepunkte im Alltagsleben der Radeberger. Eine Zeitungsnotiz aus dem Jahr 1981, geschrieben vom damaligen Radeberger Lehrer und Volkskorrespondenten Winfried Schwieck, gibt einen Rückblick auf diese Zeit. Er schrieb:

"Hier war der Weihnachtsmann schon da – Das war der traditionelle Radeberger Striezelmarkt, in diesem Jahr erstmalig von der Kreiskonsumgenossenschaft und der HO gemeinsam durchgeführt. Tausende Besucher zählend, hat die bunte kleine Stadt rund um den Marktbrunnen der Röderstadt am Sonntagabend ihre Tore geschlossen. Wie unsere Fotos zeigen, war der Andrang an allen Ständen immer wieder groß, gleich ob Textilien, Spielwaren, Schallplatten, Töpfe oder aber Naschereien und Genußmittel im Angebot waren. Ein besonderer Höhepunkt am Eröffnungstag, dem 6. Dezember, war übrigens ein Solidaritätsbasar, den Gebrauchswerber- und Fachverkäuferlehrlinge des 1. Lehrjahres mit Unterstützung der Kooperationspartner, dem VEB „Quintettmoden“ Glauchau gestaltet hatten. Er brachte einen Erlös von 1.779 Mark.“

Der Radeberger Striezelmarkt erfreute sich großer Beliebtheit, er war täglich gut frequentiert, und es gab vieles, was das Herz begehrte: Glühwein, Bratwurst, Broiler, Kartoffel-Puffer, Fleischtaschen, Pflaumentoffel, Goldene Nüsse als Baumschmuck – und natürlich auch Apfelsinen. Stark besucht wurde am Rand des Marktplatzes auch der Verkauf der Weihnachtsbäume, immer ein Erlebnis, denn der Verkäufer war Herr Scheffler. Er war ein Radeberger Original. Im Volksmund wurde er „der Jodler“ genannt, der jeweils auch noch zu den elendsten Krücken von Bäumen, die er auch an den Mann brachte, einen Witz parat hatte. Der „lfd. Meter Tannenbaum“ kostete damals um die 2 Mark, und manch einer nahm zwei Bäume, um daraus einen „Ordentlichen“ zu basteln.

Weihnachtsmarkt 1981 in Radeberg. Einkaufs-Trubel auf dem Radeberger Striezelmarkt 1981
Weihnachtsmarkt 1981 in Radeberg mit echtem Einkaufs-Trubel

Das Prozedere des Verteilens und Zuteilens von Apfelsinen an die Bevölkerung war besonders interessant. Die Werktätigen in den Großbetrieben erhielten gleich in ihren Abteilungen, durch die betrieblichen Verkaufseinrichtungen, ihre Tüten mit den schon abgepackten und zugeteilten Apfelsinen. Eine berechtigte Vorsichtsmaßnahme, um die Werktätigen nicht der Versuchung auszusetzen, womöglich am Stichtag der Verteilung fluchtartig ihre Arbeitsplätze zu verlassen, um in der Stadt Südfrüchte zu ergattern. Denn wenn es etwas nur einmal im Jahr gab, galt bekanntlich der neudeutsche Spruch in der DDR: „Privat geht vor Katastrophe“. Auch in den üblichen Verkaufseinrichtungen hatte die Bevölkerung Anspruch auf eine dieser schon vorbereiteten und abgepackten Wundertüten mit bescheidenem Inhalt. Jeder sollte ja etwas erhalten. Weit gefehlt, wenn einer dachte, er könnte seinen Bedarf für das Weihnachtsfest sofort mit der gewünschten Menge an Früchten decken. Nein, so einfach ging das nun doch nicht. Dazu gehörte schon etwas mehr, da musste man „ficheland und pfiffig sein“, wie der Sachse sagt.

Da immer die Unsicherheit bestand und auch keiner genau wusste, ob vor dem Weihnachtsfest nochmals eine Apfelsinenlieferung erfolgen könnte, begann nun die allgemeine Jagd und Hamsterei. Man klapperte, bewaffnet mit seinen unverzichtbaren bunten Dederon-Einkaufsbeuteln, alle Geschäfte ab. Hier eine Tüte, da eine Tüte, dort eine Tüte. Sobald sich irgendwo eine Warteschlange bildete, schloss man sich dieser Menschenschlange hoffnungsfroh an. Der Herdentrieb war ausgebrochen. Es konnte durchaus vorkommen, dass man sich anstellte, obwohl anfänglich keiner in der Schlange so richtig informiert war, was es überhaupt an Besonderheiten in dem Geschäft geben könnte. Alles war lukrativ: Südfrüchte wie Bananen und Apfelsinen, Bierzuteilungen des begehrten Radeberger „Goldkappen-Exportbieres“, wo jedem Kunden nicht mehr als maximal 5 Flaschen zugestanden wurden, obwohl kurioserweise das Bier hier in Radeberg erzeugt und in alle Welt exportiert wurde, Gläser mit Gewürzgurken waren absolute Bückware, ebenso Dosen mit Champignons, Ananas, Pfirsichen, Mandarinen, aber auch hochwertigere Schokoladenerzeugnisse. All das waren absolute Highlights, auch Tausch- oder „Bestechungs-Objekte“, um bei einem Handwerker im Bedarfsfall die schnellere Reparatur oder eine Dienstleistung erhalten zu können. Mangelwaren zu besitzen, bedeutete Sicherheit für jegliche Notfälle und war viel wichtiger als Geld. Radeberger Bier war fast eine eigene Währung. Also suchte man ganz selbstverständlich einen Anschluss an die langen Warteschlangen der Stadt, egal was es gerade gab. „Schlangestehen“ war man sowieso das ganze Jahr über gewohnt, und Witzbolde hatten den Begriff „sozialistische Wartegemeinschaft“ dafür erfunden. Denn es war üblich, dass an jeglichem Wochenende eine Schlange Wartender vor den Fleischerläden der Stadt zu sehen war, ob bei der Fleischerei Purschwitz am Markt, der Fleischerei Ziegenbalg auf der Hauptstraße oder der HO-Fleisch-und Wurstwaren am „Oberen Kino“. Auch in Lotzdorf säumte regelmäßig eine lange Warteschlange die Lotzdorfer Straße bei Fleischermeister Riemer, der dafür berühmt war, noch selbst „richtige feine Wiener Würstchen im Naturdarm“ herzustellen, weshalb Kunden sogar aus Dresden hierher fanden. Für diese Köstlichkeit harrte die Kundschaft vor Weihnachten sogar im Schneeregen geduldig vor seinem Ladengeschäft aus.

Die Radeberger Einwohner standen und standen: am HO-Geflügelladen am Markt, Sonnabend frühmorgens in langer Schlange beim sogenannten „Treppenbäcker“ auf der Oberstraße, auf der Hauptstraße bei „Schnaps-Richters“ nach „Radeberger Bitterlikör“, zumeist geplant als Weihnachtsgeschenk für die Westverwandtschaft. Und mindestens einmal in der Woche gab es sogar Großalarm im Schlange stehen – wenn die Radeberger Exportbierbrauerei die Einzelhandelsgeschäfte mit Bier belieferte. Dann war die Aufregung unter der Bevölkerung besonders groß. Die Belieferungen der Verkaufsstellen erfolgte überwiegend mit Pferdefuhrwerken durch das Radeberger Fuhrunternehmen Hantzsche von der Pirnaer Straße. Aber keiner wusste genau, an welchem Tag dieses Wunder geschah, noch weniger zu welcher Zeit. Durch „dunkle Kanäle“ sickerte dann der Tag der voraussichtlichen Anlieferung durch. Das führte dazu, dass sich eine im Laufe der Zeit herausgebildete Informationslawine in Bewegung setzte, wo jeder jeden solidarisch über das zu erwartende freudige Ereignis informierte. Der Nachbar informierte seine Mitbewohner, der Freund seine Freunde, der Kollege seine Kollegen.

Diese heute noch nachdenklich stimmende Form einer sich von ganz allein ins Leben gerufenen „Solidargemeinschaft“, bildet sich offenbar nur in einer Gesellschaft des Mangels heraus, wo jeder auf jeden angewiesen ist. Nach der Wende zerfielen diese Strukturen sofort.

Weihnachtsmarkt 1981 in Radeberg. Solidaritätsbasar mit Bauchladen
Weihnachtsmarkt 1981 in Radeberg. Solidaritätsbasar mit Bauchladen

An dem bewussten Tag der Belieferung waren dann regelrechte Späher unterwegs, die bereits am Hofeingang der Brauerei auskundschafteten, ab wann die Pferdefuhrwerke ihr wertvolles Gut abtransportierten und welche Belieferungstour geplant war. Die Hauptakteure dieser gesamten Organisation waren dabei hauptsächlich die Rentner. Wenn die Pferdefuhrwerke sich dann, schwer beladen, in Bewegung setzten, war die Kunde vom ersten Anlieferungsort bereits in aller Munde. Zumeist war es das HO-Geschäft auf der Radeberger Hauptstraße 59, ehemals Schackert, wo bereits eine erwartungsvolle Menschenschlange geduldig der Dinge harrte. Da es sich bei den Wartenden zumeist um die nicht mehr berufstätige Bevölkerungsschicht handelte, hatte sich im Laufe der Zeit eine regelrechte „Biergemeinschaft“ in Radeberg herausgebildet. Man kannte sich, hatte Gelegenheit zu einem Schwatz, und nachdem man sich vorsichtig nach rechts und links umgeschaut und vor zweifelhaften Lauschern abgesichert hatte, konnte man auch mal herrlich unter Seinesgleichen politisieren und seinen Dampf ablassen. Schlange stehen wurde also nicht unbedingt nur als Belastung angesehen. Außerdem hatten die Rentner auch das schöne Gefühl, von ihrer werktätigen Familie gebraucht zu werden, nützlich zu sein. Sobald jeder seine Zuteilung von 5 Flaschen Radeberger Bier abgefasst hatte, bewegte sich dieser Tross wie eine lange Karawane, immer den Pferdefuhrwerken folgend, zum nächsten Auslieferungsort in der Innenstadt. Hier stellte man sich wieder an, um weitere 5 Flaschen zu ergattern. Zuhause begann dann die weitere Verteilung an die berufstätigen Kinder und Enkel. Zumeist trank man das „gute Radeberger“ gar nicht selbst, sondern hob es für Gäste auf. Vor allem, wenn sich Besuch von „Drüben“ eingefunden hatte, wurde es kredenzt. Für die Westverwandten sollte es nur das Beste geben, denn wie hätte man ihnen ansonsten auch erklären sollen, dass Radeberger Bier in Radeberg eine Mangelware war und zugeteilt wurde - keiner hätte das wirklich verstanden. Man verstand es ja selbst kaum.

Damit waren alle ständig unterwegs und beschäftigt. Auch ziemlich ausgelastet, obwohl Weihnachtsvorbereitungen mit gezielten Einkäufen so ziemlich das ganze Jahr über stattfanden, denn man musste immer zugreifen, wenn es gerade etwas gab. Außerdem war es ratsam, Beziehungen zu allen einschlägigen Handelsbranchen zu knüpfen und aufzubauen. Alles war knapp. Selbst die Blumenläden verdienten ihren Namen nicht. Ein Blumenstrauß war zumeist nur durch längere Vorbestellung erhältlich, wobei die Wünsche sich dem mageren Angebot unterordnen mussten. Beziehungen waren auch zu den Buchhändlern der Stadt und dem HO-Musikhaus „Sinfonie“ am Markt erforderlich. Wer Weihnachten seine Lieben mit einer besonderen Schallplatte, einem guten Buch, ausgefallener Literatur oder historischen Romanen überraschen wollte, musste beizeiten Kontakte aufbauen.

Auch die Leiterin der Volksbuchhandlung Radeberg Hauptstraße war bemüht, für „gute Kunden“ ein Schmeckerchen zu reservieren… (Foto: Hans Lange; „Radeberger Kulturleben“ Dez. 1965)
Auch die Leiterin der Volksbuchhandlung Radeberg Hauptstraße war bemüht, für „gute Kunden“ ein Schmeckerchen zu reservieren… (Foto: Hans Lange; „Radeberger Kulturleben“ Dez. 1965)

Unvergessen die tüchtigen privaten Buchhändler der Buchhandlungen Krüger und Schäfer auf der Hauptstraße, der Buchhandlung Schölzel auf der Dresdner Str., später auch die tüchtigen Mitarbeiter der Volksbuchhandlung auf der Hauptstraße.  Sie mussten alle ständig, ebenso wie ihre Kunden, mit der Misere der Knappheit von guter Literatur leben. Alle Buchhändler waren bekannt dafür, vor Weihnachten für ihre Stammkunden immer eine Besonderheit „auf Lager“ zu haben, obwohl das damals sehr schwer war. Die staatlichen Kontingente für Papier und die Druckgenehmigungen wurden zumeist für andere Literatur vergeben, die jedoch kaum einer lesen wollte. Zumindest nicht freiwillig.

Geschäftsinhaber, Verkaufsstellenleiter, Verkäufer – sie alle waren die wahren Könige des Handels, oder besser gesagt, der Verteilung. Es war äußerst ratsam, sich mit ihnen gut zu stellen, denn sie konnten durchaus über das Glück oder Unglück bestimmen, ob man bei einer der seltenen Sonderzuteilungen, ob von je einer Banane pro Kopf der Familie, oder einer grünen Gurke, einiger weniger Tomaten oder Pfirsiche in den abgepackten Papiertüten, berücksichtigt wurde oder eben nicht. Auch das allseits beliebte Spiel war abhängig von ihnen, ob man einfach eine imaginäre Tüte zugeteilt bekam, die man nach Art richtiger "Verschwörer" stillschweigend entgegennahm und bezahlte, ohne Kenntnis des Inhaltes – man wusste, sie konnte nur etwas ganz Besonderes beinhalten, eine Mangelware, egal was es war. Einfach Zugreifen war hier die Devise. Damit gehörte man zum Kreis der „Bevorzugten“. Oder die Kassiererin an der Kasse übersah huldvoll, dass der Bierkunde sich bereits zum zweiten Mal in die lange Warteschlange eingereiht hatte, um seine wöchentliche Zuteilungsrate von 5 Flaschen des begehrten Radeberger Bieres nochmals zu erhöhen. Der Spielarten bei diesen Gesellschaftsspielen gab es viele. Einer der selbstgeprägten sozialistisch-neudeutschen Leitsätze lautete: „Beziehungen sind unser halbes Leben“. Beziehungen waren wirklich alles. Ansonsten hatte man schlechte Karten im Verteilungs- und Zuteilungsroulette.

Geld war wichtig, aber wir befanden uns hauptsächlich wieder im Zeitalter der „Jäger und Sammler“. Die Jagd- und Sammelleidenschaft war auch grenzübergreifend. In der damaligen ČSSR gab es ganzjährig Herrlichkeiten wie Ölsardinendosen, Gläser mit Gewürzgurken, Nussschokolade, Geleefrüchte, Match-Box-Autos und Spielzeug für die Kinder. Auch der „Apfelsinendampfer“ hielt dort eher mal Einzug – also blühte der kleine Grenzverkehr, obwohl der Tages-Umtauschsatz von 20 DDR-Mark für den Wechselkurs 1:3 in Kronen auch Bescheidenheit erforderte, die Aufregungen der Grenzkontrollen und -abfertigung am Grenzübergang inbegriffen. Etwas entspannter gestaltete sich die Einkaufssituation mit der Einführung der Delikat-Läden in der DDR. Von nun gab es, zwar zu erhöhten Preisen, Edelkonserven, ausgefallene Weine und Spirituosen, besondere Wurstwaren und Süßigkeiten. Das Radeberger „Freß-Ex“, wie es im Volksmund hieß, hatte sein Domizil am Marktplatz.

Betrachtet man heute, mit den verwöhnten Augen der Überflussgesellschaft, diese Zeit, erscheint der Versorgungsmarathon, dem alle ausgesetzt waren, als ein einziger Wahnsinn. Letztendlich war die Ware sogar da, aber durch diese ständigen staatlich gelenkten Kapriolen der Verteilungs- und Regulierungsversuche, Bevormundungen, unüberschaubaren Zuteilungen, ständigen Verknappungen und Schiebereien wurde eine ewige Unsicherheit geschürt, die zur regelrechten Hamsterei aus Angst vor schlechteren Zeiten führte. Außerdem kam zu dieser Verknappung für die eigene Bevölkerung noch die Bevorzugung und Belieferung des Sowjetischen Militärhandels dazu. Diese sogenannten "Russenmagazine" befanden sich in der Nähe des Kasernengeländes in Dresden. In diesen Handels- und Verkaufseinrichtungen, die dem HO-Spezialhandel angehörten und die nur einem bestimmten Personenkreis offenstanden, gab es so ziemlich alles, was das Herz begehrte. Auch ständig Apfelsinen und Südfrüchte und hochwertige Konserven zu normalen DDR-Preisen. Für die Bevölkerung war diese Handelsform, waren diese Läden jedoch ziemlich unsichtbar und unbekannt. 

Privates "Versorgungs-Konzept" für Weihnachten 1981 - für üppige Mahlzeiten war vorgesorgt
Privates "Versorgungs-Konzept" für Weihnachten 1981 - für üppige Mahlzeiten war vorgesorgt

Letztendlich hatten es aber auch die meisten von uns, zwar mit viel Zeit- und Kraftaufwand und nach vielen absolvierten Einsätzen in Warteschlangen, doch geschafft, dass die Vorratskammern für das Fest gut gefüllt waren. Mit fast allem, was das Herz begehrte und damals erreichbar war, auch Kästen mit Radeberger Bier „für alle Eventualitätsfälle des Lebens“ stapelten sich. Zumeist mit Warenmengen, die man im Normalfall einer stets abgesicherten Versorgungssituation nie gebraucht, noch weniger gekauft hätte. Als dann endlich das Weihnachtsfest eingeläutet wurde, gab es für diesen Jahreshöhepunkt übervolle Gabentische und fast nichts, was es nicht gab. Die Festtafeln boten so ziemlich alles auf, was das Jahr über „gejagt und gesammelt“ worden war, alle waren von dem Glücksgefühl durchdrungen, etwas Besonderes erstanden zu haben und damit ihren Lieben auch Freude zu schenken. Wer seine Verwandten aus Westdeutschland als sogenannten „Westbesuch“ zum Weihnachtsfest begrüßen durfte, kann es sicherlich bestätigen, wie schnell deren Vorurteile zumeist schwanden, wenn sie sahen, wie wir lebten: dass wir absolut nicht hungerten und darbten, wie das westliche Medien gern verbreiteten, sondern bei reichlichem Essen und Trinken recht gut und üppig lebten und gemeinsam zu feiern verstanden. „In der Zone“, wie die damalige DDR gern abwertend bezeichnet wurde, verstand man durchaus zu leben, und es fehlte zum Fest auch nicht an ausgefallenen und süffigen Getränken, die man bei der Weinhandlung Rußig auf der Röderstraße oder auf der Hauptstraße bei der C.A. Knobloch K.G. / Fa. Reißmann erstand. Manch einer vermied sogar das Zeigen übervoller Geschenk- und Festtagstische, musste er doch ansonsten befürchten, die bisherige Unterstützung durch West-Pakete zu gefährden.

Noch mehr verwunderte sich der Besuch zumeist über unsere gut beheizten, gemütlichen Wohnstuben, in denen noch keine „westliche Sparsamkeit“ eingezogen und auch volle Raumbeleuchtung selbstverständlich war. Ebenfalls wurden wir um die, für uns ganz selbstverständlichen Werte in unserem zwischenmenschlichen Zusammenleben regelrecht beneidet. So wie unsere damaligen Selbstverständlichkeiten, Zeit füreinander zu finden, interessante Gespräche zu führen, in Gemütlichkeit den Zusammenhalt der Familie zu pflegen, uns gegenseitig auch zu helfen und zu unterstützen, alles zu versuchen, um sich gegenseitig auch mit kleinen, wohlüberlegten Gesten und Geschenken eine Freude zu bereiten. Und das alles trotz Mangelerscheinungen – oder gerade deshalb?

 

Diese Rückblicke zu Weihnachten seien erlaubt. Sie sind absolut keine verklärende Nostalgie einer vergangenen Zeitgeschichte, sondern die Möglichkeit, Vergangenheit zu verarbeiten, manche heute verbreitete Oberflächlichkeit und Unwahrheit auch zu korrigieren, Entwicklungen bewusst wahrzunehmen und zu vergleichen und sich auch vieler heutiger Vorteile bewusst und uneingeschränkt zu erfreuen. Nun sind auch wir schon lange Teil der Überflussgesellschaft geworden. Wir warten auf keinen Apfelsinen-Dampfer mehr, wir genießen mehr oder minder die Annehmlichkeiten, alles und ein jedes zu jeder Zeit erhalten und genießen zu können. Zweifelsohne sind wir heute um ein Vielfaches reicher geworden - aber wohl manchmal auch etwas ärmer? Überfluss kann auch Verluste mit sich bringen, wie das Einbüßen einstiger großer Glücksgefühle, etwas ganz Besonderes erstanden zu haben. Diese Vorfreude auf die Freude des zu Beschenkenden, diese Spannung bei den Festvorbereitungen, bis alles für das Weihnachtsfest und sein Gelingen zusammengetragen war, ist uns im heutigen Überfluss verlorengegangen. Vielleicht auch manchmal das nette Miteinander? Aber es ist ja bekanntlich eine alte Weisheit: Man kann eben nicht alles haben…

 

  

Allen Lesern wünsche ich freudvolle, friedliche und vielleicht auch ein wenig nachdenkliche frohe Weihnachten!

 

Renate Schönfuß-Krause

Dezember 2017

 

Fotos:              Archiv Schönfuß,
Hans Lange, Titelbild „Radeberger Kulturleben“ Heft 12/1965 (Ausschnitt)