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Martin Stephan - Zwischen Spuk und Realität - Die Auswanderung sächsischer Lutheraner 1838 führte zur Gründung der Lutheran Church - Missouri Synod unter Carl Ferdinand Wilhelm Walther
Martin Stephan - Lotzdorf Spuk im Rödert
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Martin Stephan

Spuk im Rödertal oder die Rettung armer Seelen aus (vor) dem Fegefeuer…

„Befreiung aus dem Fegefeuer“  (Quelle: wikimedia.org; File:Hellmouth.jpg)
„Befreiung aus dem Fegefeuer“ (Quelle: wikimedia.org; File:Hellmouth.jpg)

Wir alle wissen als aufgeklärte Menschen, ein angeblicher Spuk, Spukgeschichten, Spukerlebnisse haben immer einen ganz natürlichen Hintergrund und sind letztendlich erklärbar. So verhält es sich auch mit dem „Spuk“, der ab Frühjahr 1838 rund um das „Radeberger Bad“, Lotzdorf und Liegau zu beobachten war. Zum Verständnis muss darauf hingewiesen werden, dass bei Recherchen zu einem dieser Handlungsorte immer wieder das Phänomen auftritt, dass bei vielen Ereignissen in unserer Region kein klarer Trennungsschnitt zwischen den Ortschaften gezogen werden kann. Die Dörfer Lotzdorf und Liegau, ebenso wie das Radeberger Bad in der Nähe von Liegau und auch die Stadt Radeberg waren und sind nicht nur territorial auf das Engste, fast möchte man sagen „fließend“ miteinander verbunden, sondern sie waren es zum Teil auch verwaltungsmäßig, schulisch und kirchlich. Aus diesem Grunde wurden diese nachfolgend erörterten „Spukereignisse“ auch ein Problem für unsere gesamte Umgebung. Aber nicht nur das, sondern die Auswirkungen der Vorkommnisse gingen nach Bekanntwerden weit über das Königreich Sachsen hinaus, wurden alsbald in ganz Deutschland und in Übersee wahrgenommen und diskutiert. Als historisch Interessierter staunt man auch immer wieder, was hier in unserer unmittelbaren Gegend „los war“ - fast unglaublich!

 

Was war vorgefallen? Die Bewohner der Dörfer Liegau und Lotzdorf, ebenso wie die Kurinsassen des Radeberger Bades im romantischen Tannengrund, wurden ab dem Frühjahr 1838 durch unheimliche, nächtliche Vorkommnisse aufgeschreckt. Seltsames, vorerst Unerklärliches spielte sich ab, was besonders die Dorfbevölkerung ängstigte. Beobachtet wurden des Nachts Ansammlungen von Gestalten, die rechtsseitig des Röderflusses, hinter Lotzdorf in Richtung Liegau und umgekehrt, ihr scheinbares Unwesen trieben. Besonders neugierige und wagemutige Lauscher aus den Dörfern Lotzdorf und Liegau berichteten von unheimlichen Gestalten und seltsamen Tun, von aufgeschnappten Wortfetzen, die wie Beschwörungsformeln geklungen haben sollten und Gesängen. Immer wieder wurde diese unheimliche Versammlung in Vollmondnächten in dem sogenannten „Gebirge“ um den Silberberg herum, oberhalb von Lotzdorf und Liegau, fast schwebend im Nebel der Wiesen, gesehen. Seltsame Schauergestalten, die offensichtlich Ungutes trieben, zeitweise in den kleinen Wäldchen des „Gebirges“ verschwanden, um nach kurzer Zeit wieder „schwebend“ aufzutauchen. Ihr unheimliches Treiben war bis zum frühen Morgen zu beobachten. Dann war der Spuk zumeist zu Ende und ließ eine vollkommen irritierte und ratlose Dorfbevölkerung zurück. Man war zum Teil noch mit viel Aberglauben behaftet und manch einem lief es bei den Erzählungen kalt den Rücken hinab. Was waren das für unheimliche Gesellen? Waren die Spukgestalten vielleicht Hexen, oder Satan persönlich? Oder waren es Untote, Geister, arme Seelen aus dem Fegefeuer? Die Aufregung in den Dörfern war groß und hatte doch einen ganz erklärbaren Hintergrund: Der vorerst unerklärliche Spuk hing mit dem Aufenthalt des Geistlichen Martin Stephan (1777 Stramberg/Mähren – 1846 Perry County/USA) aus Dresden zusammen, der im Frühjahr 1838 Zuflucht vor der Verfolgung durch die Dresdner Behörden im Radeberger Bad gesucht hatte und der von seinen Gegnern auch durchaus „verteufelt“ wurde. Umso mehr vergötterten ihn seine Anhänger, die sich als „Erleuchtete“ sahen und „Stephanianer“ genannt wurden. Ihr „harter Kern im Glauben“ war ihrem geistlichen Führer mit in das vorläufig selbstgewählte Exil des Radeberger Bades und nach Liegau und Lotzdorf gefolgt. Und, das waren nicht wenige. Unter ihnen auch der in Dresden hochangesehene Rechtsanwalt Dr. Franz Adolph Marbach (1798-1860).

Martin Stephan   (Quelle: wikimedia.org; File:Stephan M.jpg)
Martin Stephan (Quelle: wikimedia.org; File:Stephan M.jpg)

Was war geschehen, und wer war der Geistliche Martin Stephan? Er war in das Fadenkreuz der kirchlichen und weltlichen Behörden geraten, und bei all der Aufregung, die in unserem Rödertal über den angeblichen „Spuk“ herrschte, ahnte keiner, dass man gerade Zeit- und Augenzeuge der Vorbereitungen für eine der größten evangelischen Auswanderungsbewegungen des 19. Jahrhunderts nach Nordamerika unter Stephans Führung wurde. Als Pfarrer der Dresdner Exulanten-Gemeinde in der Johanniskirche, der er seit 1810 als letzter deutsch-böhmisch predigender Geistlicher vorgestanden hatte, war er im November 1837 von der höchsten Behörde Dresdens von der Führung seines Amtes suspendiert worden und unterlag der polizeilichen Überwachung. Diese drastische Maßnahme gegen ihn und seine Anhänger durch die Behörden war das letzte Glied einer langen Kette von Verdächtigungen, Beschuldigungen, Anfeindungen, Verfehlungen, Pikanterien und Uneinsichtigkeiten über viele Jahre. Die erste Zeit in seiner Amtsführung als Geistlicher soll er durchaus mit Klarheit und Kraft das Evangelium verkündet haben, ganz im Geiste Martin Luthers und der Glaubensfreudigkeit. Doch bald kam es in ganz Sachsen zu großen Differenzen unter den evangelischen Christen in der Auslegung des Glaubens, und es blieb nicht aus, dass er sich als Verfechter des unverfälschten Luthertums und Gegner der eingeschlagenen liberalen Richtung der Landeskirche, mit seinen Predigten und seiner scharfen Kritik an der Kirchenentwicklung seiner Zeit viele Feinde machte. Selbst in einer Predigt des Radeberger Superintendenten Martini von 1841 kann man den Zeitgeist dieser Epoche erkennen: „Des Sachsenvolkes Freude an der Einführung der Kirchenverbesserung ist (…) eine getrübte, indem wir der traurigen Erscheinungen im kirchlichen Leben unserer Zeit gedenken…“. Pfarrer Stephan und seine Gemeinde kamen zunehmend in den Verruf der Schwärmerei und des Sektenwesens, der religiösen Abenteuer und Übertreibungen des Christentums. Auf Grund des großen Zuspruchs seiner Auslegungen bei seinen bibelfesten Anhängern, die sich an seinen Predigten orientierten, vergrößerte sich jedoch seine Gemeinde um ein Vielfaches.

Macht und Einfluss über Menschen zu erlangen, ist bekanntlich eine verführerische und auch gefährliche Droge, so auch bei ihm. Er begann, sich als Pfarrer selbstherrlich zu selbsterwählter Geistlichkeit aufzuschwingen, und seine Herrschsucht ging so weit, dass er sich selbst mit der im Glauben verbundenen „Herrnhuter Brüdergemeine“ verfeindete. Sein Verhalten wurde zunehmend unchristlich. Unterschiedliche Zeitzeugen bescheinigen ihm eine ungeheure Ausstrahlung und die Gabe der Manipulation von Menschen. Er soll eine derart imponierende Persönlichkeit gewesen sein, und obwohl er selbst nur über eine geringe wissenschaftliche Bildung verfügte, hat er überaus begabte und hochgestellte Männer, wie auch den Sächs. Staatsminister Graf Detlev von Einsiedel (1773-1861), in seinen Bann gezogen, die keinen anderen Theologen neben ihm mehr gelten lassen wollten. Zu seinen absoluten Anhängern gehörten auch Fürst Otto Victor von Waldenburg und Graf Ludwig von Glaucha, die zunehmend die Pfarren ihres Patronats mit Anhängern Stephans besetzten. Seine Zeitgenossen berichteten, dass seine Gewalt der Beredsamkeit viele seiner Anhänger in eine „…Art geistige Lähmung und schwer zu überwindende Ohnmacht“ versetzt hätte. Zumeist feierte er dann nach diesen „Seelencuren“ wahre Triumphe mit seinen Anhängern. Seine Predigten wurden populär und öffentlich, die Zahl seiner Hörer und Anhänger vergrößerte sich zunehmend. Und das nicht nur unter Laien, sondern auch unter gleichgesinnten Predigern und Studenten der Leipziger Theologischen Fakultät. Einer dieser Studenten, der Stephans Ideen und Glaubensrichtung mit einem fast fanatischen Zuspruch unterstützte, war Carl Ferdinand Wilhelm Walther (1811-1887), der später in St. Louis der Nachfolger Stephans wurde und die Lutheran Church - Missouri Synod gründete. Stephan proklamierte „ein rigoristisches Evangelium und terroristisches Luthertum“ von der Kanzel und übte öffentliche Kritik an der Kirchenentwicklung seiner Zeit. Zu seiner totalen Abwendung von der Landeskirche kam es auf Grund der sich verändernden gesellschaftlichen Verhältnisse nach den revolutionären Unruhen 1830/31 in Sachsen. In den Städten Dresden, Leipzig, Chemnitz entstanden Tumulte und Volksunruhen. Nur durch das schonende Eingreifen der Landesregierung, der Zusage von Reformen, Abstellung veralteter Institutionen und Ernennung des allseits beliebten Prinzen Friedrich zum Mitregenten, wurde das Volk beschwichtigt. Der König von Sachsen, Anton der Gütige (1755-1836), stimmte nach langem Zögern der Anerkennung von bürgerlichen Reformen und dem Inkrafttreten der durch das Volk herbeigesehnten Verfassung zu. Am 4. September 1831 trat diese in Kraft, und es folgte die Amtsenthebung des reaktionären Staatsministers Graf von Einsiedel, eines der engsten Anhänger und Förderer von Pfarrer Stephan. Cabinets-Minister Graf von Einsiedel war im Volk so unbeliebt geworden, dass er fliehen musste und sich in die Gegend von Klein- und Großröhrsdorf absetzte. Dadurch wurde die Bevölkerung dieser Orte besonders geängstigt, denn die Dresdner Rebellen drohten damit, die Dörfer, die ihm Unterschlupf gewährten, anzuzünden. Pfarrer Stephan stellte sich fortan gegen Reformen und Verfassung, gegen die Anpassungspolitik der Kirche, gegen alles Neue. Er umgab sich mit seinem Häuflein Auserwählter mit dem Anschein eines Märtyrers für den christlichen Glauben. Der Verdacht der Sektiererei verschärfte sich gegen ihn. Seine Trennung von der Kirche, unter dem Schein der Wahrung eines „lebendigen Glaubens“, war eine unvermeidbare Konsequenz. Spätestens zu diesem Zeitpunkt schalteten sich die modernen Medien dieser Zeit, die Tageszeitungen, in das Geschehen ein und popularisierten bzw. informierten ganz Deutschland über die separatistischen Ereignisse in Sachsen. Pfarrer Martin Stephan wurde von seinen Gegnern beschimpft, wegen seines erlogenen Märtyrertums, seiner Härte und Verblendung, seiner Ungerechtigkeit gegen alle neuen Bestrebungen und seiner an Lächerlichkeit grenzenden Sprüche: „Wir sind die einzig rechte Kirche, in Sachsen hat der geistliche Tod seinen Einzug gehalten“ und „Wer Stephan widerspricht, widerspricht der reinen Lehre“. Er verkündigte sich selbst als „altlutherischer Prediger in einem Lutherischen Kirchlein“ und nahm immer anmaßendere Züge an, stellte sich selbst hierarchisch an die Spitze der Gemeinde.

Martin Stephan in glorifizierter Darstellung (Quelle: www.martinstephanforum.com)
Martin Stephan in glorifizierter Darstellung (Quelle: www.martinstephanforum.com)

Bis dahin ließ man ihn, auch in kirchlichen Kreisen, gewähren. Erst als sein persönlicher Lebenswandel in das Visier seiner Gegner kam, die Zeitungen die Gerüchte über seltsame Erbauungsstunden, nächtliche Zusammenkünfte, Umzüge und Wanderungen und seine „Wald- und Gartenbruder-Lucubrationen“ (nächtliche Studien) veröffentlichte, wurde die weltliche Obrigkeit aufmerksam und sah sich genötigt, einzugreifen. Die Berichterstattungen über ihn und seine Anhänger wurden zusätzlich mit der sogenannten „Königsberger Muckerei“ in Verbindung gebracht, einem Geheimbund, der 1835 allgemeines Aufsehen erregt hatte. Die Lehre des Bundes bestand in dem Wahnwitz, dass durch „ungehemmte Fleischeslust die Seele geheiliget werde“. Nach dem Bekanntwerden der skandalösesten Tatsachen, in die viele hochgestellte Persönlichkeiten der „Mucker“ verwickelt waren, folgten allgemeiner Abscheu, Entsetzen und Verbot. Seitdem war die Polizei aufmerksamer geworden, und man vermutete auch bei Bekanntwerden der Vorlieben Pfarrer Stephans, dass er mit seinem Anhang der „Muckerei“ huldigen würde. Verschrien als sittenloser Fanatiker, traute man es ihm durchaus zu, dass er sich auch schaudererregender Ausschweifungen schuldig machen könnte. Seine bereits berüchtigten Abendveranstaltungen, seine nächtlichen Wanderungen in Begleitung mehrerer Personen beiderlei Geschlechts, sein Nächtigen mit seinen Anhängern im Freien auf Decken und Matratzen, hatte schon zu großen Ärgernissen geführt. Die Dresdner Polizei machte seine geheimen Versammlungsorte ausfindig, und ihm wurden die nächtlichen Zusammenkünfte von der Behörde untersagt, was ihn aber nicht interessierte. Er liebte Abendspaziergänge und weite nächtliche Ausflüge mit engsten Freunden und Vertrauten. Zeitzeugen wussten zu berichten: „Eine weibliche Person war gewöhnlich in seiner unmittelbaren Nähe, um auf dem Wege seinen ermatteten Körper durch Speise und Trank, so wie es ihm bequem war, zu restaurieren.“ Als er solch einen Nachtausflug wiederum am 8. Nov. 1837 in den Weinbergen der Hoflößnitz unternahm, wurde er festgenommen und erhielt einen Tag später seine Suspension. Außerdem wurde gegen ihn eine Untersuchung vor dem Justiz-Amte eingeleitet, wobei sich einer der Anklagepunkte mit seinem „Unzüchtigen und Unkeuschen Lebenswandel“ beschäftigte. Spätestens jetzt wurde ihm klar, dass es für ihn und seine Glaubensanhänger kein Bleiben mehr in Deutschland geben kann. Der Gedanke, mit seinen Anhängern Deutschland zu verlassen und freiwillig in das Exil zu gehen, war schon längere Zeit Bestandteil seiner Planungen gewesen. Jetzt wurde es ihm jedoch Gewissheit, dass dies der einzige Weg war, wenn er seinen Glauben frei leben wollte. In einer seiner frühen Predigten um 1830 kündigte er diese ersten Gedanken zu seinen späteren Handlungen mit seiner Gemeinde bereits an: „(…) wollte man sie mit ihrem Glauben nicht mehr dulden, (…) will man sie nicht hören, (…) dann sind sie weit entfernt, sich zu empören, sondern sie verlassen das Land, das sie nicht mehr dulden will und suchen ein solches, wo sie die erwünschte Glaubensfreiheit finden“.

Nach seiner Suspendierung lief ab Dezember 1837 die Auswanderungsplanung auf Hochtouren. Seinen Getreuen ließ er Anfang des Jahres 1838 vermelden: „Die Stunde zum Aufbruch habe geschlagen“. Gemeinsam mit Rechtsanwalt Dr. Marbach und dem Kurator des Sächsischen Staatsarchivs, Dr. Carl Eduard Vehse (1802-1870), als geistige Väter der Unternehmung, wurden finanzielle Vereinbarungen erarbeitet und eine Auswanderungsgesellschaft gegründet. Diese schrieb fest, welche Bedingungen die Grundlage dafür waren, die Erlaubnis zur Auswanderung zu erhalten. Außerdem kontaktierte der Geistliche Martin Stephan seine Freunde in Baltimore/ Maryland, um Land für Siedlungen zu erwerben.

Im Frühjahr 1838 begab sich der suspendierte Geistliche des altlutherischen Kirchleins mit seinen engsten Anhängern in das Radeberger Bad, um in Ruhe seine Planungen zu vollenden. Zu seinen absoluten „Getreuen“ gehörten, außer Dr. Marbach und Dr. Vehse, auch der Pfarrer Theodor Julius Brohm (1808-1881), der Kaufmann Heinrich Ferdinand Fischer, der Polizei-Kassierer Gustav Jäckel, die Stadthebamme Louise Günther, der Pastor Otto Hermann Walther (1809-1841) und der Kandidat der Theologie, Moritz Emil Julius Wege. Alle waren zu dieser Zeit in Dresden ansässig. Aber auch hier im Rödertal ließ Stephan von seinen sonstigen Gewohnheiten nicht ab. Belegt ist authentisch: „Auch hier wurden nun ähnliche Versammlungen abgehalten. Im Lustwäldchen des Radeberger Bades hielt er mit seiner Gesellschaft öfters nächtliche Umzüge, so dass die Dresdner Polizei von der Kreisdirektion aufs Neue beauftragt wurde, ihre Wachsamkeit zu schärfen.“ Um den Beobachtungen zu entgehen, verbrachte er wieder die „…Nachtzeit mit gottseligen Gesprächen im Freien. Schöne, helle Nächte verlebte er gern am Rande eines Waldes, um sich an dem Aroma des Nadelholzes zu erquicken, und um ihn her lagerten sich dann seine Getreuen auf Decken oder Matratzen. Er selbst hatte immer eine ihn begleitende Weibsperson in seiner Nähe, welche Decken und Kissen trug.“ Man hielt „Waldconvente“ oder „Nachtconvente“ ab, und unser Rödertal bot dafür offensichtlich ideale Voraussetzungen. Diese nächtlichen Zusammenkünfte und Spaziergänge wurden zum Teil so lange ausgedehnt, dass die Teilnehmer die ganze Nacht unterwegs waren. Bei diesem Treiben mit abenteuerlichen Umzügen und gottseligen Bet- und Bußstunden blieb es nicht aus, dass in Lotzdorf und Liegau die schon erwähnten Spukgeschichten aufkamen.

Das „Rückzugsgebiet“ Stephans 1838 in das z.T. steilwandige Hügelland zwischen Rödertal und  Silberberg sowie dem „Radeberger Bad“ (Südseite Tannengrund, oben rechts) und Lotzdorf, beides gehörte zum Amt Radeberg.
Das „Rückzugsgebiet“ Stephans 1838 in das z.T. steilwandige Hügelland zwischen Rödertal und Silberberg sowie dem „Radeberger Bad“ (Südseite Tannengrund, oben rechts) und Lotzdorf, beides gehörte zum Amt Radeberg.

Die rote Linie zeigt die damalige Amtsgrenze zum Amt Dresden, zu dem auch Liegau gehörte. Stephan hatte sich somit zur Vorbereitung der Auswanderung in einen anderen Amtsbezirk begeben, damit war ein juristischer Zugriff „amtsübergreifend“ und wesentlich schwerer zu vollstrecken.

Basiskarte: Meilenblatt  dd_hstad-mf_0001674 von 1834

 

Der Geistliche Martin Stephan stellte jedoch bald fest, dass er auch hier, im Radeberger Raum, nicht mehr ungestört wirken konnte. Die Untersuchungen zu seiner Person in Dresden nahmen ebenfalls einen ernsteren Charakter an, und so beschloss man, bereits Ende des Jahres 1838 gemeinsam nach Nordamerika zu emigrieren.

Im Mai und Juni 1838 wurden unter der Leitung von Advokat Dr. Marbach in Dresden, Leipzig und dem Muldental mit allen ausreisewilligen Stephanianern große Beratungen durchgeführt, auf denen man die Einzelheiten der Überfahrt erörterte. Spätere Studien von Sozialhistorikern der USA, die das Phänomen dieser Auswanderung untersuchten, kamen zu der Schlussfolgerung, dass von allen europäischen Auswanderern des 19. Jahrhunderts keine Auswanderung so sorgfältig geplant worden war, wie die der sächsischen Lutheraner. Es wurde zwar keine Gütergemeinschaft unter den Ausreisenden eingeführt, jedoch hatten „die Wohlhabenden für die Unbemittelten gesorgt und für deren leibliche Pflege sich verpflichtet. Die ökonomischen Verhältnisse der Fortgezogenen sind alle mit der größten Sorgfalt geordnet worden.“ Das heute noch bemerkenswerte dieser durchorganisierten Auswanderung bestand darin, dass im Vorfeld an alles gedacht worden war, angefangen von der Reiseordnung, über die Geldfonds, die Abrechnungsmodalitäten bis hin zu Listen und Tabellen zu persönlichen Angaben der Kolonisten mit ihren Berufen für den Neubeginn in der „Neuen Welt“. Alle Berufszweige waren vertreten, und Gelehrte aller Fakultäten hatten sich dem Zug angeschlossen, die einen bedeutenden Bücherschatz mit über den Atlantischen Ozean transportierten. Denn das Interessante ist, von Anfang an war geplant, eine deutsche Universität in der neuen Heimat zu gründen. Auf jedem Schiff befanden sich ein Geistlicher, um den Gottesdienst während der Fahrt abzusichern, ebenfalls Schullehrer, die angewiesen waren, die Kinder zu unterrichten, mehrere Ärzte und Zöglinge der "Königlich Chirurgisch-Medicinischen Akademie" zu Dresden, Hebammen, und selbst ehemalige Diener seiner Majestät des Königs befanden sich mit an Bord. Da das Gerichtsverfahren gegen Martin Stephan noch nicht abgeschlossen war, beschloss man im Ernstfall auch ohne ihn abzureisen.

Als Termin des Reisebeginns wurde für die erste Gruppe der 4. Oktober 1838 von Dresden nach Hamburg und von dort nach Bremen festgelegt, für die zweite Gruppe der 18. und für die dritte Gruppe der 28. Oktober. Bis zum 4. September 1838 hatten sich bereits 707 Personen mit ihrem Namen eingeschrieben, um mit der Auswanderungs-Gesellschaft zu emigrieren. Ein weiterer Teil wollte später nachreisen, denn die stephanistischen Prediger hatten unmissverständlich verkündet: „dass, wer zurückbleibe, nicht selig werden könne“. Der größte Teil der Emigranten kam aus Dresden, Leipzig, dem Muldental und aus dem Herzogtum Sachsen-Altenburg. Man plante die Reise mit 5 Segelschiffen und verfügte über einen gemeinsamen Finanz-Fonds von 123.987 Talern in barem Gold, die in eine Creditkasse kamen. Martin Stephan, als geistiger Kopf dieser Bewegung, hatte in der Zwischenzeit, auch durch die Berichterstattungen der Zeitungen, eine übergroße Popularität in ganz Deutschland erreicht. Die Blätter berichteten ständig über ihn, seine Ziele und seinen Prozess. Selbst noch im Oktober, der erste Zug der Emigranten war bereits auf der Elbe mit Dampfschiffen von Dresden nach Hamburg unterwegs, berichteten die Zeitungen, dass sich der Prozess um das Oberhaupt der Emigranten immer komplizierter gestalte. Die noch zurückgebliebenen Ausreisewilligen harrten ängstlich der Dinge, die da noch kommen könnten. Auch als sich die zweite Abteilung der Emigranten in Marsch gesetzt hatte, war noch kein Ende des Prozesses gegen ihren Oberhirten in Sicht. Der Angeklagte stand unter strengem Hausarrest. Erst am 25. Oktober wurde bekanntgegeben, dass die Untersuchung durch Königliche Abolition (Einstellung des Verfahrens) niedergeschlagen worden war und der ehemalige Pastor Stephan seinen Glaubensbrüdern nach Amerika nachfolgen könne. Man gab bekannt: „…um ihn nicht an der erwünschten Auswanderung zu hindern“. Offensichtlich hatte man klugerweise eingesehen, dass diese schnelle Abschiebung des „Sektierers und Rottengeistes“, wie er gern tituliert wurde, die beste Lösung des leidigen Problems darstellte. Festgelegt wurde für seine Abreise der 30. Oktober 1838 mit dem von Dresden nach Hamburg abgehenden Dampfschiff. Er hatte gerade noch Zeit, seine Familien-Angelegenheiten zu ordnen. Als seinen Generalbevollmächtigten, für die Regelung seiner Angelegenheiten in Abwesenheit, setzte er Advokat Krause aus Dresden ein. Nach einem „sehr kalten Abschied von seiner Frau und den in Dresden verbleibenden 7 Kindern“ verließ er die Stadt am frühen Morgen des 30. Oktober 1838 mit seinem ältesten Sohn, dem 16-jährigen Martin, den er mit nach Nordamerika nahm. Die letzte Abteilung der evangelischen Auswanderer war schon zwei Tage vor ihm aufgebrochen, und er folgte nun per Dampfschiff als Letzter, um sich über Hamburg mit seiner Gemeinde in Bremen auf die gemeinsame Überfahrt nach Amerika vorzubereiten. Mit ihm wanderten insgesamt über 700 evangelische Christen nach Nordamerika an den Missouri aus, die sich in der transatlantischen Welt die Erfüllung aller ihrer Ansprüche und Wünsche auf Religionsfreiheit und ein besseres Leben erhofften. Die Begeisterung war groß, und Pastor O. Hermann Walther dichtete noch in Bremerhaven im Überschwang der Gefühle einige Exulantenlieder, in welchen er Stephan als einen Heiligen Gottes feierte. Dieser sandte noch aus Bremerhaven, kurz vor der Abreise einen „Letzten Gruß im Namen der Seinen“ nach Dresden, ein „Lebewohl der aus Sachsen nach Nordamerika ziehenden altlutherischen Gemeinde“. Ihre gemeinsame Auswanderung als sächsische Lutheraner war in dieser Größenordnung einmalig und aufsehenerregend und beschäftigte auch weiterhin die Presse mit Mitteilungen, authentischen Nachrichten aus St. Louis, auch Verleumdungen, die Advokat Krause niederschlug.

Auszug aus der Passagierliste der „Olbers“ von Bremen nach New Orleans v. Nov. 1838;     Quelle: interactive.ancestry.de/7484/LAM259_17-0711  Bl. 277
Auszug aus der Passagierliste der „Olbers“ von Bremen nach New Orleans v. Nov. 1838; Quelle: interactive.ancestry.de/7484/LAM259_17-0711 Bl. 277
Ernst Wilhelm Martini, Superintendent in Radeberg;  Gemälde von Erhard Ludewig Winterstein, 1861 (Museum Schloss Klippenstein Radeberg),
Ernst Wilhelm Martini, Superintendent in Radeberg; Gemälde von Erhard Ludewig Winterstein, 1861 (Museum Schloss Klippenstein Radeberg),

In unserem Rödertal war längst wieder Ruhe eingezogen, der „Spuk“ war sozusagen vorbei. Inwieweit die fleißig arbeitende Dorfbevölkerung diese Geschehnisse in ihrem ganzen Ausmaß und Zusammenhang überhaupt wahrnahm, ist unbekannt, wohl aber eher nicht. Nur aus einem Eintrag des Radeberger Superintendenten Ernst Wilhelm Martini (1798-1870) in den Radeberger Kirchenbüchern kann man ersehen, dass Pastor Martin Stephan mit seinen Anhängern über Jahre unter kirchlicher Beobachtung und Überwachung gestanden haben muss, denn aufschlussreich wurde vermerkt: „In dem kleinen im Röderthale gelegenen Dorfe Liegau (…) wohnt auch seit mehreren Jahren jährlich mehrere Monate der nunmehr entlarvte und berüchtigte Pastor Stephan aus Dresden und hierher folgten ihm seine Anhänger zu Anstellung nächtlicher Wanderungen und gemeinschaftlicher Mahlzeiten. Auch wohnte Dr. Marbach hier und von beiden wurden wohl gemeinschaftlich die Pläne zur Auswanderung geschmiedet. Glücklicherweise sind Bewohner von Liegau dem Verführer nicht gefolgt.“ Ja, da hatte der Superintendent offensichtlich Recht.

Bisher wurden weder von Liegau, Lotzdorf oder Radeberg Namen von Emigranten in den Passagierlisten Bremen - New Orleans gefunden, jedoch verließ die Ephorie Radeberg ein Lehrer Zöge. Aus unserer unmittelbaren Umgebung war nur der 20-jährige Schuhmacher Eduard Schröder aus Grünberg Teil der „sächsischen Erweckungsbewegung“, der mit Pfarrer Martin Stephan auf dem Segelschiff „Olbers“ auswanderte. Von Stolpen wanderte ein Müller Zeibig mit Frau und zwei Kleinkindern aus, wovon das jüngste einjährige Kind die Überfahrt nicht überlebte. Bereits 1839, also kurz nach der Ausreise, setzte sich der bekannte Dr. der Philosophie und Prediger zu Leipzig, Ludwig Fischer, mit dem Phänomen der Stephanianer in Sachsen intensiv auseinander und fasste die Geschehnisse treffend zusammen:

„Die Kreuzessucht ward Kreuzesflucht“.

 

 

Geschichtlicher Nachtrag:

In Bremen charterte die Auswanderungsgesellschaft fünf Segelschiffe. Die Abreise von Bremen erfolgte in Etappen mit den Segelschiffen: Copernicus/ 3.Nov., Johann Georg/ 3.Nov., Republik/ 12.Nov., Olbers/18.Nov. und Amalia/18.Nov. als kleinstes Schiff. Das letztere sank in einem Sturm mit samt seinen Passagieren. An Bord der „Olbers“ befanden sich 181 lutherische Auswanderer, unter ihnen Martin Stephan und sein Sohn, Pfarrer Brohm als Sekretär, Dr. Marbach mit Frau und vier Kindern, wobei der jüngste zweijährige Sohn auf der Überfahrt verstarb, Dr. Vehse mit seiner neunjährigen Tochter und der Pastor O. Hermann Walther. Dessen Bruder C.F.W. Walther, Pastor aus Bräunsdorf, wurde nur wenige Tage nach der Abreise steckbrieflich verfolgt, weil er die zwei Kinder seiner verwitweten Schwester, Theodor und Maria Schubert, ohne Einwilligung des Vormundes mitgenommen hatte. Er konnte jedoch nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden. Die insgesamt vier Segelschiffe, die die gefährliche Seereise überstanden hatten, erreichten den Hafen von New Orleans bis zum 21. Januar 1839 mit insgesamt 612 Personen. Auf der Überfahrt waren auf diesen 4 Schiffen 10 Personen verstorben und 2 Neugeborene zu verzeichnen.

In der Bucht von New Orleans initiierte der Pastor O. Hermann Walther, mit weiteren neun Geistlichen, die Erhöhung Martin Stephans zum Bischof der Kirche „Apostolisch-lutherische Episkopalkirche zu Stephansburg“. Alle Auswanderer wurden verpflichtet, eine von ihm erarbeitete bischöfliche Kirchenverfassung zu unterschreiben. Dieses Dokument beinhaltete den totalen Machtanspruch und verlangte die absolute Unterwerfung in kirchlichen und weltlichen Angelegenheiten unter seiner Führung. Von New Orleans aus reisten alle mit dem Dampfschiff weiter auf dem Mississippi River bis St. Louis/Missouri, wo sie am 19. Februar 1839 ankamen. Hier war nach 1800 ein beliebter Siedlungspunkt für deutsche Auswanderer entstanden, und die deutsche Gemeinde erwartete bereits die Ankunft der Neuankömmlinge. Die Stephanianer verbrachten hier sechs Wochen. Im US-Bundesstaat Missouri, ca. 160 km von St. Louis entfernt, wurde mit Geld aus dem Kreditfonds für alle 4.440 Acker Land gekauft. In dieser neuen Heimat siedelte man sich in südlicher Richtung in Perry County an.

Deutsche Emigranten gehen an Bord eines in die USA fahrenden Dampfers (um 1850);   Quelle: images.google.de
Deutsche Emigranten gehen an Bord eines in die USA fahrenden Dampfers (um 1850); Quelle: images.google.de

Eine Gruppe von 120 Personen beschloss jedoch, in St. Louis unter Führung des Pfarrers O. Hermann Walther zu verbleiben. Sie gründeten die Dreieinigkeitsgemeinde, später erbauten sie die Dreieinigkeitskirche. Die Siedler in Perry County wurden durch finanzielle Misswirtschaft bzw. Unterschlagungen, angeblich durch Bischof Stephan, vollkommen verarmt. Hunger (es gab nur Reis und Speck), ungewohntes Klima, Krankheiten, Malaria, Leben in Zelten oder primitivsten Verschlägen, harte Arbeit beim Fällen des Urwaldes und der Urbarmachung des kargen Bodens, große Not durch das Unvermögen vieler Gemeindemitglieder (Pfarrer, Lehrer, Studenten, Gelehrte) Landwirtschaft zu betreiben, führten zu großen Verlusten und fast zur Katastrophe. Sie gründeten sieben kleine Siedlungen mit den Namen aus der ehemaligen Heimat: Altenburg, Dresden, Frohna, Johannisberg, Paitzdorf, Seelitz und Wittenberg. 1839 gründeten sie die erste Bildungsanstalt „Concordia“ in einem einfachen Blockhauszimmer unter Leitung des Pfarrers C.F.W. Walther. Später wurde diese Bildungseinrichtung „Concordia“ nach St. Louis verlegt und daraus entstand eines der größten Seminare der Vereinigten Staaten, das „Concordia Seminary“, eine Universität zur Ausbildung von Predigern und Lehrern. Das ungezügelte Machtstreben und diktatorische Verhalten von Bischof Stephan wurde für die unzufriedene, enttäuschte und im Elend lebende Gemeinde Anlass, ihm nach der nachgesagten Veruntreuung des gemeinsamen Geldfonds, von Spendengeldern und sexuellen Übergriffen auf mehrere Mädchen, am 31. Mai 1839 in einer Versammlung in Perry County vor der versammelten Kolonie anzuklagen, abzuwählen und ihn seiner persönlichen Wertsachen zu entledigen. Am nächsten Tag wurde er zwangsweise mit einem Boot über den Mississippi gebracht und in Illinois in dauerhaftes Exil verbannt. Er war zu diesem Zeitpunkt zweiundsechzig Jahre alt. Als einzige Anhängerin folgte ihm Louise Günther in das Exil. Eine erste Zuflucht erhielt er in einer Hütte am Höhenzug „Teufels Backofen“ am Mississippi. Vollkommen verarmt und krank, musste er sich unter unwürdigsten Verhältnissen als Wanderprediger von Farm zu Farm durchschlagen. 1842 strebte er nochmals einen Prozess vor einem Gericht in Missouri gegen die Gemeinde für seine Rehabilitation an. Der prominente deutsch-amerikanische Anwalt, Gustav Körner (1809-1896), ein enger Freund von Abraham Lincoln (1809-1865), setzte sich für Stephan ein. Der Prozess wurde für Stephan angeblich gewonnen, alle Anklagepunkte konnten widerlegt werden, aber dennoch blieb er exkommuniziert und seines Vermögens beraubt. Kurz vor seinem Tod 1846 erhielt er noch eine Anstellung als Pfarrer in einer lutherischen Kirche in Red Bud/Illinois im Randolph County. Auf seiner Grabstätte wurde er als „Der erste Lutheraner in Amerika“ bezeichnet.

Carl Ferdinand Wilhelm Walther (1811-1887);   Quelle: wikimedia.org; File:C. F. W. Walther 02
Carl Ferdinand Wilhelm Walther (1811-1887); Quelle: wikimedia.org; File:C. F. W. Walther 02

Sein Sohn Martin Stephan blieb Mitglied der Gemeinde in Missouri. 1840 erhielt er eine Mitteilung seiner Mutter aus Dresden, dass sie sehr krank sei und er kehrte nach Deutschland zurück. In Dresden entschloss er sich, auf den Spuren seines mütterlichen Großvaters, Johann Friedrich Knöbel (1724-1792), der ein berühmter Architekt des Kurfürsten von Sachsen und Königs von Polen gewesen war, ebenfalls Architektur zu studieren. Nach dem Tod der Mutter 1844 beendete er sein Architekturstudium und begann in Leipzig ein Studium für eine kirchliche Laufbahn.1847 ging er in die USA zurück. In der Zwischenzeit war C.F.W. Walther zum ersten Präsidenten der lutherischen Kirche Missouri-Synode gewählt worden – der Name „Stephan“ hatte keinen guten Ruf mehr… Die Nachkommen der Familie Stephan kämpfen noch heute um die Rehabilitation von Pfarrer Martin Stephan.

Die sächsischen Kolonisten zogen nach dem Bruch mit Pfarrer Stephan in Erwägung, wieder gemeinsam als „Getäuschte und Verführte“ nach Deutschland und in die Heimatkirche zurückzukehren. In der Gemeinde kam es zu einer inneren Entzweiung. Erst als unter der Leitung des neu gewählten Oberhauptes der Gemeinde, Pfarrer C.F.W. Walter, die Vision einer wahren Kirche auf der Grundlage des Gemeindeprinzips und der Betonung der Unfehlbarkeit der Heiligen Schrift, in deren Mittelpunkt Gottes Gesetz und Evangelium steht, herausgehoben und vertreten wurde, konnte ein Auseinanderbrechen der Auswanderer-Gemeinde verhindert werden. Die Gemeinde vergrößerte sich noch durch eine kleine Gruppe von 95 Deutschen, die aus New York im Mai 1839 nach Perry County kamen und 141 lutherische Ansiedler aus dem Herzogthum Sachsen-Altenburg, die im Dezember 1839 dazu kamen. Nur einige wenige Enttäuschte kehrten nach Deutschland zurück, unter ihnen bereits Ende 1839 der Archivar Dr. Vehse und 1841 der Advokat Dr. Marbach.

Gedenkstätte der Sächsisch-Lutherischen Auswanderer in Frohna/Missouri; Quelle: en.wikipedia.org/wiki/Saxon Lutheran Memorial, Markkaempfer (Ausschn.)
Gedenkstätte der Sächsisch-Lutherischen Auswanderer in Frohna/Missouri; Quelle: en.wikipedia.org/wiki/Saxon Lutheran Memorial, Markkaempfer (Ausschn.)
Erste Siedlungshäuser der Sächsisch-Lutherischen Auswanderer 1839 unter Stephan in Perry County, rechts die erste „Lehranstalt“;   Quelle: Köstering, St. Louis 1867
Erste Siedlungshäuser der Sächsisch-Lutherischen Auswanderer 1839 unter Stephan in Perry County, rechts die erste „Lehranstalt“; Quelle: Köstering, St. Louis 1867

Aus der sächsischen lutherischen Auswanderergemeinde unter Führung von Pfarrer Martin Stephan, der seine ehemaligen siebenhundert Anhänger nach Nordamerika brachte, entwickelte sich unter Leitung seines Nachfolgers C.F.W. Walther ab 1847 die „Lutheran Church - Missouri Synod“ (LCMS). Diese Kirche zählt heute über zwei Millionen Mitglieder und ist damit die zweitgrößte lutherische Kirche in den USA. Verbunden und wirksam ist sie auch mit der 1876 gegründeten Ev.-Luth. Freikirche (ELFK) in Deutschland. Pfarrer C.F.W. Walther wurde und wird auf Grund seiner Verdienste hoch verehrt und als „Luther Amerikas“ bezeichnet.

 

Resümee:

Der Pfarrer Martin Stephan hatte eine große Vision. Ebenso wie bei vielen anderen Visionären, konnte er diese nicht in der Heimat verwirklichen. Erst durch die unter seiner Führung 1838/39 erfolgte sächsische Lutherische Auswanderung mit über 700 Anhängern in die Vereinigten Staaten, wurde der Grundstein für die heutige „Lutheran Church - Missouri Synod“ gelegt, die heute zweitgrößte lutherische Kirche der USA, die sein Nachfolger, Pfarrer C.F.W. Walther, gründete und die heute über 2,3 Millionen Mitglieder in den USA verzeichnen kann.

 

Was man aber nicht vergessen sollte:

Ein Großteil der Vorbereitungsarbeiten, die konkreten und abschließenden Auswanderungspläne für das Gelingen seiner Vision, erarbeitete Pfarrer Martin Stephan mit seinen Unterstützern 1838 im Radeberger Bad (Augustusbad), zwischen Lotzdorf und Liegau…

 

Quellen:

·        Ludwig Fischer: Das falsche Märtyrerthum, Verlag W. Künzel, Leipzig 1839

·         Johann Friedrich Köstering, C.F.W. Walther: Auswanderung der
               sächsischen Lutheraner im Jahr 1838, Verlag A. Wiebusch, 1867 Missouri

·        Philip Stephan: Im Streben nach Religionsfreiheit, Lexington Bücher 2008

·        Dr. Gottfried Herrmann: C.F.W.Walther und das Gemeindeprinzip, Leipzig 2011

·         Hartmut Reinsberg: Auszug der Achthundert,
              Heimatgeschichte Limbach-Oberfrohna

·       Radeberger Zeitung: Unterhaltungsbeilage Nr.67, 1929

·        Leipziger Allgem. Zeitung, 31.Oktober 1838

·        Regensburger Zeitung, Nr. 258 / 1835, Nr. 180 / 1839, Verlag Neubauer

·        Redaktionsbriefwechsel der Hallischen Zeitung, 1839

·        Passagierlisten New Orleans ab 1813, www.interactive.ancestry.de

·        Passagierlisten Ship „Olbers“ 1838/39, Imigrant Ships Transcribers Guild

·        Wikipedia: Lutheran Church - Missouri Synod

·        Allgemeine Kirchenzeitung: „Die Stephanianer im Muldentale“ / Mai 1840, Nr.78

·        C.F.W. Walther: „Mündige Gemeinden“

·        Walter O. Forster: „Zion auf dem Mississippi“, St. Louis:
               Concordia Publishing House 1953

·        Stephan Familienarchiv

·    Dr. C.F.W. Walther: Lutherische Bekenntnisgemeinde

 

 

 

Renate Schönfuß-Krause

www.teamwork-schoenfuss.de