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Lotzdorfs „Scharfer Zacken“ am Sandberg und Napoleon Bonaparte
Lotzdorf Napoleon Bonaparte am Sandberg
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Lotzdorfs „Scharfer Zacken“ am Sandberg und Napoleon Bonaparte


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Lotzdorfs „Scharfer Zacken“ am Sandberg und Napoleon Bonaparte

 

Die historischen Flurkarten von Radeberg und Lotzdorf zeigen in dem Gebiet am Sandberg eine interessante Aufteilung der Flurstücke. Die Flur der Gemeinde Lotzdorf schiebt sich wie ein „scharfer Zacken“ in die Gemarkung des Radeberger Gebietes hinein. Historisch Interessierte gingen zumeist davon aus, dass Lotzdorf erst ab der Ecke Karlstraße und Sommerweg seinen Anfang bzw. sein Ende nahm - dem war nicht so. Die Flur Lotzdorf ging in einem sich verjüngenden Dreieck bis an den Sandberg, eine sandige Erhebung, die erst um 1900 abgetragen wurde.

Diese Besonderheit ehemaliger Besitzverhältnisse war mit Sicherheit ausschlaggebend für den weiteren Ausbau der Wege- und Straßenführungen, ab ca.1900 auch für das verstärkt einsetzende Baugeschehen und die Besiedlung in dieser Region.

Von Radeberg aus zog sich die Gasse der oberen Vorstadt durch das Obertor, in Verlängerung als Wachauer Straße, die zu dem berühmten Augustusbad führte, bis zum Sandberg (heute Badstraße/ Kriegerdenkmal). Hier teilte sich die Straße um den „scharfen Zacken“ der Lotzdorfer Flur herum. Linksseitig in die Straße Richtung Lotzdorf/Liegau (heute Dr.-Rudolf-Friedrichs-Str.), rechtsseitig in die Straße Richtung Wachau/Seifersdorf (heute Badstraße). Durch diese Flureinteilung bzw. diesen Flurbesitz ergab es sich, dass die spätere linksseitige Straßenbebauung der Friedrichsstraße ab ca. 1890, ebenso wie die rechtsseitige Grundstücksbebauung der Badstraße auf Radeberger Gebiet lagen, während die Grundstücke auf den gegenüberliegenden Straßenseiten einschließlich der Straßen-Flächen jeweils zum Lotzdorfer Territorium gehörten.

Der Lotzdorfer „Scharfe Zacken“ am Sandberg / eingearbeitet in den Stadtplan Radeberg 1936 (Grün: Lotzdorfer Flur)
Der Lotzdorfer „Scharfe Zacken“ am Sandberg / eingearbeitet in den Stadtplan Radeberg 1936 (Grün: Lotzdorfer Flur)

Vor der Erschließung und Bebauung war dieses Gebiet um den Sandberg bei Lotzdorf auch in strategischer Hinsicht von Bedeutung. Der Sandberg ist von der Höhenvermessung her einer der höchsten Punkte Radebergs. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts handelte es sich hier um fast noch unbebautes Land zwischen der Stadtgrenze Radeberg und dem Dorf Lotzdorf. Dem Betrachter bot sich von der Erhebung des Sandberges ein ungehinderter Rundblick in das Umland, sogar bis zum gewaltigen Massiv des Keulenberges und nach Stolpen. Wen wundert es da, dass am 3. Juli 1813 Kaiser Napoleon Bonaparte (1769 Ajaccio auf Korsika - 1821 St. Helena) auf dem Sandberg vor Lotzdorf erschien, um die Lage von diesem Punkt aus für seine weitere Kampftaktik gegen seine Widersacher zu rekognoszieren? Der durch den gescheiterten Russlandfeldzug 1812 und die Niederlage seiner „Grande Armée“ angeschlagene Imperator war, durch die daraufhin erfolgte Allianz von Preußen mit Russland und später Österreich, in arge Bedrängnis geraten. Die Vormachtstellung Frankreichs war gebrochen. Mit der Kriegserklärung Preußens an Frankreich am 16. März 1813 begannen die Befreiungskriege. Da der sächsische König Friedrich August I. (1750-1827) enger Bündnispartner Napoleons war, hatte der Kaiser der Franzosen mit seinem Stab in Dresden, im Palais des sächsischen Ministers Graf Marcolini (heute Krankenhaus Dresden Friedrichstadt), Quartier bezogen und plante von hier aus die weiteren Strategien und Operationen gegen seine Kontrahenten. Er wusste, dass um die Vormachtstellung der wichtigen Festung Dresden mit der Elbüberquerung heftige Kämpfe bevorstanden. Deshalb nahm er die wichtigsten strategischen Gegenden in der näheren und weiteren Umgebung Dresdens selbst in Augenschein, bevor er seine Schlachtpläne ausarbeitete. Vor seiner Stippvisite zu Geländestudien im Gebiet um Radeberg herum, hatte er bereits die Festung Königstein aufgesucht, Pillnitz, Wehlen, Königsbrück, Stolpen. Alles wichtige strategische Punkte. Wie die Radeberger Chronisten (Thieme und Martius) zu berichten wussten, kam Napoleon am 3. Juli 1813, nachmittags in der 6-ten Stunde, mit einer berittenen Suite von etwa 100 Mann Gefolgsleuten hoher Generäle und Offiziere, ohne Vorankündigung von Dresden aus in seiner Kutsche ganz langsam durch das Dresdner Tor in die Stadt Radeberg gefahren, durchquerte diese über den Markt ohne Aufenthalt und begab sich mit seinen Leuten durch das Obertor (heute Oberstraße) bis an den Sandberg bei Lotzdorf. Auf der Anhöhe erkundete er mit seinem allgegenwärtigen Fernrohr die Gegend, nachdem er sich die Landkarten hatte vorlegen lassen. Offensichtlich entsprach die geprüfte Ausgangslage doch nicht seinen strategischen und taktischen Vorstellungen für eine weitere, größere militärische Operation an diesem Ort. Das war vorerst ein Glück für Radeberg und das gesamte Umland, denn damit wurde das Radeberger Land nicht sofort unmittelbares Kriegsgebiet, sondern, so hielten es spätere Chronisten fest, „nur Durchzugsgebiet“ und Gebiet, in dem große Ansammlungen napoleonischer Garden im Quartier lagen. Napoleon hatte befohlen, diese in unmittelbarer Nähe Dresdens unterzubringen. Eine nicht minder schreckliche Situation für die Bevölkerung und die Dorfschaften. Einquartierungen, Requirierungen, Plünderungen, Erpressungen und Übergriffe jeglicher Art, durch Freund und Feind, waren immer gegenwärtig. So, wie Kaiser Napoleon Bonaparte zum Sandberg gekommen war, nahm er seinen Weg ohne Aufenthalt zurück durch die Stadt. Der Chronist der Thieme-Knobloch-Chronik vermerkte dazu, dass zwar Menschen vor die Häuser getreten wären, die Napoleon sehen wollten, „...das aber von keinem Einzigen ein ‚vive l`empereur!‘ (Heil dem Kaiser!) gerufen wurde“. Wenn man die Vorgeschichte des Jahres 1813 in Radeberg bis zu diesem denkwürdigen Tag im Juli 1813 kennt, kann diese Zurückhaltung nicht verwundern.

Noch im Jahre 1807 umtoste nicht endend wollender Jubel, Kanonendonner und Kirchenglockengeläut den siegreichen Napoleon, als er nach dem Friedensschluss zu Tilsit an der Seite des sächsischen Königs seinen Einzug in Dresden hielt. Auch viele Radeberger versäumten es nicht, ihm am „Schänkhübel“ an der Bautzner Landstraße, in Bühlau oder in Dresden selbst ein „Vivat“ zuzurufen. Auch noch im Jahr 1810 ließen es sich die Radeberger Honoratioren nicht nehmen, bei einem Festmahl im Rathaus zu Ehren der zurückgekehrten Radeberger Garnison aus dem siegreichen Feldzug gegen Österreich, gemeinsam mit den Offizieren der Garde du Corps zu singen: „ Den Frieden schenkte der zagenden Welt- Napoleon wieder, der siegende Held“. Das schien in Radeberg in der Zwischenzeit vergessen worden zu sein.

Napoleon bei Bautzen (Ausschnitt)
Napoleon bei Bautzen (Ausschnitt)

Bekanntlich jubelt das Volk ja immer den Siegern zu, niemals denen, die am Verlieren sind. Napoleons Stern war nach seinem misslungenen Russlandfeldzug 1812 absolut am Sinken. Die hohen Verluste der sächsischen Truppen, man zählte bei der Rückkehr aus Russland nur noch um die 1.000 sächsische Soldaten, die von den in den Krieg gezogenen 21.000 Mann überlebt hatten und die große Not der Bevölkerung trug dazu bei, den Hass gegen die napoleonische Fremdherrschaft zu forcieren. Außerdem war die politische Lage sehr unübersichtlich geworden. Aus der Stadt Radeberg wurden umgehend die Garnisonstruppen abgezogen und zu dem Rest der sächsischen Armee nach Dresden verlegt. Damit war die Stadt ungeschützt. Radeberg und das Umland erlebten nun ab Anfang März 1813 den fast täglichen Einzug und Durchmarsch der unterschiedlichsten Kriegstruppen: Kosaken und Kalmücken, rund 3.000 Mann zu Pferde, die auf dem Markt lagerten, 3 Regimenter russische Infanterie, die ihr Lager an der Wachauer Straße auf den Feldern am Sandberg aufschlugen, 1 Corps Königl. Preußische Truppen der niederschlesischen Brigade, die sich in den Dörfern einquartierten, preußische Kavallerie und Artillerie, 3 Regimenter russische Infanterie, eine halbe preußische Batterie mit 4 Kanonen, 238 Mann und 140 Pferden samt Munitionswagen, russische Kavallerie-Divisionen, Regimenter von Kürassieren, Dragonern, Ulanen und Husaren. Das Radeberger Gebiet erlebte eine nicht enden wollende Lawine, die sich sprichwörtlich durch die Stadt fraß und die hungernde, ihrer letzten Habseligkeiten beraubten Bevölkerung an den Rand der Verzweiflung brachte. Am 22./23 April marschierten Tag und Nacht mehrere Regimenter russischer Truppen mit ihrer Bagage durch Radeberg. Schließlich erschien mit den Russen „Seine Majestät“, Zar Alexander I. von Russland (1777-1825), dem auf sein Verlangen hin vom Rat der Stadt Quartier in Radeberg gegeben wurde. Er traf am 23. April nachmittags um 5 Uhr ein, und die Stadtoberen bemühten sich, „diesen erhabenen und allgeliebten Monarchen und unerwarteten Gast mit tiefster Ehrfurcht und Ergebenheit zu empfangen“. Es wird berichtet, dass sämtliche königliche Diener, der Stadtrat und die Geistlichkeit den Monarchen vor der Stadt begrüßten, der Schützen-Chor eingeschlossen. Der Zar wurde in Radeberg schon zu diesem Zeitpunkt in schwungvollen Begrüßungsreden als „Wohltäter der Menschheit, Retter, Beglücker und Beschützer“ gefeiert. Ganz besonders tat sich an der Spitze der königlichen Beamten Generalakzise-Inspektor Gumprecht hervor, der ein selbstverfasstes Lobgedicht auf den Zaren deklamierte, um es ihm anschließend auf „samtenen Kissen“ zu überreichen. Die Volksmenge rief wie üblich „Hurra“, einige auserwählte Jungfrauen der Stadt streuten Blumen und überreichten einen Lorbeerkranz, der Schützen-Chor sang das Gumprecht‘sche vertonte Gedicht... Ein Feuerwerkspektakel rundete das Ganze noch ab.

Es soll hier noch erwähnt sein, dass der Sohn des so übereifrigen Generalakzise-Direktors Gumprecht, der in St. Petersburg als Apotheker lebte, das Gedicht seines Vaters ein Jahr später, also 1814, als zweite Auflage zur Jahresfeier dieser Radeberger Begebenheit, für seine dortigen Landsleute herausbrachte.

„Alexander und Friedrich Wilhelm an der Spitze ihrer Fussgarden halten am 24. April 1813 über Neustadt ihren Einzug in Dresden“  Lithografie;  Alexander kam direkt von Radeberg nach Neustadt (heute Dresden-Neustadt);  Quelle: Museum Klippenstein Radeberg
„Alexander und Friedrich Wilhelm an der Spitze ihrer Fussgarden halten am 24. April 1813 über Neustadt ihren Einzug in Dresden“ Lithografie; Alexander kam direkt von Radeberg nach Neustadt (heute Dresden-Neustadt); Quelle: Museum Klippenstein Radeberg

Der Zar zog am nächsten Tag, d. 24. April 1813, mit seinem hohen Gefolge weiter nach Dresden - und auch der Krieg ging, sogleich nach des Zaren Abgang aus Radeberg, weiter - der Stab der russischen Infanterie-Division unter General Fürst Goritzschow tauchte umgehend auf und quartierte sich ein. Dabei handelte es sich dieses Mal „nur“ um einige 30 hohe Stabs-Offiziere, 700 Unteroffiziere und Gemeine und einige hundert Pferde.

 

Jedoch die Ära Napoleon war noch nicht am Ende. Seine Truppen errangen gegen seine Kriegsgegner Russland und Preußen am 2. Mai 1813 in der Schlacht bei Großgörschen (Lützen) und am 20./21. Mai bei Bautzen einen erneuten Sieg. Vorsicht war also geboten. Außerdem war das Königreich Sachsen, zu dem das Kurfürstentum Sachsen 1806 „durch Napoleons Gnaden“ huldvoll erhoben worden war, immer noch enger Bündnispartner Napoleons.

 

Es ist also aus heutiger Sichtweise umso erstaunlicher, dass der Rat und hochgestellte Bürger der Stadt bereits ab April und Mai 1813 Kontakte mit den damaligen „Feinden“ Napoleons so offen wagten und pflegten. Der Zar von Rußland, Alexander I., erschien zum zweiten Mal am 9. Mai 1813, fast inkognito, auf dem Schloss, um sich mit seinem dort befindenden russischen Generalfeldmarschall Graf zu Sayn-Wittgenstein (1769-1843) über weitere Schritte im Kampf gegen Napoleon zu beraten. Anschließend begaben sich der Zar und sein Generalfeldmarschall zu Fuß, ohne weitere Begleitung, in das Rumpeltsche Haus No.37, wo sie mit dem dort einquartierten General der russischen Armee, Ferdinand Freiherr von Wintzingerode (1770-1818), speisten. Bedient wurden sie dabei von der „Rumpeltschen ältesten Tochter“, die dafür das hübsche Sümmchen von 25 Dukaten erhielt. Die 40.000 Mann starke russische Armee biwakierte zu dieser Zeit im Umland Radebergs. Am gleichen Tag erschien ebenfalls der König von Preußen, Friedrich Wilhelm III. (1770-1840) auf dem Radeberger Schloss zu Gesprächen mit dem russischen Generalfeldmarschall. Radeberg war offensichtlich ein wichtiger Unterstützer zivil-militärischer Treffen der anti-napoleonischen Kräfte.

 

Der Kampf gegen die Napoleonische Fremdherrschaft war ab 1813 in eine neue Phase getreten, auch in eine neue Kampftaktik. Erfolge in der Kriegsführung wurden in den Befreiungskriegen nicht mehr nur allein auf den Schlachtfeldern gesucht, sondern zunehmend auch in Kampftaktiken kleinerer Einheiten, die durch schnelle und wendige Manöver, durch zermürbende Überraschungsangriffe in sogenannten wilden Scharmützeln, den Gegner verunsicherten und aufrieben. Die Thieme-Knobloch-Chronik berichtet unter dem 2. April 1813: „Am Nachmittag rückten (...) 150 Mann preuß. Cavallerie, die aus lauter Freywilligen und jungen Leuten aus angesehenen Familien bestand und den Namen Ehrengarde führte, hier ein. (...) Sie waren aber noch nicht ausexercirt, was während dem Marsche geschah.“ Diese sogenannten patriotischen Freikorps waren im Entstehen. Der Dichter Theodor Körner (1791-1813) gibt mit seinem Gedicht „Lützows wilde verwegene Jagd“, vertont von Carl Maria von Weber (1786-1826), einen Einblick in den Geist dieser Zeit. Sachsen war zum Haupt-Kriegsschauplatz geworden. Mit der Schlacht bei Dresden im August 1813 konnte Napoleon letztmalig einen Sieg verbuchen, dann verließ ihn sein Kriegsglück. Seine endgültige verheerende Niederlage wurde in der Völkerschlacht bei Leipzig vom 16.-19. Oktober 1813 besiegelt.

 

Was die Radeberger Chronisten damals nicht wissen konnten, die Gefahr der direkten Einbeziehung von Radeberg und Lotzdorf in das unmittelbare Kriegsgeschehen, nach dem Besuch Napoleons im Juli 1813 am Sandberg, war noch nicht gebannt. Nur wenige Wochen später rückten der Radeberger und der Lotzdorfer Raum erneut in den Focus strategischer Interessen, dieses Mal der Bündnispartner gegen Napoleon. Ganz Sachsen war in der Zwischenzeit ein einziges Kriegsgebiet. Durch das Land zogen kreuz und quer die Truppen der Österreicher, die seit Ende Juni ebenfalls der anti-napoleonischen Koalition angehörten, der Russen, Preußen, Schweden, der napoleonischen und sächsischen Truppen. Selbst für die Strategen der verschiedenen Kriegsparteien schienen die sich täglich verändernden Situationen fast unüberschaubar geworden zu sein. Neueste Untersuchungen und Veröffentlichungen im Jahr 2015 durch Michael V. Leggiere, Professor für Geschichte (mit Schwerpunkt napoleonische Militärgeschichte), dokumentieren das. Er veröffentlichte Dokumente, aus denen zu ersehen ist, dass Lotzdorf und Radeberg, namentlich in den Dokumenten genannt, ganz konkret Teil von kurzfristig geplanten Kampfhandlungen werden sollten. So fand Prof. Leggiere eine „extrem detaillierte Aufstellung für Operationen der Bündnispartner gegen Napoleon für die Zeit vom 21. - 24. September 1813“ als militärische Weisungen. Der preußische Generalfeldmarschall August Neidhardt von Gneisenau (1760-1831) hatte diese „Geheime Aufstellung“ erarbeitet und als Order herausgegeben, aus der auch Schlüsse auf die Lotzdorfer und Radeberger Situation gezogen werden können, die bisher unbekannt waren. Darin steht u.a.: „Um die feindlichen Kräfte einzuschließen, die der Schlesischen Armee auf der Hauptstraße nach Dresden gegenüberstehen, solle Yorck (Ludwig Graf Yorck von Wartenburg/ preuß. Generalfeldmarschall) mit seiner Vorhut einen Scheinangriff in Lotzdorf und Radeberg durchführen (...), Langeron (Alexandre Andrault de Langeron/ General d. russ. Armee) solle den Kampf in der Region um Radeberg erfolgreich aufnehmen (...), der russische Kommandeur solle Macdonalds (Jacques MacDonald / Marschall von Frankreich) linken Flügel bei Radeberg angreifen (...)“. Außerdem wurde über die Lage der preußischen Armee vermerkt: „...die Armee des Königs, welcher es bei Radeberg an Futterung gebrach, bezog das Lager bei Großdöbritz..“ Natürlich erst, nachdem keine „Futterung“ mehr aus der Stadt und dem Umland herauszupressen war und kein Halm mehr auf den Äckern der Dörfer stand. Außer diesen neu entdeckten Aussagen, die belegen, dass das Radeberger und Lotzdorfer Territorium unmittelbar in das Kriegsgeschehen involviert war, bestätigt das auch die Chronik Martius von 1828. Er berichtete: „Am allerschlimmsten war das Jahr 1813 (...). Wegen Mangel an Zugviehe wurden die Verwundeten zuletzt auf Schubkarren durch Landleute transportirt. Aus den beiden Aemtern Radeberg und Stolpen wurden einmal an einem Tage im Juni 1813 über 3000 dergleichen einräderigen Fuhrwerke requirirt.“

 

Einen authentischen Einblick, wie die Bevölkerung Radebergs und der umliegenden Dorfschaften in dieser Zeit litt, gibt die Chronik Thieme-Knobloch wieder. Kaufmann Thieme, wohnhaft am Radeberger Markt, Cat.-Nr. 63, hielt u.a. fest: „Mein Hauß am Marckte ist vom Mon: Marz bis ultimo Decembr bequartieret gewesen mit 579 Mann als 302. Franzosen und Würtemberger und 277. Russen und Preußen. Diese bestanden, in 2. Generals, 20. Obristen, 210. Staabs u. andere Officiere und 347. Unter Officiers, Gemeinen und Bedienten. Ausser denen von denen Quartier Wirthen getragenen Verpflegungen, haben vorbemerckte Truppen, nebst der grosen Menge derjenigen, welche in der Nähe der Stadt von Zeit zu Zeit bovouquirt haben, succsesive erhalten: 2144. Schfl. Hafer, 4120. Ctr. Heu, 158. Schock Stroh, 506. Fuder Klee und Gras, so an 1000 Thl anzuschlagen sind. (…) Der Schaden u. Verlust überhaupt, welchen einzelne Individuen durch Fouragirung von Feldern, Wiesen, Böden und Scheunen durch Plünderungen, gewaltsame Wegnahme des Viehes, Beschädigungen an Gebäuden, Verzäunungen und sonst vielfältig erlitten haben belief sich nach vorschriftsmäsigen Angaben auf 33000. Thl.“.  Viele Dörfer waren ihrer Lebensgrundlagen beraubt. Die Ernte war vernichtet, Felder und Wiesen ruiniert, Zugtiere und Vieh geraubt, und die Bauern waren ohne Hausgeräte, Ackerwerkzeuge, Fuhrwerke, Wäsche, Kleidung, Betten und barem Geld. An vielen Orten traten Viehseuchen auf, denen die wenigen, noch vorhandenen Tiere zum Opfer fielen. Hungersnöte waren vorprogrammiert, und die Bevölkerung wurde noch zusätzlich durch von durchziehenden Truppen eingeschleppte Krankheiten dezimiert. So breitete sich das ansteckende Lazarett-Fieber aus, an dem im Durchschnitt jeder 10. verstarb. In Radeberg wurde 1813/14 die doppelte Anzahl an Begräbnissen registriert, gegenüber normalen Zeiten.

 

Das Kriegerdenkmal auf dem ehem. Sandberg bei Radeberg, hier besichtigte Napoleon die Umgebung und hier wurde später die „Napoleonpappel“ gepflanzt (alte Postkarte)
Das Kriegerdenkmal auf dem ehem. Sandberg bei Radeberg, hier besichtigte Napoleon die Umgebung und hier wurde später die „Napoleonpappel“ gepflanzt (alte Postkarte)

Als nach den Napoleonischen Kriegen allmählich wieder die Normalität im Radeberger Land einzog, erinnerte man sich an den Erkundungsaufenthalt Napoleon Bonapartes am 3. Juli 1813 mit seinem Stab am Sandberg vor Lotzdorf. Zur Erinnerung an diese historische Begebenheit pflanzte der Lotzdorfer Gutsbesitzer Großmann an dieser Stelle, auf seinem Grundstück des „scharfen Zacken“, als Gedenkbaum eine sogenannte „Napoleon-Pappel“. Es soll an dieser Stelle auch eine Gedenktafel gegeben haben, die auf den hohen Besuch des Kaisers Napoleon hingewiesen hat. Pappeln hatten für Napoleon immer eine große Bedeutung und wurden als „Wegweiser Napoleons“ bezeichnet. Er ließ die schnellwüchsigen Bäume als Alleen in eroberten Gebieten anpflanzen, um die Straßen für seine Truppen schon von weitem sichtbar zu machen. Die sogenannte „Napoleon-Pappel“ stand genau an der Spitze des „scharfen Zacken“ am Sandberg bei Lotzdorf, wo sich die Wege nach Lotzdorf und Seifersdorf gabeln. Als die Bewohner Radebergs 1878 den Wunsch hegten, aus eigenen Spendenmitteln ein Denkmal zu errichten, das an die großen Zeiten erinnern sollte, als für Deutschland die Einheit und Freiheit erkämpft wurde, kam der dafür zuständige Denkmalausschuss bald an seine Grenzen. Er erhielt in der Stadt Radeberg keine Genehmigung für die Aufstellung des Denkmals. Deshalb wurde ein geeigneter Platz außerhalb der Stadt gesucht und bald darauf auch gefunden. Die Lotzdorfer Gemeinde und der Lotzdorfer Gutsbesitzer Großmann stellten den historischen Platz, die Spitze des „scharfen Zacken“, die Stelle, an der Napoleon gestanden hat und die nun mit der Napoleon-Pappel an ihn erinnerte, dem Radeberger Denkmalausschuss zur Verfügung. Der „Zacken“ wurde käuflich erworben und das Kriegerdenkmal für die Gefallenen des Deutschen Krieges 1866 und des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71 errichtet. Die Weihe erfolgte am 7.September 1879. Der Platz und das Denkmal wurde der Stadt Radeberg mit der Auflage übergeben, für die Unterhaltung des Gedenkplatzes Sorge zu tragen. Aus verkehrstechnischen Gründen wurde im Jahre 1902 das Denkmal 20 Meter nach Norden in Richtung des 1896 erbauten Gasthauses „Lindenhof“ versetzt und auf einem Granitsockel erhöht. Damit blieb die Spitze des „scharfen Zacken“ vor Lotzdorf am Sandberg weiterhin für die Historie von Bedeutung und ein Ort der Mahnung, denn, ob es sich um die Epoche von Napoleon handelte, oder um die Erinnerung an die Opfer der Kriegsgeschehen 1866 oder 1870/71, die auf dem Kriegerdenkmal verewigt sind:

Waffen hinterlassen keine Sieger!

 

Renate Schönfuß-Krause

www.teamwork-schoenfuss.de

 

Quellen:

1.   Chronik Thieme-Knobloch, Radeberg

2.   Martius: Radeberg und seine Umgebungen, Bautzen 1828

3.  Stuhr, Peter Feddersen: Die drei letzten Feldzüge gegen Napoleon, Lemgo,
     Meyersche Hofbuchhandlung 1832

4.  Michael V. Leggiere: Napoleon and the Struggle for Germany,
     Cambridge University Press, 9. April
2015

5.   E. C .A. Baron von Görtz: Wer war größer: Friedrich der Große oder Napoleon?
     Verlag Gottfried Basse, 1840

6.  Theodor Arldt: Radeberg - Ein Heimatbuch

7.  Flurkarten Gemarkungen Radeberg und Lotzdorf