Selbst verfasste Artikel zu Georg Naumann in Wikipedia:

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Für die englisch-sprachige Wikipedia ist der Artikel "Georg Naumann" der erste von uns verfasste Beitrag (ins Englische übertragen von Christine Bogs). In der

"Radeberger" Nr. 15/2016 v. 15.4.2016

wurde dazu ein gesonderter Beitrag mit näheren Informationen veröffentlicht.


Georg Naumann, Naturforscher,  Pionier der Erdgaserkundung in Kanada, Partner von Max Hinsche in Kanada

 

Bekannt und berühmt wurde Georg Naumann als Naturwissenschaftler, Trapper und Pionier bei der frühen lokalen Auffindung und Nutzung der kanadischen Öl- und Erdgasvorkommen im nördlichen Einzugsgebiet des Athabasca River in der Prärieprovinz Alberta.

 

Georg Naumann - Trapper am Athabasca River
Georg Naumann - Trapper am Athabasca River

Georg Naumann wurde am 10. November 1901 als ältester Sohn des Radeberger Fabrikarbeiters August Otto Naumann (1874 – 1922) und dessen Ehefrau Anna, geb. Berger (1876 – 1966), geboren. Naumanns hatten außer Georg noch 5 weitere Kinder (4 Söhne und eine Tochter). Nach dem frühen Tod des Vaters im Mai 1922 lastete die Verantwortung für die Versorgung der großen Familie, die nach dem Ersten Weltkrieg in der nachfolgenden Hungerzeit existentiell gefährdet war, auf dem ältesten Sohn Georg. Nach dem Volksschulbesuch in Lotzdorf erlernte er von 1915 bis 1919 in der Liegauer Grundmühle das Mahlmüller- und Bäckerhandwerk, außerdem das Handwerk des Sägemüllers. In seiner Freizeit war er naturwissenschaftlich tätig und bildete sich autodidaktisch über die Angebote der Kosmos Gesellschaft der Naturfreunde weiter.

 

Anna Naumann mit ihren 6 Kindern;  Mitte stehend Georg, um 1922
Anna Naumann mit ihren 6 Kindern; Mitte stehend Georg, um 1922

Da die Familie unmittelbar am Stadtrand von Radeberg an der Dresdner Heide wohnte, beschäftigte er sich schon frühzeitig mit dem Forst- und Jagdwesen. Anfang der 1920er Jahre war er infolge der allgemeinen Rezession und Depression arbeitslos geworden und wollte sich der Auswanderungswelle in die USA, nach Kanada, Brasilien oder Australien anschließen.

 

 

Als der Radeberger Präparator und Naturforscher Max Hinsche (1896 – 1939) einen Partner für seine im Auftrag der „Staatlichen Museen für Tierkunde und Völkerkunde Dresden“ geplante mehrjährige Expeditionsreise in den Hohen Norden Kanadas suchte, fiel seine Wahl auf Georg Naumann. In dem 1938 von Max Hinsche veröffentlichten Buch „Kanada wirklich erlebt“ ist Georg Naumann unter dem Pseudonym „Partner N.“ dokumentiert. Gemeinsam und fast mittellos begannen sie ihre Forschungsreise am 27. Mai 1926 mit der Überfahrt auf dem DampfturbinenschiffEmpress of France“ von Hamburg nach Quebec.

Naumann und Hinsche auf der Farm bei Winnipeg
Naumann und Hinsche auf der Farm bei Winnipeg

Bei der Ankunft am 5. Juni 1926 gaben sie als erstes Reiseziel die vermittelte Kontaktadresse des Verwandten ihres Dresdner Freundes und Förderers an, der in der Einreiseliste des „Canadian Immigration Service“ von 1926 als „Nic Hildebrandt, Farmer und employer in Headingly, Man.“ (Nic. Hildebrandt, Farmer und Arbeitgeber in Headingly, Manitoba) eingetragen ist. Also fuhren die beiden Radeberger erst einmal mit der Eisenbahn von Quebec nach der ländlichen Gemeinde Headingly westlich von Winnipeg / Manitoba. Hier arbeiteten sie den Sommer über auf Hildebrandt’s Farm, um sich das nötige Kleingeld für die dringend benötigten Anschaffungen und Lebensmittel zu verdienen, die für das Leben in der Wildnis zum Überleben erforderlich waren.

 

Im September 1926 wagten Hinsche und Naumann den langersehnten Schritt in die Wildnis Kanadas. Mit der Eisenbahn reisten sie über Edmonton/Alberta am North Saskatchewan River nach dem Städtchen Athabasca Landing, der letzten größeren menschlichen Ansiedlung und dem Tor nach dem Norden in die Wildnis Kanadas. Dort kamen sie am 22. Sept. 1926 an. Von dort aus fuhren sie mit einem Boot ca. 250 km flussabwärts (nordwärts) auf dem Athabasca River zu ihrem anvisierten Ziel in die Urwälder am Athabasca River, in die Nähe der alten indianischen Anlegestelle „Pelican Portage“.

Hier bauten sie ihr erstes Blockhaus, später ein zweites am House River.

 

Erstes Blockhaus von Naumann und Hinsche
Erstes Blockhaus von Naumann und Hinsche

Der erste Kanadische Winter brachte Naumann und Hinsche durch Hunger und Kälte (Erfrierungen) an die physischen Existenzgrenzen. Bootsfahrten auf dem unberechenbaren, hier über 300 m breiten Athabasca River, mit meterhohem Packeis, endeten fast dramatisch. Schließlich rettete Georg Naumann gemeinsam mit Indianern der Plains Cree (Paskwa Wi Iniwak) seinem Partner Max Hinsche nach einer durch einen Unfall verursachten unversorgten Schussverletzung in Einsamkeit und Kälte das Leben. Nach dem ersten Winter trennten sie sich aus wirtschaftlichen Gründen. Georg Naumann begann 10 Kilometer flussabwärts mit dem Aufbau seiner eigenen Existenz am Athabasca River. Hier lebte er in den Sommermonaten von Fischfang, Jagd und dem Anbau von Feldfrüchten und im Winter als Trapper vom Verkauf der Pelze. Seine Linie (Fallenstrecke) baute er auf eine Länge bis 100 Kilometer aus.

 

Der harte Alltag von Georg Naumann am Athabasca River in Original-Fotos, aufgenommen von Max Hinsche im Zeitraum 1927 - 1933.

 

Seit 1938 ist Naumanns kanadische Staatsbürgerschaft belegt. Er war nicht verheiratet, hatte aber in mehreren offenen Beziehungen mit Halbindianerinnen, die aus der französischstämmigen Familienlinie Cardinal abstammten, 15 Kinder. Nach der Trennung von den Frauen erzog er selbst 5 Kinder als alleinerziehender Vater in seinem Blockhaus in Pelican Portage,

Georg Naumann verstarb am 6. Juni 1978 im Alter von 76 Jahren in Athabasca/Kanada, ohne jemals wieder nach Deutschland zurückgekehrt zu sein. Beigesetzt wurde er in Upper Wells nahe Athabasca Landing auf einem Waldfriedhof.

 

 

 

Georg Naumanns Verdienste

In der Umgebung seines Siedlungsgebietes und auch weiter nördlich wurde Naumann auf natürliche, stetige Gasaustritte aufmerksam, die bisher unbeachtet waren und die vor ihm noch niemand beschrieben hatte. Seine Untersuchungen ließen auf Gas-Ressourcen aus damals noch unbekannten Quellen schließen.

Georg Naumanns "Villa am Athabsca Fluß".  Hier wurde er auf die stetigen Austritte von "Naturgas" aufnerksam.
Georg Naumanns "Villa am Athabsca Fluß". Hier wurde er auf die stetigen Austritte von "Naturgas" aufnerksam.

Weil er ab 1949 als Postmaster im Distrikt Athabasca/Alberta tätig war, legte er zu dieser Zeit große Strecken am Flusslauf des Athabasca River zurück. Zu seinen Aufgaben als Master of Post OfficePelican Portage - Settlement“ gehörten neben dem Schrift- und Rechnungswesen auch die Zustellung der Post per Motorboot an die Trapper und Ureinwohner. Dabei entdeckte er immer neue Gasaustritte, die auf einen hohen Anteil an Öl in den Bodenschichten schließen ließen.

Als Autodidakt führte er empirische Forschungen durch. Mit Versuchen über längere Zeiträume im Einzugsgebiet des nördlichen Athabasca River bis nach Fort McMurray war er durch systematische Analysen und strukturiertes Vorgehen schon Jahrzehnte vor dem in den 1970er Jahren ausbrechenden Ölboom in Alberta in der Lage, aus den Gas-Austritten auf die ursächlichen Ölvorkommen zu schließen und diese für eigene lokale Zwecke zu nutzen.

Naumanns Siedlungsgebiet bei Pelican Portage, direkt am Athabasca River (grünes Oval), lag im Kerngebiet der damals noch unbekannten riesigen Athabasca-Ölsand-Vorkommen, südwestlich des heutigen Abbau- und Verarbeitungs-Zentrums Fort McMurray.

Bereits Anfang der 1930er Jahre setzte Naumann seine Entdeckung in die Praxis um und nutzte sie auf einfachste Weise vorerst für seine eigenen Bedürfnisse, indem er im Garten um sein Blockhaus am Athabasca River einfache Rohre senkrecht in das Erdreich setzte und die darin aus dem ölsandhaltigen Boden aufsteigenden Gase entzündete. Diese Dauerfackeln ermöglichten mit ihrer Wärmestrahlung im kalten Festland-Klima des nördlichen Alberta überdurchschnittliche Ernteerträge an Gemüse und Kartoffeln, bis hin zu dort im Freilandanbau nicht wachsenden Tomaten und Gurken.

Die Buchautoren David Halsey und Diana Landau, die ihn 1977/78 selbst bei einer Kanada-Reise kennenlernten und seine Gäste waren, schrieben in ihrem Buch "Wildes Paradies Kanada" dazu: „Tomaten und Kohlköpfe gedeihen sogar noch im Spätherbst in Dick Naumanns einzigartigem Garten, wo sie durch seine ungewöhnlichen Erdgasfackeln vor Kälte geschützt werden“ [5], Die Autoren belegen das mit einem Foto dieser Fackeln.

Seine Entdeckungen machten ihn in Alberta als „Dick Naumann von Upper Wells“ bekannt, dessen Anwesen in der Wildnis am Athabasca River schon von weitem durch seine Fackeln sichtbar wurde und dessen Gastfreundschaft für erschöpfte Kanuten, so auch für die genannten Autoren, sprichwörtlich war.

Später führte er als Verwalter eines zentralen Sägewerkes bei Pelican Settlement mit einem zugehörigem Logging-Camp (Holzfäller-Camp) und als Besitzer eines eigenen Store (Geschäft) zur Versorgung dieses Camps seine einfache Gasgewinnungs-Technik und Gas-Nutzung ein und war somit auf diesem Gebiet als Pionier tätig.

Durch die von Naumann entwickelte lokale Naturgas-Nutzung an diesem Ort war er wiederum in der Lage, außer für den Bedarf seiner eigenen Familie auch gewerbsmäßig größere Mengen Kartoffeln und Gemüse für die Zentral-Küche des Sägewerkes und des Logging-Camps zu produzieren. Nach weiterem Ausbau dieser Naturgas-Station wurden in diesem Sägewerk letztlich alle Motoren zum Antrieb der Kraft- und Arbeitsmaschinen, bis hin zum Betrieb der Waschmaschinen, mit Naturgas betrieben. Auch die Erzeugung von Wärme und Elektroenergie entwickelte Naumann aus der Nutzung des Naturgases.

 

Georg Naumann an der Naturgas-Station, aufgenommen 1968. Von hier aus wurden das Sägewerk und das Logging Camp mit allen Nebeneinrichtungen mit Naturgas versorgt. Der informative Rückseitentext stammt von ihm.
Georg Naumann an der Naturgas-Station, aufgenommen 1968. Von hier aus wurden das Sägewerk und das Logging Camp mit allen Nebeneinrichtungen mit Naturgas versorgt. Der informative Rückseitentext stammt von ihm.
Georg Naumann mit dem Pelz-Ertrag des Winters
Georg Naumann mit dem Pelz-Ertrag des Winters

Seine Entdeckung bzw. Erfindung aus den 1930er Jahren blieb nicht unbemerkt und legte später den Grundstein für weitere wissenschaftliche Untersuchungen der Forscher der University of Calgary (Prof. Valerius Geist mit Forscherteam), die dann in diesem Territorium geologische und ökologische Untersuchungen durchführten. Das führte schließlich ab den 1970er Jahren zur weitläufigen Erkundung und Erschließung der Ölvorkommen in großem Stil in Alberta.

 

Naumann war auch als Kartograf tätig, da die Gebiete am nördlichen Athabasca River bis dahin fast unbesiedelt und unerforscht waren. Er war maßgeblich an der Erarbeitung präziserer Karten für seine Arbeiten als Naturforscher sowie für die Erschließung des damals im Ausbau befindlichen „Pelican Settlement“ beteiligt.

Quellen, Literatur:

Vom Verfasser selbst erarbeitete und eingestellte Wikipedia-Artikel:
     de.wikipedia.org  (deutsch)  und

           en.wikipedia.org  (englisch, Übersetzung von Christine Bogs)

1.    Max Hinsche: Kanada wirklich erlebt. Neun Jahre als Trapper und Jäger. Neumann-Neudamm, Melsungen 1938, OCLC 35791084. (Nachdruck: ab 1988, ISBN 978-3-7888-0542-5 Teil 1 und ISBN 978-3-7888-0543-2 Teil 2).

 2.   Renate und Klaus Schönfuß: Traum von Kanada – Traum von Freiheit, Das Leben des Max Hinsche; Eigenverlag der Verfasser; Mit vielen z.T. historischen Abbildungen und Originalaufnahmen von Max Hinsche und Partner Georg Naumann sowie Karten

 3.  Klaus Schönfuß: Max Hinsche (1896–1939) – Präparator, Großwildjäger, Trapper, Naturwissenschaftler, Schriftsteller. in: Radeberger Blätter zur Stadtgeschichte. Band 11, 2013; (Hrsg.: Große Kreisstadt Radeberg in Zusammenarbeit mit der AG Stadtgeschichte).

 4. Klaus Schönfuß: Eine Radeberger Legende – Max Hinsche (1896–1939) Fortsetzungsfolge in 6 Teilen, in: „die Radeberger“ 17. Januar bis 4. April 2014; Archiv „die Radeberger“, Ausg. 02/2014 bis 13/2014 (PDF), abgerufen am 28. Februar 2016.

 5.   David Halsey, Diana Landau: Wildes Paradies Kanada. Readers Digest Verlag - Das Beste, Stuttgart - Zürich - Wien 1998, ISBN 3870707089;  Seite 59 ff

 6.  Karte: commons.wikimedia.org/wiki/File:Athabasca_Oil_Sands_map.png; Gemeinfrei

 7.  Briefe Georg Naumanns an seine Mutter und seine Geschwister

 8.  Brief von Max Hinsche 1927 an den Ornithologen Paul Bernhard

 9.   Alle anderen Fotos:      Sammlung teamwork-schoenfuss;
                                         Sammlung Marquardt, Radeberg

                                               Georg Naumann Privat