Johannes Conrad  (1929 - 2005)

Schriftsteller, Satiriker, Schauspieler

Nachfolgender Beitrag zu Leben und Wirken von Johannes Conrad  ist in leicht abgewandelter Form im Oktober 2015 in Heft 13 der "Radeberger Blätter zur Stadtgeschichte"  veröffentlicht worden.  Anlässlich der Präsentation des Bandes 13 am 22.10.2015 im Festsaal des Schlosses Klippenstein Radeberg hielt Klaus Schönfuß einen audio-visuellen Vortrag über Leben und Wirken von  Johannes Conrad.

Der Beitrag ist ebenfalls veröffentlicht in:  

"die Radeberger";  Unabhängige Heimatzeitung mit Amtsnachrichten,

         Fortsetzungsreihe in Nr. 46/201547/2015 und 49/2015

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Das Werkverzeichnis aller seiner 19 Bücher finden Sie hier.


Klaus Schönfuß

Quer durch die Menschenseele

Johannes Conrad  (1929 - 2005)

Ein Radeberger Schriftsteller, Satiriker und Schauspieler

Was hat wohl ein solcher, eher philosophisch klingender, Titel mit Radebergs Stadtgeschichte zu tun? Ich meine, sehr viel, denn die Persönlichkeiten, die aus einer Stadt hervorgegangen sind oder sich um diese verdient gemacht haben, gehören ebenso zur Geschichte einer Stadt wie deren regional-historische Bedeutung oder städtebauliche Entwicklung. Solche Persönlichkeiten tragen den Namen ihrer Heimatstadt weit über ihre Grenzen hinaus, machen sie bedeutsam und für Fremde interessant. Das wird leider auch bei uns allzu oft vergessen, und so wird dieses wertvolle Potential zu wenig genutzt.

 

 

 

Eine solche Persönlichkeit war der Radeberger Johannes Conrad. Der Titel dieses Beitrages ist einer seiner vielen Geschichten entnommen. Conrads Verdienste gehen in zwei Richtungen, zum einen hat er sich als Schriftsteller, Satiriker und Humorist einen großen Namen gemacht, zum anderen war er mehr als 40 Jahre, von 1956 bis 1996, Schauspieler an einem der berühmtesten deutschen Theater, dem legendären „Berliner Ensemble“. Seine literarische Heimstatt war das Satiremagazin „Eulenspiegel“, er war einer der Hauptautoren und wurde auch der „Woody Allen des DDR-Humors“ genannt. Conrads Stil prägte den Eulenspiegel über Jahrzehnte. Er hatte die „Funzel“ mitentwickelt, seine Kolumnen waren beim breiten Publikum beliebt und in Satiriker-Kreisen anerkannt.

 

Ja, quer durch alle Facetten der menschlichen Seele, zwischen Auf und Ab, Glück, Freude und Leid, zwischen Hoffnung und Resignation, zwischen Glauben und bitterer Realität hinweg bewegten sich die Themen, mit denen sich Johannes Conrad in seinem gesamten Schaffen auseinandergesetzt hat. Nicht etwa als Moral-Apostel belehren wollend oder mit erhobenem Zeigefinger durch die Welt gehend, nein, in all seinen Arbeiten liest und spürt man die tiefe innere Achtung und den würdevollen Umgang mit dem Thema „Menschlichkeit“. Und das hat er eingebettet in einen Schreib-Stil, der unnachahmlichen Humor, Ironie, bittere Satire und mitunter Sarkasmus hat, der direkt - aber niemals verletzend ist und der eine fast geniale Menschenbeobachtung und auch deutliche Stellungnahmen zu den Problemen der von ihm erlebten 3 Gesellschaftsordnungen widerspiegelt. Wenn er seine Gedankengänge, fast philosophisch, beschreibt, geleitet er den Leser mit oft verblüffender Logik und einer gewissen Spannung, aber immer auf heitere Weise zum Kern des Themas. Conrad bringt seine Aussagen immer präzise auf den (mitunter betroffen machenden!) Punkt, manchmal mit einem liebevoll-ironisch-deftigen Attribut, wie z.B. 1998 in seine Betrachtungen zu seiner Heimatstadt Radeberg: „Darum bin ich schon vor 50 Jahren weg, denn sie waren schon vor 50 Jahren wie vor 50 Jahren, wobei mir immer klarer wird, daß sie auch heute noch wie vor 50 Jahren sind und es nicht mal fertiggebracht haben, mein wertvolles Buch ‚Schauspielerleben‘ in eines ihrer Radeberger Buchhandlungsschaufenster zu legen, die treulosen Plinsen!“(1).

 

Schauen wir uns den Lebensweg von Johannes Conrad näher an, vor allem mit seinen eigenen, unnachahmlichen Worten.

Johannes  1931
Johannes 1931

1928 war im Ruhrgebiet, in Bochum, „...ein Jüngling zur Eroberung der Welt aufgebrochen, was ein Jahr später in Sachsen zu meiner Geburt führte...“(2), schreibt Johannes Conrad. Diesen Jüngling Adolf Conrad (*10.8.1904, †1968) hatte es nach Radeberg verschlagen, hier fand er Arbeit als Karosserie-Klempner bei „Gläser‘s“ und lernte Frieda Kottwitz kennen (*17.12.1908, †1992). Sie heirateten 1929 und wohnten vorerst bei der großen Glasmacher-Familie Kottwitz auf der Kleinwolmsdorfer Straße 9. Hier wurde am 24.Dez.1929 beider Sohn Johannes Conrad geboren. Die junge Familie Conrad zog schon bald auf die Kleinwolmsdorfer Straße 3, direkt über die Böttcherei von Oswald Richter, der „...war ein stockheiserer, ausgemergelter Handwerksmeister, der den ganzen Tag mit drei hageren Gesellen und einem rotköpfigen Lehrling Holzbadewannen zusammenwummerte. Die fünf schufteten wie die Verrückten, brüllten sich dabei pausenlos an und machten einen entsetzlichen Krach mit der klapprigen Kreissäge. Dicht über diesem Schlachtfeld aber, nur durch einige Dielenbretter getrennt, süffelte ich großohriger Knabe jahrelang zufrieden meinen Milchkaffee und gedieh prächtig dabei.“(3) Kann man harten Broterwerb und kindliche Idylle mit so wenigen Worten besser beschreiben? Dieses Führen „von-einem-zum-ganz-anderen - aber-dazu-gehörenden“ macht die Schreibkunst Conrads aus, das sind die Verbindungen - quer durch die Menschenseele.

Die junge Familie Conrad 1938
Die junge Familie Conrad 1938

Conrads bewarben sich um eine „Kleinsiedlerstelle“ in der neu entstehenden Radeberger Stadtrandsiedlung, bekamen 1936 für den Bauabschnitt 4 einen „Eignungsschein“ und bezogen im Frühjahr 1938 die westliche Hälfte eines der 12 in nur einem halben Jahr erbauten Doppelhäuser, mit nach heutigen Vorstellungen bescheidenen Platzverhältnissen von knapp 49 qm Wohnfläche, einem kleinen Stall und einem Futterboden (4).

Hier, „Am Taubenberg 9“, erlebte Johannes eine beinahe paradiesische Kindheit.

Conrads neues Siedlungshaus Am Taubenberg 9, 1938, 2. re.
Conrads neues Siedlungshaus Am Taubenberg 9, 1938, 2. re.

Natur pur, eigener großer Garten, mit freiem Blick über große Feldflächen zur Landwehr mit dem damals noch vorhandenen Spitzberg, und der Wald fast hinter dem Haus. „‚Atme tief ein!‘ befahl mir mein lieber Vater beim ersten Anblick all der Herrlichkeiten und wies mit seiner großen Hand auf die vielen schönen Felder vor uns. ‚Endlich in Gottes freier Natur!‘, sagte er ergriffen, worauf ich ihn fragte, warum denn die vielen schönen Felder alle Gott gehörten. ‚Und dem Bauern Müller natürlich‘, sagte mein Vater etwas unwillig.“(5) In Vaters kleiner Werkstatt konnte man basteln, schnitzen, sägen, man konnte rumtoben, Abenteuer erleben – alles, was einen heranwachsenden Jungen begeistert. Die kleine Familie war inzwischen um die Tochter Irene angewachsen.

Die Eltern und die gesamte große Familie ermöglichten dem kleinen Johannes eine glückliche Kindheit und gaben ihm eine Erziehung, in der die Werte des Lebens einen würdigen Platz erhielten. Sein ganzes Leben lang hat er das hoch geschätzt und immer wieder - mit Dankbarkeit und selbstironischem Lächeln - in unzählig vielen Episoden beschrieben, z.B.: „Noch herausragender war ich freilich in den grünen Jahren vor meiner Einschulung. Da wusste ich nämlich alles! Weil mir keiner widersprach wahrscheinlich. Weil mich die Leute abgöttisch liebten, diese Narren. (...) Bereits mit vier wusste ich die Hauptstadt von Australien... Wenn ich da im blauen Matrosenanzug mit einem kleinen Koffer in der Hand ‚Canberra‘ sagte, warf sich Tante Trude vor Entzücken in die Nelkenrabatten. Kein Wunder, dass man mich ‚Prinz Wundertüte‘ nannte!“(6).

"Prinz Wundertüte" mit seinem kleinen Köfferchen
"Prinz Wundertüte" mit seinem kleinen Köfferchen

Aber sein Wissensdurst war riesig, seine Gedankengänge bemerkenswert. Was, z.B. kam hinter seinem Kinderparadies, der Stadtrandsiedlung, kam da das Ende der Welt? „...bei uns kam aber da der Wald und dahinter - wenige wußten Genaueres! - sollten, was ich aber erst später im Fach Heimatkunde von Lehrer Banda erfuhr, Rußland und vorher Großröhrsdorf liegen. Vermutlich also doch nicht das Ende der Welt, denn der Überlandbus Bischofswerda-Dresden kam auch aus dieser Richtung.“(7)

Aber dieses kindliche Glück währte nicht ewig, denn „...eines Tages mußte ich auch zum Jungvolk. Das war jene stramme Gartenzwergeinheit, die sich aus unreifen Knaben zusammensetzte. (...) Jungvolk war Pflicht, und wer dieser Pflicht nicht nachkam, der hatte es schwer. Ich war zehn Jahre alt und wollte es nicht schwer haben.“(8) Über diesen systembedingten Drill und seinen „Jungzugführer“ schrieb Johannes viel später: „Trotzdem danke ich diesem strammen Idioten für die ganze Schinderei, denn er pflanzte schon damals einen so herzlichen Abscheu vor der braunen Sippe in mich ein, daß ich noch heute genug davon auf Lager habe.“(8) Was für ein Bekenntnis!

Mutter Frieda Conrad, Sohn Johannes und Tochter Irene, 1940
Mutter Frieda Conrad, Sohn Johannes und Tochter Irene, 1940

Kurz vor Kriegsende, der 15-jährige Johannes war inzwischen Werkzeugmacher-Lehrling im Sachsenwerk Radeberg, wurde der Jahrgang 1929 als „Letztes Aufgebot“ zum „Volkssturm“ in die Dresdner Grenadierkaserne eingezogen, Vater Adolf war schon vorher einberufen worden. Sie sollten Radeberg und Arnsdorf „retten“, aber glücklicherweise mussten diese Jungens nicht an Kampfeinsätzen teilnehmen. Bei einem Marsch in der Dresdner Heide, an den letzten Kriegstagen, ist Johannes von der Truppe „abgehauen“ und nach Hause gelaufen, und „...kurz nach mir, als hielt er‘s ohne uns nicht aus, tauchte auch mein Vater auf, etwas käsig zwar und unmilitärisch, aber sichtlich frohgestimmt, weil er sich vom Volkssturm entfernt hatte.“(9)

Der Krieg war zu Ende. Wohl den Familien, die zur Linderung des Hungers ein Stückchen Gartenland zur Eigen-Versorgung besaßen. Johannes konnte seine Werkzeugmacher-Lehre bei Gläser‘s fortsetzen, weil das Sachsenwerk fast vollständig demontiert worden war. 1946 wechselte er als Lehrling in den von der Lorenz-AG übernommenen Teil des Sachsenwerkes. Der andere Teil war inzwischen SAG-Betrieb geworden, hier arbeitete er dann bis Aug. 1948 als Werkzeugmacher und Technischer Zeichner. Er legte bis 1950 an der Arbeiter- und Bauern-Fakultät Dresden (ABF) das Abitur ab, begann 1950 ein Studium der Architektur an der TH Dresden (heute TU), das er schon 1951 wieder abbrach.

„Speziell wegen Walter Ulbricht und der ‚Geschichte der KPdSU (B)‘ und der vielen Baustoffe, die man auswendig lernen mußte, schlug mir die Architektur aber aufs Gemüt (...). Dann bin ich für einige Jahre ins Ruhrgebiet, nach Bochum, zu Onkel Gustav und Oma. Die wollten keine Parolen von mir (...)! Und die Hochöfen loderten dort nachts bis zum Himmel hoch, als wollten sie sogar dem lieben Gott Dampf machen, das behagte mir.“ (10) Hier in Bochum arbeitete er im Fahrzeugbau-Betrieb E. H. von Lienen als Schlosser. Aber Johannes will weiter. Er nahm neben seiner körperlich schweren Arbeit privaten Schauspielunterricht bei Alfons Mathée und baute sich so seinen späteren Hauptberuf, seine zweite Berufung, auf.

Zum Schauspiel-Studium gehört Fechtunterricht. Auf einer Fete des Bochumer Fecht-Clubs lernte er eine Plakat- und Schrift-Malerin namens Clara kennen, am 10. März 1956 heirateten beide in Bochum. Der frischgebackene Schauspieler Johannes Conrad hatte sich 1956 beim „Berliner Ensemble“ (BE) beworben und ist noch vom „Chef“ Berthold Brecht (1898-1956) persönlich engagiert worden. Dessen Ehefrau - die legendäre Helene Weigel (1900-1971), von den Ensemble-Mitgliedern immer liebevoll „die Heli“ genannt - hatte für das junge Paar eine Wohnung organisiert und diese im Vorfeld mit dem Allernötigsten ausgerüstet, eben typisch für eine „Mutter Courage“, die Glanzrolle der Weigel.

Conrad’s zogen also 1956 mit ihrem 1955 in Bochum geborenen ersten Sohn Andreas nach Ost-Berlin. Hier wurden die beiden Töchter Ines (*1956) und Katrin (*1961) geboren, als „Nachzügler“ folgten die Zwillinge Sebastian und Matthias (*1969). Conrads Kinder und später seine Enkel, und natürlich seine Frau Clara, spielen, unter anderen Namen, in vielen seiner Geschichten eine Hauptrolle. Verpackt in Episoden, Erlebnis-Schilderungen oder Gespräche beschreibt Conrad äußerst amüsant und interessant seine Ansichten zu den alltäglichen Dingen des Lebens und seine Lebenserfahrungen, dabei immer achtungsvoll und mit vielen Überraschungen, wobei seine Zwillinge, Fritzchen und Karlchen genannt, oft der „Aufhänger“ dafür sind. Wunderbar heiter beschrieben, aber mit ernstem Hintergrund, wie Fritzchen in Oma’s Schuppen auf der Stadtrandsiedlung die alte „Jungvolkschimütze“ seines Vaters findet, wie dadurch bei Vater Johannes die Erinnerungen an seine Jugendzeit erwachen: „Da war sie wieder, jene lange lange Lindenallee, (...) auf der ich morgens mit dem Fahrrad zur Schule rollte. Im Juni roch die ganze Welt nach Lindenblütentee. (...) Und nach der Lindenblütenallee kam die Landstraße mit den vielen krummen Apfelbäumen, wo wir immer Reinetten klauten, (...) die schreckliche Bauchschmerzen verursachten. Und im Winter spielten wir Nansen und waren glücklich dabei trotz der düsteren Nazizeit.“ (11) Es folgt die höchst amüsante Schilderung der Suche und des Kaufes einer „vorschriftsmäßigen schwarzen Jungvolkschimütze“ auf der Radeberger Röderstraße, die zum Graus des Jungvolkführers nur eine „lila Schimütze“ wurde, aber „...die auf meinen lockigen Kopf paßte. Außer mir schien die großdeutsche Jugend kleine Köpfe zu haben.“(11)

 

Familie Conrad verbrachte, besonders während der Theaterferien, ihren Urlaub fast jedes Jahr „bei Mama auf dem Lande“, im Haus der Eltern in Radeberg. Die Erlebnisse in und um Radeberg wurden in vielen seiner Kurzgeschichten humoristisch verarbeitet, die freundliche Siedlungs-Idylle, der Eierberg, Pulsnitz, Stolpen. Aber vor allem nehmen die Menschen einen besonderen Stellenwert ein. Ob er die „gute sächsische Eierschecke von Mamas Bäcker an der Kreuzung“ und dessen „Kokosraspelkuchen, auf den ganz Sachsen stolz sein konnte“, in den Himmel hebt, oder schildert, wie seine Urgroßmutter Müller die von der ganzen großen Familie begehrten und gelobten Knoblauchwürste vom Roßschlächter Eysoldt auf der Röderstraße auch weiterhin für die große Familie als „härrlichä Delägadässä“ kaufte, aber selber keine mehr mitaß, nachdem ihr der vom Meister Eysoldt entlassene Fleischer-Geselle erklärt hatte: „Wänn Sie wißten, Frau Millor, was in dieä eländän Knoblauchwirschtä rainkommt!" und ihr auch noch ganz penibel aufzählte, was reinkommt, war es "kainä härrlichä Delägadässä‘ mehr“... (13)

 

Aus seiner Bindung zur Heimatstadt Radeberg machte Conrad kein Geheimnis, im Gegenteil. Weil er auch sich selber auf die Schippe nehmen konnte und „man sich selber nicht so wichtig nehmen sollte“, behauptet er, er sei „...ein nachdenklicher Kleinbürger, ein Schreihals aus unaufdringlichen Gegenden, aus einer kleinen brauereiverzierten Stadt, die seit 580 Jahren in der Sonne liegt und pennt, mal blau, mal rot. (...) Aber wenn man da mit dem Fahrrad ein bißchen rausfährt, da stehen dann uralte Lindenbäume in sich gekehrt an der Landstraße rum und schütteln die Köpfe (eine Menge haben sie schon abgehauen, die Kannibalen!).“(12)

So hat es Conrad 1992, in der frühen Nachwendezeit, empfunden. Das ist wahre, nachdenklich machende Satire im Conrad’schen Stil.

 

Auch in den Geschichten der Nachwende-Zeit spiegelt sich Conrads scharfer Verstand wider. Auch hier lässt er die Menschen mit ihren neuen, anderen Sorgen sprechen. „... da spricht doch mein Vetter ganz beschwingt, daß er (...) sich zum ersten Mal in seinem Leben nicht mehr vor dem Versagen grault, weil er zum ersten Mal in seinem Leben arbeitslos ist, wo könnte er da noch versagen? ‚Endlich bin ich glücklich!‘ lachte mein armer Vetter, ich aber lachte nicht, denn arbeitslos ohne alles war schon schlimm genug, aber arbeitslos und glücklich, das gab‘s eigentlich nur in der High Society oder in den Köpfen mancher Politiker.“(13) Und er lässt seinen Vetter erklären, „...dass wir Hiergebliebenen nicht nur die Gelackmeierten waren, sondern auch sind!“(14)

 

In sehr vielen Geschichten kommt Gott vor, der sich mit der Erschaffung des Menschen wohl ein wenig „verwuselt“ hat, und so einfach beschreibt Conrad alle Zweifel, die auch seine geliebte Mutter hatte: „...sie hat aber auch regelmäßig die Kirchenbeiträge bezahlt. Weil sie nicht wusste, ob Karl Marx recht hat oder der liebe Gott oder beide zusammen oder beide nicht!“(15)

 

Nun, dieser „Prinz Wundertüte“ hat es im Laufe seines Lebens auf 19 Bücher gebracht, davon 11 Bände mit 296 Geschichten, 4 Gedicht-Bände mit über 250 Gedichten, 3 "Nonsens"-Bände mit etwa 1000 Aphorismen und Texten und 1 „britisch-humoriger Gauner-Roman“. 5 seiner Bücher hat Conrad selbst illustriert, darunter „Das Hornvieh ist gemolken“ mit 55 Zeichnungen seiner „genial-skurrilen Erfindungen“.

Conrads "Bücherberg"
Conrads "Bücherberg"

Dazu kommen mehrere Hundert ganzseitige Geschichten im „Eulenspiegel“ und unzählige Kolumnen in der „Funzel“. Für das Berliner Kabarett „Die Distel“ hat Conrad von 1966 bis 1977 für 5 Programme Texte geschrieben, er schrieb und zeichnete für die DDR-Wochenzeitung „Wochenpost“, ebenso für die Humorseite der „Freien Welt“. Auch die „BZA“ hat Geschichten und Gedichte von ihm veröffentlicht. Ein unvorstellbares Pensum...

 

Zum Verzeichnis aller seiner 19 Bücher

Seine Gabe, mit wenigen, klaren Worten satirisch scharf seine Mitmenschen zu beschreiben, macht das Lesen zum Vergnügen. Es macht Spaß, über das alltägliche Abrackern von Figuren wie Rudi Zietzel (Conrad gab sich viele Namen!) zu lesen, der wie Tucholsky Angst vor der Altersschwermut hatte – „...dabei war Kurt Tucholsky aber wenigstens Kurt Tucholsky, er aber, Rudi Zietzel, war leider immer nur Rudi Zietzel!“(16).

„Conrad kommt vom Tausendsten, indem das Hundertste überspringt, gleich zum Ersten, nämlich den großen letzten Dingen. Etwa dass der Mensch leider älter wird, ‚aber der Tisch etwa nicht so sehr, obwohl er ebenfalls Beine hat und eine Platte wie Onkel Karl‘. (...) Sogar das Psychogramm seiner hitlerverführten Jugend kann Conrad wunderbar leicht erzählen, als ‚das Elbsandsteingebirge sowas Großdeutsches im Blick hatte‘“(17).   Treffender kann man es nicht formulieren.

 

War Johannes Conrad nun ein Schriftsteller, der auch schauspielerte, oder ein Schauspieler, der nebenher auch geschrieben und gezeichnet hat? Er selbst schätzte es so ein: „Das Schreiben und Zeichnen ist für mich keine Nebenarbeit. Beide Beschäftigungen, die am Theater und die am Schreibtisch, sind für mich gleichberechtigt. (...) Ich brauche das: unter Menschen sein; könnte nicht immer hier allein in der Bude hocken“(18) erklärt er in einem Interview mit der „Wochenpost“ 1971.

 

Im „Berliner Ensemble“, das für Johannes Conrad gewissermaßen zur „zweiten Familie“ wurde, fand er seinen Platz. Hier agierten die „ganz Großen“ der Schauspieler-Gilde, wie Ekkehard Schall, Wolf Kaiser, Ernst Busch, Erwin Geschonneck, Willi Schwabe, Hilmar Thate, Peter Sodann, Helene Weigel, Gisela May, Angelika Domröse, Barbara Dittus, Käthe Reichel, Agnes Kraus, Sabine Thalbach und viele andere. Das BE erwarb höchstes internationales Ansehen, zahlreiche Gastspielreisen bezeugen das. Auch Johannes Conrad gehörte zu den „Reisekadern“. Die Gastspiele führten ihn u.a. nach Toronto/Kanada, Mexico, Kolumbien, Wien, Paris, Venedig, Neapel, Prag und natürlich in die Sowjetunion, nach Leningrad und Tbilissi. Während eines 4-wöchigen Gastspiels in London sammelte Conrad Ideen und Anregungen für seinen Gauner-Krimi „...und Pinkie pennt auf meinem Kanapee“, der in der Reihe „Kronen-Krimi“ des Eulenspiegel-Verlages erschien und wie die meisten Veröffentlichungen zur sogenannten „Bückware“ gehörte.

 

Der Kritiker H.-D. Schütt charakterisierte ihn 2009 so: „Er war ein Unentbehrlicher. Denn er gehörte zu denen, die Papst Urban VIII. ankleideten. Den Schlackernden, der in »seiner katholischen Unterwäsche« dastand, verwandelte er in einen Mächtigen – ein Lehrstück: Kleider machen Leute. In »Galileo Galilei«. Die Ankleideszene entlarvte den Klerus höllisch.“(19)    Conrad hatte mit seiner Darstellung maßgeblichen Anteil daran.

 

40 Jahre lang, bis 1996, war Conrad Schauspieler am BE, auch Brecht-Theater genannt. „Später war ich sogar länger als Brecht am Brechttheater, ich gesteh’s, trotzdem hat man’s nicht nach mir benannt!“(20) resümiert er selbstironisch, aber ohne Bitterkeit. Denn er fand hier viele Freunde - und unzählige Anregungen und Themen für seine Geschichten. Den „dicken Schauspieler Märzbacher“ zum Beispiel, mit dem er so herrlich über Gott und die Theaterwelt und „die Welt da draußen“ diskutieren konnte, oder über Intendanten, wirkliche und Möchtegern-Regisseure, oder Kollegen jeglichen Genres, über deren Marotten so herrlich tiefgründige Novellen entstanden, und über das Theater-Leben überhaupt. Häufig versetzte er die Handlung seiner Geschichten in die gelöste Atmosphäre der Theater-Kantine, die sogenannte „Wernesgrüner Denkschule“.

 

1964 kam ein neuer Schauspieler an’s BE, von Helene Weigel selbst engagiert, Peter Sodann (*1936). Conrad und Sodann wurden echte Freunde, sie haben manches Projekt gemeinsam entwickelt und realisiert, z.B. „Was das für Zeiten waren“, mit Texten von Conrad und Sodann und unter Sodann’s Regie. Ende 1964 wurde Peter Sodann von Helene Weigel angesprochen, anlässlich Brecht’s Geburtstag eine Art „Revue“ zu inszenieren. Nach etlichen Querelen mit dem neuen Intendanten Wekwerth wurde schließlich die „Nachtschicht Nr.1“ ein Riesenerfolg, die Texte schrieben Johannes Conrad und Peter Sodann. Von 1965 bis etwa 1970 lief unter Conrads Leitung das „BE-Nachtprogramm“, er war einer der Initiatoren und Autoren. In diesem Rahmen konnte Conrad auch ein eigenes Programm „Gestatten: Conrad“ verwirklichen, das Sodann in Halle weiterführte. 1979 hatte Conrad am BE ein eigenes Programm realisieren können: „KNUPPEPÜTZE, Uraufführung eines Johannes-Conrad-Kabarett-Textes“.

 

In der Fernsehaufzeichnung von Baierl’s „Frau Flinz“ wirkte Conrad mit, zu hören war er in 3 Hörspielen des DDR-Schallplatten-Labels LITERA mit Werken von Brecht: „Über die großen Städte - Das kleine Mahagonny“, „Galileo Galilei“ und „Die Tage der Commune“.

 

Aus dieser Theaterwelt, aber vor allem aus dem wahren Leben, schöpfte Conrad unendlich viel Stoff für seine Geschichten, die für viele Menschen mit ihren kleineren und größeren Alltagsproblemen das Ventil waren, das manche Schwierigkeiten durch humoristische Überhöhung in einer anderen Perspektive erscheinen ließ. Er besaß die Gabe, mit seinem Schreib-Stil die Welt freundlicher zu machen und zu bereichern. Sein einmaliger skurriler Humor, seine unvergleichlichen Wortfindungen und Wortspiele, der gutmütige und nie verletzende Spott, seine Selbstbeobachtung und die Gabe, sich auch selbst auf die Schippe nehmen zu können, waren - und bleiben - sein einmaliges Markenzeichen.

 

Im März 2005 musste sich Johannes Conrad einer Herz-Operation unterziehen. Am Krankenbett schrieb er seine letzte Geschichte, mit Bleistift: „Kleine Nachtmusik“. Sie ist nicht fröhlich, aber optimistisch, nicht wehmütig, aber tiefgründig, und nicht sentimental, denn sie endet mit Conrad‘s Lebens-Maxime: „Denn das Leben - es bleibt trotz allem unheimlich empfehlenswert.“(21)   Und so erreicht er nach wie vor die Seelen der Menschen, die es verstehen, auch zwischen den Zeilen lesen zu können.

 

Johannes Conrad  1993  „auf dem Lande“, im elterlichen Grundstück Am Taubenberg 9 in Radeberg
Johannes Conrad 1993 „auf dem Lande“, im elterlichen Grundstück Am Taubenberg 9 in Radeberg

Am 24. März 2005 verstarb Johannes Conrad an den Folgen dieser Operation.

 

Sein Freund Peter Sodann hat ihm den wohl bemerkenswertesten Nachruf gewidmet, der unmittelbar nach Conrads Tod vollständig im „Eulenspiegel“ Heft 5/2005 abgedruckt worden ist. Darin schildert Sodann eine sehr bemerkenswerte Begebenheit aus dem Jahre 1964 am Berliner Ensemble, als er „frisch engagiert“ Johannes Conrad richtig kennenlernte. Der westdeutsche Kabarettist und Schauspieler Wolfgang Neuss durfte eins seiner Programme in der Kantine des BE darbieten, danach kam es zu einer heftigen Diskussion, in der ein anderer Kabarettist und Schauspieler von einem damals berühmten Schauspieler des BE beleidigt wurde. Sodann stieg in die Diskussion ein, diese eskalierte und er hatte das gesamte BE gegen sich – hinter Sodann „...stand ein einziger Schauspieler, Dichter und Denker. Es war Johannes Conrad. Und damit begann eine einzigartige Freundschaft.“(22) Sodann bezeichnet Conrad als „einen der Gerechten“ und zitiert einen charakteristischen Conrad-Vierzeiler:

 

„Wird dir das Nachthemd vom Wind hochgeweht,

dann sieht man: Du bist ein Mann,

was man von dir, wenn dein Chef vor dir steht,

nicht immer behaupten kann.“   (23)

 

 Und Freund Peter Sodann schließt mit den Worten:

„So, lieber Johannes, mach’s gut. Überall, wo ich hinkomme, werde ich den Menschen sagen, daß Du ein großartiger Freidenker warst.“ (22)

 

Eine weitere würdige Ehrung erhielt Johannes Conrad durch seinen Freund Peter Sodann in einem sehr bemerkenswerten Fernseh-Interview im November 2014 mit dem Titel "Peter Sodann im Gespräch",  aufgezeichnet in Sodanns Bibliothek in Staucha / Sachsen.

 

 So einer war Johannes Conrad.

 

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LINK zum Interview mit Peter Sodann:

                                                         https://www.youtube.com/watch?v=EgGOyOJAbpo


 Quellen:

· Fotos: Privat Clara Conrad und Irene & Hartmut Pautsch, Berlin

· Hans-Dieter Schütt: Gott, so verwuselt? In: neues deutschland, 18.11.2009,

· Peter Sodann, Staucha: Gesprächsnotizen mit dem Autor

· Berliner Ensemble, Archiv; Frau Petra Hübner

· Eulenspiegel GmbH, Sekretariat Chefredaktion, Frau Martina Kremer

 

 

Zitate - Verzeichnis:

Alle kursiv gedruckten Zitate stammen aus Arbeiten von J. Conrad. (Die Zahlen nach den Endnoten-Nummern sind die internen  Werke-Nummern des Autors)

 

(1) 451 Sächsische Impressionen; Zeitschrift Eulenspiegel; Heft 10/1998 T. 2

(2) 468 Wie mir wegen Walter Ulbricht beinahe der linke Daumen gebrochen wurde;

Zeitschrift Eulenspiegel; Heft 2/2000

(3) 310 Warum mir manchmal schaudert vor mir; In: „Der Dünne im Pannoniaexpress“,

Eulenspiegel Verlag Berlin 1982, S. 45

(4) Gunter Stresow: Zur Geschichte der Radeberger Stadtrandsiedlung „Am Taubenberg“; In: Radeberger Blätter zur Stadtgeschichte, Hrsg: Stadt Radeberg in Zusammenarbeit mit der Arbeitsgruppe Stadtgeschichte, Heft 6, 2008; S. 77ff

(5) 267 Sieht Gott wie Karl Marx aus oder wie Hildegard Kindermann?

In „Zahm wie ein halber Frosch“, Eulenspiegel Verlag Berlin 2009, S. 95

(6) 162 Es schnirlet, es schnirlet! In „Zahm wie ein halber Frosch“,

Eulenspiegel Verlag Berlin 2009, S. 46

(7) 408 BEI UNS ZUHAUSE WAR‘S FEIN! Eulenspiegel; Heft 8/2000

(8) 23 Aus der Jugendzeit; in „Mac wird gekitzelt“, Eulenspiegel Verlag Berlin 1977

(Sammelband „Heitere Geschichten“, S. 130 ff.);

(9) 431 Fast eine Weihnachtsgeschichte; Eulenspiegel; Heft 12/2000

(10) 468 Wie mir wegen Walter Ulbricht beinahe der linke Daumen gebrochen wurde;

Zeitschrift Eulenspiegel; Heft 2/2000

(11) 23 Aus der Jugendzeit; In „Mac wird gekitzelt. Erzählungen“, Eulenspiegel Verlag Berlin 1977   (Sammelband „Heitere Geschichten“, S. 130ff)

(12) 79 Die Hoffnung ist ein junger Frosch; In „Die kleinen wilden Kaffeemaschinen“,

Fischer Taschenbuch Verlag Frankfurt am Main 1995, S. 42

(13) 407 Begegnung mit einem Bauch; Zeitschrift Eulenspiegel, Heft 4/1998

(14) 210 Lohnt sich's überhaupt? In: „Zahm wie ein halber Frosch“ S. 17

(15) 426 Einiges über die Meisterung des Lebens; Zeitschrift Eulenspiegel, Heft 3/1998

(16) 332 Zahm wie ein halber Frosch; In „Zahm wie ein halber Frosch“,

Eulenspiegel Verlag Berlin 2009, S. 55

(17) Hans-Dieter Schütt: Gott, so verwuselt? In: neues deutschland, 18.11.2009,

http://www.neues-deutschland.de/artikel/159385.gott-so-verwuselt.html

(18) „Conrads verrückte Sammlung“; In: Wochenpost, Ausgabe 1/1971

(19) Hans-Dieter Schütt: Gott, so verwuselt? In: neues deutschland, 18.11.2009,

http://www.neues-deutschland.de/artikel/159385.gott-so-verwuselt.html

(20) 192 Ich heiße Empedokles! In: Schauspielerleben. Alte und neue Geschichten; Eulenspiegel .  Das Neue Berlin Verlags GmbH & Co. KG 1997, S. 6

(21) 443 Kleine Nachtmusik; Zeitschrift Eulenspiegel Heft 5/2005

(22) Zeitschrift „Eulenspiegel“, Heft 5/2005, S. 7

(23) Das Blashorn, Eulenspiegel Verlag Berlin 1967, S. 31