Karl Gottlob Sonntag - Generalsuperintendent von Livland (1765 - 1827)

Dieser Beitrag zu Leben und Wirken von Karl Gottlob Sonntag ist in leicht abgewandelter Form im Oktober 2017 in Heft 15 der "Radeberger Blätter zur Stadtgeschichte"  veröffentlicht worden.


Generalsuperintendent Karl Gottlob Sonntag  Ein Radeberger verändert ein ganzes Land

Karl Gottlob Sonntag (1765 - 1827)
Karl Gottlob Sonntag (1765 - 1827)

Livland, Lettland, Estland, Kurland, Litauen – was sollen diese historischen und aktuellen Länder- und Staaten-Namen des früheren und heutigen Baltikums mit unserem Radeberger Karl Gottlob Sonntag zu tun haben? Wann und wie soll der Radeberger Sonntag ein ganzes Land verändert haben? Wer war dieser Karl Gottlob Sonntag überhaupt?

Fragen über Fragen, deren Beantwortung eine weitere verdienstvolle Persönlichkeit aus unserer Stadt in den Mittelpunkt stellt, die wahrscheinlich den meisten Radebergern ziemlich unbekannt ist.

Damit ist Sonntag keine Ausnahme, sondern er kann würdig in die Reihe derjenigen verdienstvollen Persönlichkeiten eingereiht werden, die in ihrer Heimat fast vergessen sind, in der „Ferne“ jedoch Hervorragendes geleistet haben und dort hoch anerkannt waren und noch sind. Betrachten wir also zunächst die Herkunft und Ausbildung von Karl Gottlob Sonntag.

Als der Radeberger Posamentiermeister und spätere Ratsherr, Gemeinde-Älteste, Viertelsmeister und (ab 1786) Senator Johann Gottfried Sonntag (1738 - 1799) am 29. Mai 1764 Christiane Elisabeth Rumpelt (1742 - 1801), die Tochter des Johann Gottfried Rumpelt (1707 - 1768) und seiner Ehefrau Maria Dorothea, geb. Meßerschmidt (1712 - 1781), heiratete, ahnte natürlich noch niemand, welchen beruflichen Aufstieg und welche kirchenpolitische Karriere der erste Sohn bzw. das erste Kind aus dieser Ehe, Karl Gottlob Sonntag (geboren am 22. Aug. 1765), machen würde und welche innovativen, bleibenden Leistungen für die Entwicklung Livlands / Lettlands auf ihn später zurückzuführen sein werden. Der Ehe entstammten ein weiterer Sohn, Christian Benjamin (*1771), und vier Töchter. Karl Gottlobs erster Lehrer war sein Vater, dann bekam er in der Radeberger Stadtschule unter dem Rektor Klemm eine gediegene Schulausbildung, besonders in den Grundlagen-Wissenschaften. Bereits am 8. Mai 1778, mit nur 12 Jahren, wurde er in die Fürsten- und Landesschule Schulpforta aufgenommen. Er erhielt eine der 2 Freistellen, die der Stadt Radeberg zustanden. Auch Karl Gottlob Sonntags Neffe Friedrich August (1799 - 1822), der Sohn von Christian Benjamin Sonntag, konnte von 1813 – 1818 eine Freistelle in Schulpforta belegen. Im Februar 1783 schloss Karl Gottlob „mit den vorteilhaftesten Zeugnissen seiner Lehrer und unter ehrenvoller Entlassung [1] sowie mit einer lateinisch vorgetragenen Rede „Ueber die grosen Verdienste Sachsens und Deutschlands Gelehrsamkeit seit der Reformation“ die Landesschule ab [2]. Am 12. Mai 1784 begann Sonntag sein Studium an der Universität Leipzig und „disputierte“ bereits am 3. Februar 1785. In den philosophischen und theologischen Studien wurde Sonntag von den berühmten Professoren Samuel Friedrich Nathanael Morus, Ernst Platner und Johann Georg Rosenmüller sowie von Prof. J. A. Ernesti, einem der führenden Vertreter der Aufklärung, unterrichtet. Philologie studierte er bei Prof. Christian Daniel Beck, dem späteren Rektor der Universität Leipzig. Zu Johannis (24. Juni) 1786 trat Sonntag die Stelle des Hauslehrers und Erziehers der Kinder des Superintendenten Dr. Rosenmüller in Leipzig an. Parallel dazu setzte er seine akademischen Studien fort, und bereits im September 1786, im Alter von 21 Jahren, wurde Sonntag „Magister per Diploma“.

Weil „er um eine seinen Verdiensten angemessenen Anstellung vergeblich sich mühte“ [3], sah er in Sachsen wenig Chancen für einen beruflichen Aufstieg, also wollte er vorerst Privat-Dozent in Leipzig werden. Sonntag lernte hier 1788 Johann Gottfried Herder (1744 – 1803) kennen, der ab 1764 als Lehrer an der Domschule in Riga, im damaligen Livland, wirkte und dort bis 1769 verschiedene Ämter innehatte.

Einer von Sonntags Lehrern in Leipzig, Prof. Morus, erhielt die Nachricht aus Riga, dass dort die Stelle des Rectors der Domschule frei werden würde, und vermittelte im Februar 1788 Karl Gottlob Sonntag erfolgreich für dieses Amt. Sicherlich wirkte die Bekanntschaft mit Herder, dem Philosophen, Theologen und Dichter der Weimarer Klassik, motivierend für Sonntags Entscheidung, nach Riga, an die gleiche Schule wie der berühmte Herder, zu gehen. Im Mai 1788 reiste also unser Radeberger Karl Gottlob Sonntag nach Riga.

Warum aber ging Sonntag, wie so viele andere Deutsche vor und nach ihm, ins Baltikum, nach Livland, nach Riga, und hat dort so überaus erfolgreich für die Entwicklung dieses Landes gewirkt? Dazu ist ein kurzer Einblick in die Geschichte dieser Region erforderlich.

Livland um 1800 und heute. Quelle Basiskarte: Thomas Höckmann 2004
Livland um 1800 und heute. Quelle Basiskarte: www.hoeckmann.de/images/baltikum4

Livland (veraltet auch Liefland) ist ein historisches Gebiet im Baltikum, also der Region östlich der Ostsee, ursprünglich etwa von der Kurischen Nehrung im Süden (Memel) bis zum Finnischen Meerbusen im Norden. Wegen der militärischen und handelspolitischen Bedeutung der Zugänge zum Russischen Reich auf dem Seeweg (OstseeNordseeAtlantik) und nach Schweden im Westen war es stets umkämpft. Im Rahmen der sogenannten Ostkolonisation im Hochmittelalter (etwa 11. bis 13. Jahrhundert) kam es zu massiven Einwanderungen deutschsprachiger Siedler in die Ostgebiete des Heiligen Römischen Reiches, so auch in die Gebiete des „Deutschordensstaates“, des Territoriums des „Deutschen Ordens“ im Baltikum. Der ehemals eigenständige baltische „Schwertbrüderorden“ ging 1237 als „Livländischer Orden“ im Deutschen Orden auf.

Dieser „Deutsche Orden“, gegründet während der Kreuzzüge im 12. Jahrhundert, war eine organisatorisch eigenständige, überaus mächtige kirchliche Organisation, die bald als ein neuer Machtfaktor zu den Erzbischöfen in Riga in Konkurrenz trat. Ab 1524 setzte sich in Livland gewaltlos die Reformation durch. Nach dem Untergang Altlivlands 1561 wurde der Protestantismus zum entscheidenden Bindeglied der Völker Altlivlands, den Deutschen, Esten und Letten sowie vielen weiteren ethnischen Minderheiten. Protestantischen Pastoren war es zu verdanken, dass es zu einer zunehmenden Annäherung dieser Völker, auch in kultureller Hinsicht, kam, die auch in den folgenden Zeiten mit ihren verschiedenen Staatsformen nicht zerstört werden konnte.

Nach verschiedenen Herrschaftsveränderungen mit entsprechenden Gebietsaufteilungen verengte sich das Gebiet Livlands auf die Territorien nördlich des Flusses Düna (Daugava) einschl. der Stadt Riga bis zum Peipussee. 1629 kam der größte Teil Livlands durch die Eroberungen des Schweden-Königs Gustav II. Adolf (1594 – 1632) als „Provinz Schwedisch-Livland“ an Schweden. Nur das südöstliche Gebiet um Dünaburg (Daugavpils) blieb polnisch und wurde „Polnisch-Livland“ genannt, das südliche „Kurland“ blieb polnisch. So wurde Riga (nach Stockholm) zweitgrößte Stadt im Schwedischen Reich und entsprechend der strategischen Bedeutung völlig neu befestigt, behielt aber weitgehend die autonome Selbstverwaltung. Im Verlauf des „Großen Nordischen Krieges“ (1700 – 1721) um die Vorherrschaft im Ostseeraum ergab sich Riga nach längerer Belagerung durch die russischen Truppen im Jahr 1710. Durch den „Frieden von Nystadt“ ist schließlich 1721 der Krieg beendet worden. Russland löste Schweden als Großmacht in der Ostseeregion ab, und Riga wurde nach 11 Jahren russischer Besetzung 1721 dem Zarenreich von Peter I., dem Großen, (1672 – 1725) zugeschlagen. Somit kam es zur Bildung der drei sog. „Ostseegouvernements“ Estland, Livland und Kurland.

Aufgrund der viele Jahrhunderte alten Herrschaft des deutsch-baltischen Adels und der demzufolge protestantischen und deutschen Prägung hatten die Ostseegouvernements im Russischen Reich eine gewisse Sonderstellung. Großgrundbesitz und Stadtbürgertum waren ausnahmslos deutschsprachig, auch die Letten und Esten wurden zunehmend vom lutherischen Protestantismus beeinflusst, während Kurland wegen seiner Bindungen zu Polen überwiegend katholisch blieb. Darüber hinaus hatten diese drei autonom verwalteten Gouvernements, ebenso wie St. Petersburg, auch wegen ihrer geografischen Lage als „Fenster zum Westen“ ein Art Modellcharakter für Russland und seinen weltoffenen Kaiser Peter I., den Großen, der seinen Titel nach dem Friedensschluss 1721 von „Zar“ in „Kaiser“ änderte. Das Ostseegouvernement Livland mit Riga (seit 1796 Hauptstadt) und der alten Universitätsstadt Dorpat (heute Tartu in Estland) bestand in dieser Form bis 1919. Kirchliches und weltliches Verwaltungs- und Amtswesen, Kultur, Literatur, Bildung und Großgrundbesitz blieben vom Einfluss der deutschen Oberschicht geprägt. Bis 1891 war Deutsch Amtssprache in Livland, dann wurde Russisch offizielle Amtssprache.

Die ethnische Zusammensetzung Livlands war, auch infolge der häufigen territorialen Veränderungen, äußerst vielfältig, im Norden lebten überwiegend Esten, in der Mitte die Liven und Letten und im Süden waren die Sem (Semgallen) und die Lettgallen vorherrschend. Demzufolge gab es auch eine sehr große Vielfalt unterschiedlichster Sprachregionen und keine einheitliche Schriftsprache. Das Volk der Liven (ursprüngliches Livland und Kurland) sprach „livisch“, die Esten im Norden „estnisch“ und die überwiegende Zahl der lettisch-stämmigen Landbevölkerung im zentralen Livland sprach „lettisch“. Das Livisch wurde zunehmend verdrängt und ist heute fast ausgelöscht.

Die Länder West- und Mitteleuropas waren am Ende des Frühkapitalismus zum Beginn des 19. Jahrhunderts, infolge der industriellen Revolution, gegenüber den reinen Agrarstaaten relativ hoch entwickelt. Die Ostseeprovinzen Estland, Livland und Kurland haben wegen ihrer deutschstämmigen Prägung, ihrer geografischen Nähe und ihrer Handelsbeziehungen zum Westen „mitgezogen“ und mit der allmählichen Entwicklung einer Finanzwirtschaft und des Bankwesens bereits eine gehobene Schicht des Bürgertums und der Patrizier herausgebildet, vor allem in den noch wenigen baltischen Großstädten, so auch in Riga. Das „alte“ Russland befand sich jedoch noch im tiefen Feudalismus. Hier wurde die seit 1601 bestehende Leibeigenschaft der Bauern erst 1861 abgeschafft, während der russische Kaiser Alexander I. (1777 – 1825) mit seinem politischen Weitblick deren Aufhebung für Estland, Livland und Kurland bereits 1816, 1817 und 1819 verfügte. Ein erwachendes Nationalbewusstsein bei den nach wie vor von der deutschen Oberschicht, zunehmend aber auch von Russland dominierten Letten, die die größte Bevölkerungsgruppe im Baltikum stellten, war der Auslöser für Unabhängigkeitsbewegungen, die letztlich nach 1918 über viele Zwischenschritte und historische Epochen mit ihren Staatsdoktrinen zur heutigen Staaten-Struktur im Baltikum mit Estland, Lettland und Litauen führten.

Riga Lyzeum um 1820, Rigaer Schloss, Rigaer Dom,  Domschule Riga
Das Lyceum in Riga 1820 (rechts). Links das Schloss. In der Mitte der Dom mit der Domschule, an der Sonntag 1788 Rector wurde.

In diesem gesellschaftlichen und historischen Umfeld des zu Ende gehenden 18. Jahrhunderts nahm unser Radeberger Karl Gottlob Sonntag am 13. September 1788 sein Amt als Rector der Domschule im livländischen Riga auf (heute „Rigas 1. Staatsgymnasium“). So begannen sein höchst erfolgreicher beruflicher Werdegang, sein gesellschaftlicher Aufstieg und „seine in aller Art ausgezeichnete Wirksamkeit in unserem Vaterlande“ [4], fern seiner Heimatstadt, fern seiner Familie, im Alter von gerade erst 23 Jahren. Bereits im August 1789 wurde er zum Rector des damaligen Lyceums (heute Puschkin-Lyzeum Riga) berufen. Diese Schule (ab 1804 Gouvernementsgymnasium) war im 18. und 19. Jh. die vornehmste Schule in Riga und von ganz Livland, die auf die Universität vorbereitete. Ihre Lehrer wurden vom Generalsuperintendenten (heute etwa vergleichbar mit einem Landesbischof) ausgewählt und eingestellt.

Diese Stelle des Rectors war mit dem Diakonat der „Kronskirche zu St. Jakob“ verbunden, das der Oberpastor Dingelstädt bis zu seinem Tode im Januar 1791 innehatte. Sonntag nahm demnach ab Januar 1791 dessen Stelle ein, blieb aber gleichzeitig bis 1793 Rector des Lyzeums, weil kein Nachfolger gefunden werden konnte. Im Januar 1799 wurde er Assessor im Kaiserlich-Livländischen Ober-Consistorium, d.h. Beisitzer in der obersten livländischen Verwaltungsbehörde.

Im April 1803 vermeldet das in Halle/Saale herausgegebene „Neue Journal für Prediger Band 18“ auf S. 208 unter „Beförderungen“:

Wegen der physischen Schwäche des bisherigen Generalsuperintendenten Dankwart hatte Sonntag bereits zum großen Teil die Geschäfte für Dankwart geführt. Nach dessen Tod trat Sonntag am 13. Sept. 1803 feierlich die Generalsuperintendentur an, wobei er bis Mai 1811 noch Oberpastor der „Kronskirche zu St. Jakob“ blieb. Mit 38 Jahren hatte Sonntag nunmehr das oberste kirchliche Amt inne. Ein Radeberger wurde in Riga in Livland, dem geistigen, geistlichen und wirtschaftlichen Zentrum des Baltikums, oberster kirchlicher Würdenträger.

Seine Möglichkeiten der „Machtausübung“, der Einflussnahme auf politische Entscheidungen jeglicher Art, waren äußerst vielfältig. Aber Sonntag ging offenbar sehr rational, bedacht und sorgfältig damit um, wie die ihm entgegengebrachten Anerkennungen und Ehrungen und auch die vielen Würdigungen zeigen. Wie die Rolle Sonntags auch aus heutiger, aktueller Sicht bewertet wird, zeigt folgendes Zitat von 1996:

„In der livländischen Kirche bezeichnet die Wahl des hervorragendsten Repräsentanten des Rationalismus im Baltikum, Karl Gottlob Sonntag, zum Generalsuperintendenten im Jahre 1803 den endgültigen Sieg der theologischen Aufklärung.“ [5] 

Ludwig August Mellin (1754–1835)
Ludwig August Mellin (1754–1835)

Eine erfolgreiche Ausübung des obersten kirchlichen Amtes bedingte folgerichtig eine Wechselwirkung mit der weltlichen Führung Livlands. Der aus dem deutschbaltischen Adel stammende liberale Politiker Ludwig August Mellin (1754 – 1835) leitete von 1796 bis 1831 als weltlicher Vorsitzender und Direktor das „Livländische Oberkonsistorium“. Das war die oberste kirchliche, staatliche und gerichtliche Behörde in einem. Dessen anderer, kirchlicher Vorsitzender war ab 1803 Generalsuper-intendent Sonntag, der bereits ab 1799 als Assessor in diesem Gremium mitgearbeitet hatte. Mellin und Sonntag waren beide Vertreter der „Aufklärung“. Als Politiker wurden sie Partner, als Menschen Freunde. Beide hatten ähnliche politische Ziele, nämlich die Verbesserung der Lage der Landbevölkerung, ein neues Agrargesetz, Unterstützung der „Reformpartei“, Lockerung althergebrachter feudalistischer Privilegien.

Politische Plattform war das „Livländische Komitee für Bauernangelegenheiten“. Mellin wurde 1814 auf Betreiben von Kaiser Alexander I. dessen Mitglied. Das einheitliche, gemeinsame und deshalb so erfolgreiche Wirken des „Gespanns“ Sonntag und Mellin war mit entscheidend und ausschlaggebend für die Bauernbefreiung in Livland 1819, deren letzter und gesellschaftspolitisch bedeutendster Schritt die Beendigung der Leibeigenschaft im Baltikum bis 1819 war. Unser Karl Gottlob Sonntag hatte daran entscheidenden Anteil. Eine umfassende Analyse, Erläuterung und Begründung der führenden Rolle Sonntags bei den agrarpolitischen und damit gesellschaftlichen Veränderungen in Livland ab Anfang des 19. Jahrhunderts hat der Historiker und Slawist Erich Donnert (1928 – 2016) in seinem 2008 erschienenen Werk „Agrarfrage und Aufklärung in Lettland und Estland“ in einem eigens zu K. G. Sonntag verfassten Kapitel veröffentlicht [6]. Donnerts zusammenfassende Bewertung der Rolle Sonntags sei hier zitiert:

„Als kirchlicher Würdenträger zählt Sonntag zu den bedeutendsten Aufklärern Livlands. Wie er haben auch alle anderen vor und mit ihm in den Ostseeprovinzen wirkenden aufgeklärten Agrar-schriftsteller und Agrarpublizisten Bedeutendes geleistet. Sie konnten dieses, weil sie die Aufklärung nicht allein aus der Verstandesreflexion, sondern ebenso aus einem neuen Weltverständnis begriffen und in ihrem literarischen Schaffen vorgelebt haben.“ [7]

Riga 1840, Dom, Kronskirche St. Jakob,
Riga um 1840. Links der Dom und li. dahinter die Kronskirche St. Jakob, der ehemalige Wirkungsort Sonntags als Oberpastor.

Die „Jenaische Lateinische Societät“ ernannte Sonntag 1802 zum Ehren-Mitglied, 1805 erhielt er von der Kaiserlichen Universität zu Dorpat das „Ehren-Diplom eines Doctors der Theologie“. Hohe Anerkennung fand er als Mitglied der „Literarisch-praktischen Bürger-Verbindung“ und der „Kurländischen Gesellschaft für Literatur und Kunst“. Auch für die „Provinzial-Gesetz-Kommission“ arbeitete Sonntag federführend. Bemerkenswert sind hier seine chronistischen Arbeiten „Chronologisches Verzeichnis der Livländischen Gouvernements-Regierungs-Patente von 1710 – 1822“ (Riga 1823) und „Die Polizei für Livland von der ältesten Zeit bis 1820: in einem nach den Gegenständen geordneten Auszuge aus den Regierungs-Patenten und andern obrigkeitlichen Verordnungen, nebst historischen Zusätzen…“ (Riga 1821).

Karl Gottlob Sonntag, Generalsuperintendent von Livland
General-Superintendent und Ritter Dr. von Sonntag

Kaiser Alexander I. würdigte Sonntags Verdienste 1819 „durch Zutheilung des Kronsgutes Colberg auf 12 Jahre“ [8]. Im Jahre 1823 verlieh ihm der Kaiser den St. Annen-Orden Zweiter Klasse.

 

Sonntags Ruf war so bekannt geworden, dass er an die Petrikirche zu St. Petersburg gerufen wurde. Die Universität Dorpat berief ihn zum Professor der Kirchengeschichte und theologischen Literatur. Zwei Angebote von 1804 und 1812, als Professor nach Berlin zu kommen, lehnte Sonntag ab, ebenso wie er die Angebote, als Konsistorialrat nach Danzig und als Professor nach Königsberg und später nach Coburg zu gehen, ablehnte.
Herausragend war Sonntags literarisches Schaffen auf verschiedensten Gebieten. Dazu müssen auch die unzähligen, zumeist themenbezogenen Predigten gerechnet werden.

Diese Predigten beinhalteten auch die Verbreitung wohldurchdachter Verhaltensregeln und -normen, Vorstellungen zu Moral und Sitte, Wissensvermittlung, Informationen zu aktuellen Fragen und Problemen jeglicher Art. Die „Kanzel“ war das Podium und der Prediger das Medium zur Verbreitung all dieser Dinge in jeder Stufe der kirchlichen Hierarchie, war doch besonders bei der Landbevölkerung das Analphabetentum überwiegend und die Teilnahme an den Gottesdiensten Pflicht.

So ist es nicht verwunderlich, dass Sonntag seine Ansichten, Ausarbeitungen und Vorstellungen zu Themen dieser Zeit zuerst als eigene Predigten vortrug und dann als Druckschriften veröffentlichte, um sie landesweit zu verbreiten. Wichtig war ihm dabei auch eine erzieherische, zukunftsorientierte Funktion, wie z.B. folgender Auszug aus einer Predigt von 1797 „Über die heranwachsende weibliche Jugend“ belegt: „Unser heutiges Nachdenken, … soll sich mit einem Gegenstande beschäftigen, auf welchem ein großer Theil unserer ganzen häuslichen und gesellschaftlichen Glückseligkeit und Sittlichkeit beruht; von dessen jetziger Beschaffenheit das dereinstige Wohl oder das Weh derer, die nach uns kommen werden, … abhängen…“ [9].

"Über die heranwachsende weibliche Jugend..."  Anfang der Predigt von 1797. Quelle:  Universität Tartu - http://dspace.ut.ee/handle/10062/1475
"Über die heranwachsende weibliche Jugend..." Anfang der Predigt von 1797. Quelle: Universität Tartu - http://dspace.ut.ee/handle/10062/14757

Besonderes Augenmerk richtete Sonntag auf die Herausbildung einer einheitlichen Schriftsprache auf Basis des Lettischen, auch um die ethnische Vielfalt in Livland mit ihren eigenen Sprachen zu vereinen und so die Herausbildung einer gewissen „nationalen Einheit“ und eines nationalen Bewusstseins zu fördern. Er schrieb eine Reihe Lehrbücher, von denen besonders der „Katechismus der christlichen Lehre, herausgegeben von dem Livl. Ober-Consistorium“ 1817 und der „Entwurf eines Landes-Katechismus“ 1823 erwähnt werden sollen. Hervorgehoben werden muss das von ihm 1809 neu verfasste und in sein „vereinheitlichtes Lettisch“ übertragene Gesangbuch. Dieses machte er per Weisung zur Verwendung in den Gottesdiensten verbindlich. Weil sich natürlich nicht jeder ein neues Gesangbuch leisten konnte, ordnete Sonntag an, dass jede Kirche mindestens 8 Bücher kostenlos an Bedürftige abzugeben hatte, die aus den Geldern des „Klingbeutels“ (der Kollekte jeder Kirche) zu bezahlen sind.

Die unter Sonntags Regie entwickelte vereinheitlichte lettische Schriftsprache mit ihren Regeln ist wohl einer seiner größten Verdienste, zumal er mit seinem neuen lettischen „Gesangbuch“ überaus geschickt eine schlagartige landesweite Verbreitung und Popularisierung dieser Sprachentwicklung in allen Bevölkerungsschichten organisiert hatte, denn (fast) jeder ging in die Kirche und musste mitsingen… Und eine vereinheitlichte Sprache beeinflusst und fördert immer die kulturelle und nationale Entwicklung eines Landes und seiner einheimischen Volksgruppen. Unter diesem Grundanliegen ließ Sonntag alle lettisch-sprachigen kirchlichen Schriften einer strengen Prüfung unterziehen. Unter Mitarbeit von 8 Pastoren erarbeitete er 1810 sein neues „Deutsches Gesangbuch“, in dem auch über 30 von ihm selbst gedichtete Verse enthalten waren.

Sonntag gab ab 1810 die Rigaer „Stadtblätter“ heraus (ab 1813 jahrelang auf eigene Rechnung), die er überwiegend allein verfasste. Diese Art „Regionalzeitung“ beinhaltete Amtliches, Aktuelles, Personalien, Historisches und auch literarische Arbeiten, auch von ihm selbst verfasste. Mit Unterbrechungen bei der Veröffentlichung verband er diese 1823 mit den „Ostsee-Provinzen-Blättern“, die bis zu Sonntags Tod 1827 erschienen. Dieses eigene Podium nutzt Sonntag auch zur Popularisierung historisch bedeutsamer Ereignisse. Fast als ein Geschichtsbuch kann man seine Beschreibung „Riga’s Jubiläums-Feier im Julius 1810 für die Rigaischen Stadtblätter beschrieben von dem derzeitigen Redacteur K. G. Sonntag“ [10] bezeichnen. Darin werden die Feierlichkeiten anlässlich des 100. Jahrestages der Beendigung der Schwedischen Herrschaft (1710) beschrieben, immer mit  historischem Bezug und Hintergrund.

Die bisher genannten literarischen Arbeiten sind nur eine kleine Auswahl. Eine einigermaßen vollständige Übersicht würde den Rahmen dieses Beitrages weit überschreiten. Es sei hier nur verwiesen auf die Sammlungen der Universität Tartu (Dorpat) mit ihrer „Digitalen Textsammlung älterer Literatur Estlands EEVA“, der Deutschen Digitalen Bibliothek DDB, der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek Dresden SLUB und insbesondere auf das „Allgemeine Schriftsteller- und Gelehrten-Lexikon der Provinzen Livland, Esthland und Kurland…“ ab S. 231 [11].

Als Karl Gottlob Sonntag 1788 nach Riga reiste, war nicht abzusehen, ob und wann er jemals seine Heimatstadt Radeberg, seine Eltern und Geschwister, wiedersehen würde und wie seine eigene familiäre Zukunft aussehen könnte. Nachdem er sich in Riga fest etabliert und als Rector der Domschule bzw. danach des Lyzeums sowie als Dr. phil. und Magister eine hohe gesellschaftliche Position erarbeitet hatte, heiratete er am 20. Nov. 1789 Gertrud Hedwig Grave, die Tochter des Kaufmanns und „Ältesten der Großen Gilde“, Ludwig Grave und der Johanna Sophia, geb. Schwartz, aus der Rigaer Bürgermeister-Dynastie Schwartz. Karl Gottlob Sonntags Schwager Karl Ludwig Grave (1784 – 1840) wurde im Mai 1811 der Nachfolger Sonntags als Oberpastor an der Kronskirche und machte später ebenfalls eine große Karriere. Sonntags Ehe blieb kinderlos, aber das Ehepaar nahm zwei Pflegekinder auf. Näheres zu seiner Familie ist nicht bekannt.

Festgedicht für Karl Gottlob Sonntag, 1797, Innentitel Ausschnitt, SLUB Dresden
Festgedicht der Eltern von Karl Gottlob Sonntag 1797, Innentitel Ausschnitt, SLUB Dresden

Im August 1797 reiste Sonntag zu seinen Eltern nach Radeberg. Er verbrachte hier seinen 32. Geburtstag. Vater Johann Gottfried und Mutter Christiane Elisabeth verfassten aus diesem Anlass ein Freudengedicht bzw. einen Lobgesang auf ihren Sohn, ganz im Stil der damaligen Zeit, und mit dem berechtigten Stolz auf ihren berühmten Sohn. Wie bedeutend dieser Besuch für die Eltern und ihr Ansehen in Radeberg gewesen sein muss, erkennt man daran, dass sie dieses mehrseitige Gedicht in der Kurfürstlichen Hofbuchdruckerei in Dresden drucken und binden ließen [12]. Das war der erste und letzte Besuch in Radeberg und das letzte Wiedersehen mit seinen Eltern und Geschwistern.

Am 17. Juli 1827 (nach damals in Livland gebräuchlichem Julianischem Kalender, 29. Juli nach Gregorianischem Kalender) verstarb Karl Gottlob Sonntag nach zweiwöchiger Krankheit an einem Nervenschlag. Die Anteilnahme bei den Trauerfeierlichkeiten am 27. Juli 1827 (8. Aug. 1827 greg.) in der Kronskirche muss überwältigend gewesen sein, wie die 43-seitige Gedenkschrift „Zum Andenken Sonntags“ zeigt. Schwager Dr. Karl Ludwig Grave hielt die Gedächtnis-Predigt und schrieb die Grabinschrift, Rigas Stadt-Oberpastor Dr. Albanus verfasste den Nachruf, und Propst Brockhusen trug die „Trauer-Cantate“ und die „Personalien“ [13] vor, die mit den Worten schließen:

Und in seinem ersten Vaterlande, seiner ersten Heimatstadt? Wäre da nicht die sachliche, kurze Notiz in der Knobloch-Chronik, wäre er wahrscheinlich gänzlich vergessen…

 

Der Chronist Dr. Heinrich v. Martius würdigte Sonntag bereits 1828:

„Hochgeachtet von seinen Zeitgenossen als einer der ersten Kanzelredner,
berühmt durch seine gediegenen Schriften, und wegen seines redlichen Herzens und seiner edlen Humanität von Allen, die ihm näherstanden, innigst verehrt und geliebt, starb er … kinderlos“.
[14]

 

Fast tragisch erscheint der Bestands-Eintrag der Estnischen National-Bibliothek:

„Verzeichnis der nicht-theologischen Werke aus der National-Bibliothek des weil. Herrn General-Superintendenten Dr. Sonntag, welche, vom 10ten December 1829 an, in Riga, öffentlich versteigert werden sollen. Riga, gedr. bei W. F. Häcker“ [15].  

Sonntags Bibliothek war sicherlich eine äußerst wertvolle Sammlung auserlesener Werke und in ihrer Gesamtheit von höchstem historischen Wert. Diese ist, wie so vieles Kulturgut, in dem das Herzblut des Sammlers steckte, zerstoben, verstreut, vergessen…

Die Rigaer politisch-literarische Zeitschrift „Zuschauer“ hat 1827 in ihrem Nachruf (in Nr. 2999) die wohl treffendste Formulierung über Sonntags Verdienste für die bleibenden gesellschaftlichen Veränderungen in Livland veröffentlicht:

 „…und die Nachwelt wird ihm Denkmale zuerkennen, wenn auch nicht hinstellen, sobald sie historisch vergleicht, was Sonntag auf der Bahn seiner vielseitigen Wirksamkeit vor sich fand, und was er zurückläßt.“

 

 Das dürfte wohl den Titel dieses Beitrages rechtfertigen.

 


 Quellen und Nachweise:

  1. Zum Andenken Sonntags. Riga, gedruckt bei Wilhelm Ferdinand Häcker.
    1827. S. 10  Google E-Book (kostenlos)
  2. Dr. Heinrich v. Martius: Radeberg und seine Umgebungen. Bautzen 1828. S. 114
  3. Internetquelle: www.herder-institut.de/servicebereiche/dokumentesammlung/archivale-des-monats/2008/november. S. 180 ff.
  4. Zum Andenken Sonntags. Riga, gedruckt bei Wilhelm Ferdinand Häcker.
    1827. S. 11  Google E-Book (kostenlos)
  5. Aufklärung in den baltischen Provinzen Russlands, Hrsg.: Otto-Heinrich Elias, Reihe Quellen und Studien zur baltischen Geschichte Bd. 15. BÖHLAU VERLAG KÖLN WEIMAR WIEN 1996. S. 225
  6. Erich Donnert: Agrarfrage und Aufklärung in Lettland und Estland, Livland, Estland und Kurland im 18. und beginnenden 19. Jahrhundert. ISBN 978-3-631-57021-0
    ©Peter Lang GmbH Internat. Verlag der Wissenschaften, Frankfurt am Main 2008. S. 178 ff.
  7. Ebenda S. 187
  8. Zum Andenken Sonntags. Riga, gedruckt bei Wilhelm Ferdinand Häcker.
    1827. S. 10  Google E-Book (kostenlos)
  9. Karl Gottlob Sonntag: Über die heranwachsende weibliche Jugend. Zwei Predigten. Riga bei J. F. Hartknoch 1800
  10. Karl Gottlob Sonntag: Riga’s Jubiläums-Feier im Julius 1810 für die Rigaischen Stadtblätter beschrieben… Riga, gedruckt bei W. F. Häcker 1810
  11. Allgemeines Schriftsteller- und Gelehrten-Lexikon der Provinzen Livland, Esthland und Kurland, Bearbeitet von J. F. Recke und K. E. Napiersky, Vierter Band, Mitau 1832. S. 231-249
  12. Empfindungen bey dem Geburtstage unseres geliebten Sohnes M. Karl Gottlob Sonntags, Oberpastor an der Kronskirche zu Riga, 22. August 1797, Dresden. (SLUB Dresden)
  13. Zum Andenken Sonntags. Riga, gedruckt bei Wilhelm Ferdinand Häcker.
    1827. S. 12.  Google E-Book (kostenlos)
  14. Dr. Heinrich v. Martius: Radeberg und seine Umgebungen. Bautzen 1828. S. 18.
  15. Internetquelle: http://erb.nlib.ee/?kid=45512498&oid=0d832bec

Weitere Quellen:

  • Baltisches Biographisches Lexikon digital; www.bbl-digital.de    
  • Allgemeines Schriftsteller- und Gelehrten-Lexikon der Provinzen Livland, Esthland und Kurland, Bearbeitet von J. F. Recke und K. E. Napiersky, Vierter Band, Mitau 1832
  • Kirschfeldt, Joh.: Die religionsgeschichtliche Stellung des Gen. Sup. D. Dr. Karl Gottlob Sonntag. Verlag der Buchhandlung G. Löffler, Riga 1931