Max Hirschnitz und Max Radestock aus Langebrück prägten deutsche Konsum-Geschichte

2013 - ein Jahr der Jubiläen

            725 Jahre Langebück und

            125 Jahre Konsum-Bewegung Dresden

 

Auf den ersten Blick wird die Konstellation dieser beiden Ereignisse, die Verbindung des Ortsjubiläums Langebrücks mit der Erinnerung an die Anfänge der Konsum-Bewegung in Dresden, verwundern, aber bei näherer Betrachtung offenbart sich doch ein tieferer Zusammenhang.

 

Ob es die Entwicklung Langebrücks von einem bäuerlichen Heidedorf zu einem wohlhabenden Kurort mit gehobenem Niveau betrifft, oder ob es sich um die Entwicklung der Konsum-Bewegung in Sachsen bis hin zum heutigen Konsum Dresden e.G. handelt – beide Entwicklungswege, so unterschiedlich sie auch sein mögen, fallen in die gleiche Zeitepoche.

 

Für beide „Jubilare“ und ihre Möglichkeiten zur Weiterentwicklung war die Zeit der Industriellen Revolution maßgebliche Voraussetzung. Mit dieser Epoche zu Beginn des 19. Jahrhunderts begannen die großen Umwälzungen und Erfindungen, die wiederum zu gesamtgesellschaftlichen Veränderungen führten und ein ganzes bisheriges Weltgefüge verändern sollten.

 

Mit Sicherheit weiß kaum noch ein heutiger Langebrücker oder Dresdner Einwohner etwas über die beiden Bürger aus dem Ort Langebrück, die einst Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts mit zu den maßgeblichen „Pionieren und Machern“ der konsumgenossenschaftlichen Entwicklung in Dresden und ganz Sachsen gehörten und die sich große Verdienste in dem 1903 in Dresden gegründeten und von Hamburg aus geleiteten „Zentralverband deutscher Konsumvereine“ (ZdK) erwarben. Es handelt sich um Max Radestock (21. Febr. 1854 Dresden - 10. Jan. 1913 Langebrück) und Max Heinrich Hirschnitz (25. Okt. 1866 Dresden - 26. Febr. 1947 Langebrück). Der erstere, Max Radestock, wählte nach 1900, aus Dresden kommend, Langebrück zu seinem Wohnort, während Max Heinrich Hirschnitz zu dieser Zeit schon Langebrücker Einwohner war. Unter ihrer Mitwirkung und Leitung kam es zu einer stetigen Entwicklung des konsumgenossenschaftlichen Verbandes bis hin zu einem beispiellosen Großunternehmen, das sich außer der Wahrnehmung der Versorgungsaufgaben für seine Mitglieder auch für die Errichtung einer Vielzahl von Betrieben zur Eigenproduktion und Selbstversorgung einsetzte, das aber auch die Verantwortung für die Wahrnehmung gewerkschaftlicher Aufgaben und Erfordernisse übernahm, erstmalig ebenfalls auf der Grundlage der sozialdemokratischen Ausrichtung die Förderung der Frauen forcierte und durch Herausgabe von Publikationen deren erste emanzipatorischen Schritte unterstützte, um nur einiges zu nennen. Besonderes Augenmerk wurde natürlich auch auf die Pflege und Vermittlung des Genossenschaftsgedankens gelegt.

 

Von Dresden und Langebrück aus wurden Anfang des 20. Jahrhunderts die Geschicke und die Entwicklung der Konsumvereine in ganz Sachsen gelenkt und geleitet, die in dem „Verband Sächsischer Konsumvereine“ im damaligen Königreich Sachsen vereinigt waren. Mitglied in diesem Verband war ebenfalls der 1888 gegründete „Konsumverein Vorwärts Dresden“, der bis in unsere heutige moderne Zeit durch Anpassungen an die gesellschaftlichen Verhältnisse und Umbrüche seine Daseinsberechtigung bewahrt hat. Aber das war nicht alles, denn von dem Büro von Langebrück aus wurde auch Genossenschaftsgeschichte geschrieben. Man kann aus den Rechenschaftsberichten des „Verbandes sächsischer Konsumvereine“, die regelmäßig auf den jährlichen Verbandstagen gehalten wurden, nachvollziehen, welchen Anfeindungen und Verleumdungen die konsumgenossenschaftliche Entwicklung ausgesetzt war, welche Versorgungsschwierigkeiten im Ersten Weltkrieg und der Inflationszeit, später auch in den Zeiten der Weltwirtschaftskrise, auftraten. Die weltpolitischen Ereignisse und Entwicklungen sowie die Entwicklung der internationalen Handelsbeziehungen wurden von den Genossenschaftern aufmerksam verfolgt und bewertet. Die daraus gezogenen Schlussfolgerungen wurden in Strategien umgesetzt, die trotz dieser z. T. negativen Rahmenbedingungen und politischen Gegebenheiten letztendlich doch zu einer positiven Bilanz führten. Der Ausspruch des Sozialdemokraten Karl Liebknecht war bei erforderlichen Entscheidungen Leitgedanke: „Wenn es die Situation erfordert, ändere ich die Taktik zehnmal am Tage“. Beim Quellenstudium in den ca. 60 archivierten „Jahrbücher des Zentralverbandes deutscher Konsumgenossenschaften“ (ZdK), aus der Zeit von 1903 - 1933, die in der Sächsischen Landes-und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) archiviert sind, wird Konsumgeschichte als ein Teil der Deutschen - bzw. der Weltgeschichte nachvollziehbar.

 

Quelle: Jahrbuch des Zentralverbandes deutscher Konsumvereine Elfter Jahrgang 1913; Band 1;  Hamburg 1913
Max Radestock (21. 2. 1854 Dresden - 10. 1. 1913 Langebrück)

Diese zwei Persönlichkeiten aus Langebrück, Max Radestock und Max Heinrich Hirschnitz, verdienen es, nicht der Vergessenheit anheimzufallen. Ihrem vorausschauenden Wirken und Gestalten zum Wohle vieler Menschen, ihrer Fähigkeit, einen konsumgenossenschaftlichen Verband Sachsens durch Eingliederung in den nationalen Spitzenverband des 1903 in Dresden gegründeten „Zentralverband deutscher Konsumvereine“ mit Erfolg zu einem führendem Großunternehmen zu begleiten, ist es zu verdanken, dass die konsumgenossenschaftliche Bewegung sich so entwickelte und auch so erstarken konnte, dass sie die unterschiedlichsten Gesellschaftsformen trotz vieler Schwierigkeiten überlebte und letztendlich auch zu einem nicht zu unterschätzenden politischen Machtfaktor wurde. Diese beiden Langebrücker Bürger gehören zu den Persönlichkeiten, die der Entwicklung des „Verbandes Sächsischer Konsumvereine“ und dem „Konsumverein Vorwärts Dresden“ entscheidende Impulse gaben.

 

Wer waren diese beiden Männer, die sich zur richtigen Zeit und am richtigen Ort begegneten, um gemeinsam auf der Grundlage der vorhandenen gesellschaftlichen Bedingungen der Industriealisierung ein Unternehmen zu solch einer Erfolgsgeschichte zu führen?

 

Beide kamen aus sehr unterschiedlichen Verhältnissen.

 

Und - beide waren typische „Vertreter ihrer Zeit“.

 

Quelle:  Privat  Sammlung Schönfuß
Max Hirschnitz ganz privat (25. 10. 1866 Dresden - 26. 2. 1947 Langebrück)

Beide werden in der Zeit der Industriealisierung geboren und wachsen in eine absolute revolutionäre Umbruchstimmung hinein – das gesamte gesellschaftliche Leben verändert sich zu dieser Zeit. Durch Aufhebung der Zunftgesetze wird es im 19. Jahrhundert möglich, dass jeder seine Fähigkeiten, ohne Zunftzugehörigkeit und Einschränkungen bisheriger Zünfte, entwickeln kann. Große Erfindungen waren die Folge, die die Welt verändert hatten, wie z.B. die rasante Weiterentwicklung der Dampfmaschinen als universelle Antriebskraft und damit die Entstehung des Eisenbahnwesens, die mechanischen Webstühle u.a.m. Dadurch wurde es auch erforderlich, dass sich das Bankwesen weiterentwickelte und mit einem moderneren Kredit- und Zahlungsverkehr dazu beitragen konnte, Möglichkeiten und Voraussetzungen für die Gründung von Betrieben und Aktiengesellschaften zu schaffen, die wiederum die Wirtschaft ankurbeln sollten. Als schließlich 1832 das Gesetz der Feudalablösung verabschiedet wird, beginnt eine regelrechte Landflucht in Form einer Völkerwanderung von Menschen, die aus den verarmten ländlichen Gebieten in die Städte ziehen, auf der Suche nach Arbeit, täglichem Brot und etwas mehr Glück. Das Proletariat, die Arbeiterklasse ist geboren, deren Vertreter bald feststellen, dass sie als ehemalige unfreie Landsklaven eines Gutsbesitzers jetzt nur in die Rolle der Arbeitssklaven eines Fabrikbesitzers gewechselt waren, die in den Städten mit ihren Familien weiter Not erleiden müssen, wenn sie sich nicht wehren oder selbst helfen, um ihre Versorgungs- und Lebenslage zu verbessern. Es kommt zum Zusammenschluss der Arbeiter in Gewerkschaften, Vereinen und Genossenschaften. Die Idee der Konsumgenossenschaften wird geboren und findet eine große Resonanz bei der aufkommenden Arbeiterbewegung ab den 1860-er Jahren.

 

Erstmalig entsteht für diese Klasse eine Organisationsform, die für ihre Mitglieder auf den Prinzipien des Mitbestimmungsrechtes aufgebaut ist, die ihren Mitgliedern entsprechend des eingezahlten Genossenschaftsanteiles mit begrenzter Verzinsung für getätigte Einkäufe eine Überschuss-Rückvergütung am Jahresende auszahlt, die eine ehrliche Geschäftspolitik betreibt, indem sie ihren Mitgliedern unverfälschte Waren zu vollem Gewicht, jedoch nur gegen Bargeldzahlung verkauft, im Gegensatz zu bisherigen Gangarten der Krämer, die ihren Kunden minderwertige, verfälschte und überteuerte Waren auf „Anschreiben oder Pump“ verkauften, um damit Abhängigkeiten zum Nutzen der Händler aufzubauen. Den Konsumgenossenschaften konnte außerdem jeder beitreten, egal, welcher Konfession oder politischen Richtung er angehörte, und sein Mitbestimmungsrecht in der Organisation war unabhängig von der Höhe des eingezahlten Mitgliederbeitrages.

 

In Sachsen bilden sich erste Konsumvereine ab 1845 in Ballungsgebieten der Industrie, wie Chemnitz und Glauchau. 1850 gründete sich die „Eilenburger Lebensmittel-Association“, die erste richtige Konsumgenossenschaft. Der Beginn dieser Genossenschaftsbewegung ist zuerst mühselig und kommt erst nach und nach in Gang. Ab der 1860-er Jahre breitet sich der konsumgenossenschaftliche Gedanke verstärkt aus, und es entstehen vermehrt Konsumvereine. 1868 erfolgt die Verabschiedung des Genossenschaftsgesetzes, und in Sachsen gründet sich der erste „Sächsische Konsumverband“. Von insgesamt 98 Konsumvereinen in Sachsen treten nur 9 Konsumvereine dem Verband zu diesem Zeitpunkt bei. 1888 wird der Konsumverein „Vorwärts für Dresden und Umgegend“ gegründet, in den 1899 auch der „Consumverein Vorwärts für Radeberg und Umgebung“ integriert wird. Dieser war einer der ersten in Sachsen und war bereits am 27.Mai 1877 als „Consum-Verein für Radeberg“ gegründet worden.

 

 

1889 wird das überarbeitete „Reichsgesetz betreffend die Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften“ verabschiedet, das nun klare gesetzliche Regeln für Genossenschaften beinhaltet, die zum größten Teil bis in die heutige Zeit ihre Gültigkeit haben.

 

Die 1890-er Jahre bringen eine Erstarkung der konsumgenossenschaftlichen Bewegung. Hervorgerufen wird das durch den wirtschaftlichen Aufschwung dieser Jahre, die Aufhebung des Sozialistengesetzes und den Einfluss der erstarkten Gewerkschaften.

 

Da die konsumgenossenschaftliche Bewegung ständig vielen Anfeindungen und Sabotagen durch Händler und Fabrikanten ausgesetzt war, gründete sich 1894 in Hamburg die „Großeinkaufsgesellschaft deutscher Konsumvereine“ (GEG), um unabhängig zu sein und infolge großer Einkaufsmengen niedrigere Einkaufspreise zu erzielen. Aber die Konsumvereine führten auch einen ständigen Kampf gegen die Anfeindungen des Kleinbürgertums, gegen Verleumdungen und Verdächtigungen der Kleinhändler und Handwerker sowie gegen die Einschränkungen, die von Regierungsstellen mit einer Steuergesetzgebung gegen die Konsumvereine ausgeübt wurden, um die weitere Entwicklung der Genossenschaftsbewegung zu verhindern. Eine Feststellung dazu wurde auf den Genossenschaftstagen von 1907 folgendermaßen, ganz im Wortlaut Goethes, formuliert: „Es ist immer der Geist, der das Böse will und dafür das Gute schafft – je mehr sie uns bekämpfen, desto mehr schließen wir uns zusammen“.

 

Dieser Zusammenschluss erfolgt schließlich auch auf internationaler Ebene. Es kommt zu einer Verbindung der internationalen Konsumverbände, indem in Genf 1895 der „Internationale Genossenschaftsbund“ mit Sitz in London gegründet wird. Es entsteht ein reger internationaler Erfahrungsaustausch, und Delegierte des „Zentralverbandes deutscher Konsumvereine“ nehmen regelmäßig an den internationalen Kongressen teil, so z.B. Max Radestock mit weiteren Genossenschaftern 1908 in Cremona/Italien, 1913 nimmt eine Abordnung von Delegierten des ZdK an Kongressen in Glasgow/KönigreichEngland teil.

 

Aus einer anfänglichen Idee mit nur einigen wenigen Genossenschaftern ist in einer relativ kurzen Zeit eine Bewegung entstanden, die nun weltweit agiert und eine Macht darstellt. Wen wundert es da, dass diese Organisation großen Zuspruch erfährt und ihr Wachstum um die Jahrhundertwende sprunghaft ansteigt?  Und es verwundert nicht, dass fortschrittliche Leute, wie Max Radestock und Max Heinrich Hirschnitz aus Langebrück, sich von dieser Organisationsform angezogen fühlten.

 

Gustav Hermann Max Radestock, geb. am 21. Februar 1854 in Dresden, entstammte einer typischen Arbeiterfamilie jener Zeit. Auf Grund seiner Herkunft bestand für ihn keine Möglichkeit, eine höhere Schulbildung zu erlangen. Nach dem Besuch der Volksschule 1860 - 1868 absolvierte er in Kötzschenbroda, bei seinem Pflegevater, die Lehrausbildung als Seifensieder. Anschließend begab er sich für die nächsten drei Jahre auf Gesellenwanderschaft durch Deutschland, was darauf schließen lässt, dass er anschließend seinen Meisterbrief erwerben wollte, denn die Wanderschaft war eine Voraussetzung dafür. Um das Jahr 1875 nach Dresden zurückgekehrt, wurde er jedoch Arbeiter in einer Steingutfabrik. Der Grund dafür war sicherlich auf seine mangelnden finanziellen Verhältnisse zurückzuführen, denn das Erlangen des Meisterbriefes war mit nicht unerheblichen Kosten verbunden. Mit seiner Zielstrebigkeit und Intelligenz arbeitete er sich in kurzer Zeit in der Steingutfabrik zum Magazinverwalter und Lageraufseher hoch. Mit den Ideen des Genossenschaftswesens scheint er sich frühzeitig auseinandergesetzt und angefreundet zu haben, denn 1882 gehört er zu den ersten Gründungsmitgliedern des „Consum-Vereins“, der sich in Pieschen gegründet hatte. Schon im Jahr 1885 wird er in den Vorstand des Consum-Vereins von Pieschen gewählt, 1889 begleitet er bereits das Amt des Geschäftsführers im Nebenamte, um ab 1892 diese Tätigkeit hauptamtlich auszuführen. Gleichzeitig gründete sich um diese Zeit am 4. Juni 1888 der „Konsumverein Vorwärts für Dresden und Umgebung e.G“.

 

Als der „Verband sächsischer Konsumvereine“, der zu dieser Zeit schon auf eine lange Tradition seiner Gründung im Jahre 1868 zurückblicken konnte, in Waldheim seinen jährlichen Verbandstag abhält, wird Max Radestock zum Verbandsdirektor gewählt. Er hatte schon aktiv seit vier Jahren im Vorstand dieses Verbandes gearbeitet. Als Verbandsdirektor wirkt Max Radestock im „Verband sächsischer Konsumvereine“ aktiv an der weiteren Entwicklung der konsumgenossenschaftlichen Idee mit. Er ist nachweislich einer der führenden Initiatoren der konsumgenossenschaftlichen Bewegung. Sofort nach den Unstimmigkeiten und den daraus folgendem Ausschluss seines „Verbandes sächsischer Konsumvereine“ auf dem „Allgemeinen Genossenschaftstag“ im Jahre 1902 in Kreuznach, setzt er sich vehement für die schon im Jahre 1903 in Dresden vollzogene Gründung des „Zentralverbandes deutscher Konsumvereine“ ein. Im Vorfeld dieser Gründung wird er 1902 in seiner Doppelfunktion als Geschäftsführer des Consum-Vereins Pieschen und Direktor des „Verbandes sächsischer Konsumvereine“ von der Gründungskommission des Zentralverbandes mit der Erarbeitung des Satzungsentwurfes des „Zentralverbandes deutscher Konsumvereine“, mit Sitz in Hamburg, beauftragt. Im Oktober 1902 wird dieser Entwurf von der Gründungskommission bestätigt. Max Radestock wird auf der Gründungsveranstaltung des „Zentralverbandes deutscher Konsumvereine“ (ZdK) 1903 in Dresden zum Vorstandsmitglied und ersten Vorsitzenden gewählt.

 

Als Vorsitzender des ZdK ist sein Wirkungsort Hamburg. Hier wird der legendäre Heinrich Kaufmann seine „rechte Hand“ als sein Sekretär und späterer Generalsekretär, der ebenfalls als Initiator und Gründer des Zentralverbandes angesehen wird und der seine Tätigkeiten nicht nur als Vorstandsmitglied des ZdK wahrnahm, sondern auch die „Verlagsanstalt des ZdK“ gründete und leitete, eine Druckerei eröffnete, die Pressearbeit ins Leben rief und für die Erarbeitung und Herausgabe der Jahrbücher des ZdK nebst den Presseberichten verantwortlich zeichnete, wie dem Frauen- Genossenschaftsblatt, dem Wochenbericht u.a.m.

 

Somit hatte sich der einstige Arbeiterjunge Max Radestock ab 1903 mit zu den ersten Männern in der Hierarchie des Zentralverbandes für die Konsumgenossenschaftsverbände in ganz Deutschland emporgearbeitet und vertrat mit seinem Gesamtvorstand die sogenannte Hamburger Linie, „die Rote Linie - den Roten Konsum“, da dieser gewerkschaftlich und sozialdemokratisch ausgerichtet war. Im Gegensatz dazu gab es noch die bürgerliche Formation des Genossenschaftswesens mit Schulze-Delitzsch und Raiffeisen an der Spitze bzw. den sogen. „schwarzen Konsum“, den Reichsverband deutscher Konsumvereine e.V. Köln, der eine christlich- gewerkschaftliche Tradition vertrat.

 

Seine Tätigkeit als Vorsitzender des Zentralverbandes in Hamburg war ehrenamtlich, sein Hauptwirkungsort blieb Dresden. Hier zeichnete er mit seiner Vorstandstätigkeit im „Verband der sächsischen Konsumvereine“ für das gesamte Königreich Sachsen verantwortlich und erreicht in der Zeit von 1902 - 1907 einen großen Anstieg der Entwicklung. So stieg die Zahl der Vereine von 115 auf 161, die Zahl der Mitglieder von 182.000 auf 235.000, der Jahres-Umsatz von 49 Millionen Mark auf 68 Millionen Mark, das bedeutete eine Spitzenposition innerhalb des Zentralverbandes. Radestocks „rechte Hand“ wurde in Dresden, neben seinem zweiten Vorsitzenden Wilhelm Barthel, der aus Langebrück stammende Kaufmann Max Heinrich Hirschnitz, der sich in der konsumgenossenschaftlichen Organisation von der anfänglichen Tätigkeit eines Revisors zum Sekretär emporarbeitete. Später wird er als Verbandssekretär für die Konsumgenossenschaften im gesamten Königreich Sachsen die Geschicke der Konsumgenossenschaftlichen Entwicklung maßgeblich mit beeinflussen und lenken. Er wird, neben dem Zweiten Vorsitzenden des Verbandes, der Stellvertreter für Max Radestock, der mit seinen Doppelfunktionen in Hamburg und Dresden über viele Jahre ein immenses Aufgabengebiet zu bewältigen hatte.

 

Max Radestock erkrankte an Magenkrebs und verstarb nach längerer Krankheit am 10. Januar 1913 in Langebrück, Güterbahnhofstr.7, als „Privatus“ im Alter von nur 58 Jahren. Seine Beisetzung erfolgte am 13. Januar 1913 in Dresden. Sein Andenken wurde vom „Zentralrat deutscher Konsumvereine“ mit einer Denkschrift geehrt, außerdem wurde ihm ein Gedenkstein gestiftet. Auch die Stadt Dresden ehrte ihn als Wegbereiter und Initiator einer großen Idee, nach dem Ersten Weltkrieg wurde eine Straße in Dresden-Pieschen nach ihm benannt. Die Radestockstraße wurde jedoch 1935 von den Nationalsozialisten in Dungerstraße umbenannt.

 

1913 wurde nach seinem Ableben das gemeinsame Büro in Langebrück, das er mit Max Heinrich Hirschnitz innehatte, nach Dresden verlegt.

 

Max Heinrich Hirschnitz, geb. am 25. Okt. 1866 in Dresden, kam im Gegensatz zu Max Radestock aus einer Familie, die die Möglichkeiten und Chancen der Industriealisierung in ihrer Vielfalt wahrgenommen und es zu Wohlstand gebracht hatte. Der Vater war Holzhändler, Wäschereibesitzer und Trockenplatzpächter in Dresden und zog mit seiner Familie 1884 von Dresden, wie viele wohlhabende Bürger, in das aufstrebende Langebrück. Im Zuge vieler Bauprojekte entstand ab 1883 in Langebrück auch das sogen. „Obere Villenviertel“ auf dem ehemaligen Besitz der über Jahrhunderte hier ansässigen und in Erbfolge als Oberförster wirkenden Familie Bruhm. Dieses Villenviertel wurde durch den Gutsbesitzer Moritz Claus, kraft seines Vermögens, erbaut. Hier, auf der nach dem Erbauer Moritz Claus benannten Moritzstrasse, erwirbt der Holzhändler Hirschnitz aus Dresden 1884 seine erste Villa in Langebrück.

 

Dieser Ort, mit seiner ab 1845 erfolgten Anbindung an das Eisenbahnnetz Dresden-Görlitz, erlebte ab diesem Zeitpunkt eine ungeahnte Entwicklung. Schon seit den Zeiten der Sächsischen Kurfürsten war das idyllische Dorf Langebrück, vor den Toren Dresdens und inmitten der Dresdener Heide gelegen, ein beliebtes Jagd- und Vergnügungsgebiet für den Dresdner Hof gewesen. Nun, mit der Inbetriebnahme der Eisenbahnlinie, wird der Ort auch für breite Gesellschaftsschichten aus Dresden erreichbar. Die wunderschöne Lage wird entdeckt, und es beginnt ein Bauboom, der auf magische Weise wohlhabende Bürger, reiche Fabrikbesitzer, Intellektuelle und Geschäftsleute anzieht. Aber auch Künstler, Komponisten und Ärzte entdeckten diesen Ruhepol am Rande der Dresdener Heide. Es entstehen zahlreiche Villen-Viertel, Pensionen, Gaststätten und ein Kurbad. Langebrück entwickelt sich nach rund 600 Jahren seiner ersten urkundlichen Erwähnung, in der Zeit der Industriealisierung, von einem kleinen Heidedorf zu einem renommierten Wohnort.

 

Max Heinrich Hirschnitz fungiert nach seiner Schulausbildung und beruflichen Fortbildung zuerst als Mitarbeiter im Königlichen Statistischen Büro in Dresden. Hier erfährt er das, was er Jahre später auf einem Genossenschaftstag des „Zentralverbandes deutscher Konsumvereine“ als Redner darlegt: „Die Statistik birgt eine Menge interessanter Daten, die aber erst dadurch, dass sie in richtiger Weise besprochen werden, an Bedeutung gewinnen“. Diese Arbeit eines Statistikers wird zum Rüstzeug für die Erledigung seiner späteren erfolgreichen Aufgaben in dem Konsumverband: die erforderliche Genauigkeit, das Erkennen von Zusammenhängen und die Fähigkeit, richtige Schlussfolgerungen aus erarbeitetem Zahlenmaterial für die Führung eines Unternehmens ziehen zu können. Er soll mathematisch sehr begabt gewesen sein, denn es ist überliefert, dass er ein außerordentliches und ungewöhnliches Rechentalent besaß und ganze komplizierte Zahlenreihen und Rechenprozesse als Kopfrechner bewältigte – eben ein Mann der Zahlen und der Logik.

 

Zu welchem konkreten Zeitpunkt er als Konsumgenossenschafter dem Konsumverein beitrat, ist nicht bekannt. Zwischenzeitlich wird er noch Strohhutfabrikant und Kaufmann in Dresden. Erstmalige Erwähnung findet er in dem ersten Jahrbuch nach Gründung des ZdK 1903 als Revisor, der seine Revisionen im Konsumverband und die daraus zu ziehenden Schlussfolgerungen in einem Rechenschaftsbericht darlegt. Es ist jedoch davon auszugehen, dass er in dieser Funktion schon mehrere Jahre unter der Leitung Max Radestocks wirkte. 1904 wird er als Verbandsrevisor in den Vorstand des „Verbandes sächsischer Konsumvereine“ gewählt. 1907 erfolgt auf den Genossenschaftstagen des ZdK der Beschluss, auf Grund der Erstarkung der Verbandsgenossenschaften in Sachsen und der damit immens gestiegenen Aufgaben den Vorstandsbereich zu erweitern. Es kommt zu der Errichtung eines Sekretariats und der Anstellung eines ständigen Revisors und Sekretärs. Max Heinrich Hirschnitz wird somit Verbandssekretär im Verband sächsischer Konsumgenossenschaften im Königreich Sachsen. Damit ist er Verbandsbeamter. An Stelle der bisherigen ehrenamtlichen Tätigkeit des Verbandsvorstandes trat nun, mit der Schaffung eines besonderen Sekretariats, die berufsmäßige Tätigkeit des Sekretärs, der dem Verbandsvorstand gegenüber verantwortlich war. Er war jetzt der „Stratege, Macher und Initiator“ im Hintergrund.

 

"Buchführung für Consumvereine" war das 1910 veröffentlichte Regelwerk für die deutschlandweit einheitliche Buchführung, entscheidende Mitarbeit: Max Hirschnitz
"Buchführung für Consumvereine" war das 1910 veröffentlichte Regelwerk für die deutschlandweit einheitliche Buchführung, entscheidende Mitarbeit: Max Hirschnitz

 

Im Jahre 1910 ist er Mitautor der überarbeiteten Fassung des Buches „Buchführung für Konsumvereine“, dessen Erarbeitung ihm als Verbandssekretär im Auftrag des ZdK Hamburg „anvertraut“ worden war. Dieses Buch war verbindlicher Leitfaden und Richtlinie für alle Konsumvereine im gesamten Kaiserreich Deutschland. In der Einleitung des Buches wird er von dem Zentralsekretär des ZdK, Heinrich Kaufmann, als „tüchtiger genossenschaftlicher Praktiker“ gewürdigt. Denn er hatte wegweisend völlig Neues in dem Buch ausgearbeitet: Wege und Möglichkeiten für die Genossenschafter, Geldanlagen in Form von Spareinlagen zu tätigen. Grundlage dafür waren die neuen Regelungen der 1910 ins Leben gerufenen „Konsum-, Bau-und Sparvereine“. Damit hatten die Konsum-Mitglieder die Möglichkeit, zinsgünstig ihre Ersparnisse anzulegen. Durch die Verwaltung dieser Spareinlagen verschafften sich die Konsumverbände mit ihren Vereinen wiederum günstigere Finanzierungsmöglichkeiten, da sie dieses Finanzkapital für ihre Einkäufe und Produktionsvorhaben einsetzen konnten. Ein einzigartiger gelungener Schachzug, denn nun brauchte man für jegliche Vorhaben und Planungen, wie z. B. Grundstückskäufe oder die Errichtung eigener Herstellungsbetriebe, nicht mehr so hohe und teure Kreditverpflichtungen mit hohen Zinssätzen bei den Banken eingehen. Vorteile, die auch den Mitgliedern wieder durch die günstigen Preisgestaltungen der Waren zugutekamen. Eigene Bankabteilungen wurden eingerichtet, die dann die Vorläufer der späteren „Bank für Gemeinwirtschaft“ waren. Im Jahr 1913 kommt es als weitere Neuheit zur Errichtung und Einführung eines Pensionsfonds.

 

Beispiele für die analytische und betriebswirtschaftliche Arbeit von Max Hirschnitz
Beispiele für die analytische und betriebswirtschaftliche Arbeit von Max Hirschnitz

 

Ab 1910 begannen die Konsum-Verbände bzw. der Zentralverband mit dem Aufbau erster eigener Produktionsbetriebe. In den Ausführungen des Zentralverbandes von 1928 wurden folgende konsumeigene Betriebsgründungen aufgezeigt: z.B. die Mühle Magdeburg, Teigwarenfabrik Riesa, Fleischwarenfabriken Altona, Elmshorn und Oldenburg, Fischwarenfabrik Altona, Schokoladen- und Kakaofabrik Hamburg, Malzkaffee-Fabrik Chemnitz, Konservenfabrik Stendal, Landgut Osterholz, Nährmittelfabrik Magdeburg, Mostrichfabrik Chemnitz, Tabakfabriken (9 Standorte), Seifenfabriken Riesa u. Düsseldorf, Chemisch-techn. Fabrik Riesa, Zündholzfabriken Riesa und Lauenburg, Bürstenfabrik Stützengrün, Holzindustrie Dortmund, Sägewerk und Kistenfabrik Riesa, Webereien Oppach und Leupoldsgrün, Konfektionswerkstätten Oppach und Chemnitz, Kleiderfabrik Seifhennersdorf. Weiterhin gab es noch Beteiligungen des Konsums an Produktionsbetrieben, so z.B. an dem Sächsischem Bekleidungswerk Dresden und dem Betrieb Hoyer & Lavo in Wangen.

 

In der Folgezeit kommt es zu einer stetigen Vergrößerung der konsumgenossenschaftlichen Einrichtungen und einem immensen Umsatzaufschwung in Sachsen, so kann allein der Verband im Königreich Sachsen im Jahre 1914 auf 328.000 Mitglieder und einen Umsatz von 113 Mio. M als stolzes Ergebnis verweisen.

 

Max Heinrich Hirschnitz ist in dieser Zeit maßgeblich an der positiven Entwicklung beteiligt. Zu seinen umfangreichen Aufgaben der Sekretariats-Arbeiten des „Verbandes sächsischer Konsumvereine“, als „Stellvertreter und Macher“ des jeweiligen Verbandsvorsitzenden, bis 1912 Max Radestock, ab 1913 Wilhelm Barthel aus Löbtau, gehören auch die Durchführungen von Revisionen und ihre Aufarbeitungen in den sächsischen Konsumvereinen, Sonderberatungen, Revisionen der Produktionsbetriebe und konsumgenossenschaftlichen Sparkassen, Berichterstattungen, Rechenschaftsberichte, Erstellung von Statistiken und neuer Zielvorgaben, Rechnungsabschlüsse und Abrechnungen für den Zentralverband u.v.a. mehr. Sein umfangreiches Arbeitspensum kann man beim Lesen der Berichte nur erahnen, wenn allein nur von 116 durchgeführten Revisionen in einem Jahr in Konsumvereinen des Königreiches Sachsen die Rede ist – nur ein kleiner Teil seiner Aufgaben. Der Familienvater von zwölf Kindern war ständig unterwegs.

 

1917 wird Max Heinrich Hirschnitz in den „Generalrat des Zentralverbandes Deutscher Konsumvereine“, mit Sitz in Hamburg, gewählt. Im Jahr 1918 wird ihm die Ehre zuteil, eine umfangreiche Jubiläumsschrift anlässlich des erfolgreichen 50-jährigen Bestehens des „Verbandes sächsischer Konsumvereine“ zu erarbeiten, die auf den Genossenschaftstagen des Zentralverbandes große Beachtung erfuhr.

 

Aber schließlich fordert auch sein aufreibendes und ruheloses Arbeitsleben seinen Tribut, denn 1924 bittet er aus gesundheitlichen Gründen um die Entbindung von den Aufgaben des Verbandssekretärs. Ab 1925 ist er wieder als Verbandsrevisor tätig. Als solcher tritt er noch auf den Genossenschaftstagen des „Zentralverbandes deutscher Konsumvereine“ 1928 in Chemnitz in Erscheinung, wo er lt. der Jahrbücher des Zentralverbandes anlässlich des 60. Jahrestages des Verbandes als „Ehrengast“ begrüßt wurde.

 

Am 26. Februar 1947 verstirbt er im Alter von 81 Jahren in seinem Haus in Langebrück auf dem Siedlerweg 4.

 

Der Zentralverband deutscher Konsumvereine kann in seinem Rechenschaftsbericht im Jahr 1928 auf eine grandiose Entwicklung zurückblicken. Seit seiner Gründung 1903 hat er sich mit den eingeschlagenen langfristigen Strategien der Gründung der „Großeinkaufsgesellschaft Deutscher Consumvereine m.b.H“, dem Aufbau eines eigenen Bank- und Sparkassenwesens, der Errichtung eigener Produktionsbetriebe u.v.a. mehr zum bedeutendsten Handelsunternehmen entwickelt. Als die „Großeinkaufs-Gesellschaft Deutscher Consumvereine“ 1928 ihre Bilanzen offenlegt, kann sie auf einen Jahresumsatz von über 444 Millionen Reichsmark verweisen, einen Tagesumsatz von rund 1,5 Millionen Reichsmark, davon entfallen auf die Eigenproduktion über 104 Millionen Reichsmark.

 

Diese Zahlen verdeutlichen – die Konsumgenossenschaften schreiben Erfolgsgeschichte! Sie haben alle Irrungen und Wirrungen, Anfeindungen, Fehlschläge, Politische Veränderungen im Weltgefüge, Kriegszeiten, Inflation, Valuta-Katastrophen und auch Weltwirtschaftskrisen überstanden, indem sie „an dem großen Gedanken der gesellschaftlichen Bedarfsregelung und der Gütererzeugung“ festhielten. Grundvoraussetzung dafür war es immer wieder, beweglich zu sein und sich schnell auf verändernde wirtschaftliche Verhältnisse einzustellen und zu reagieren. Aus einer Idee hat sich ein beeindruckendes Wirtschaftsimperium entwickelt.

 

Orte, in denen die gesamtdeutschen Genossenschaftstage von 1903 - 1925 stattgefunden haben
Orte, in denen die gesamtdeutschen Genossenschaftstage von 1903 - 1925 stattgefunden haben

 

Max Heinrich Hirschnitz ist, ebenso wie Max Radestock, Teil dieser Geschichtsepoche geworden, in der maßgeblich die Erfolgsgeschichte der konsumgenossenschaftlichen Bewegung geschrieben wurde. Nach der Gründung des „Zentralverbandes deutscher Konsumvereine“ 1903 in Dresden wurden jährlich Genossenschaftstage mit Delegierten aus den einzelnen Ländern des Deutschen Kaiserreiches durchgeführt. Das geschah unter Einbeziehung ausländischer Gäste und Beobachter, die die konsumgenossenschaftliche Entwicklung im Deutschen Reich als beispielgebend verfolgten. Aber auch hohe Regierungsbeamte und Vertreter von Behörden des Deutschen Kaiserreiches nahmen ständig an diesen Tagungen teil. Tagungsorte waren dabei außer Dresden u.a. Hamburg, Stuttgart, Stettin, Düsseldorf, Eisenach, Mainz, München, Leipzig, Berlin, Bremen, Hannover, Frankfurt a.M., Nürnberg, Köln, Baden-Baden, Eisenach, Görlitz u.a.m.

 

Jährlich erschienen nach den Genossenschaftstagen mindestens zwei Jahrbücher, die von der eigenen Verlagsanstalt des Zentralverbandes deutscher Konsumgenossenschaften Hamburg herausgegeben wurden und die für die Konsumgenossenschaften der Hamburger Linie im gesamten Deutschen Kaiserreich die weitere Arbeitsgrundlage darstellten. Sie beinhalteten u.a. die Wiedergabe der Rechenschaftsberichte auf den Genossenschafts- und Verbandstagen, die Berichterstattungen über das abgelaufene Geschäftsjahr, die Auswertung der Ergebnisse und Schlussfolgerungen von Revisionen, die Untersuchung der Mitgliederentwicklung und des Umsatzgeschehens bis hin zur Einführung von Neuheiten, Festlegungen weiterer Strategien sowie der Erörterung gewerkschaftlicher und politischer Fragen und Aufgaben.

 

Die in diesen Ausführungen und Berichten der Jahresbücher des Zentralverbandes deutscher Konsumgenossenschaften (ZdK) immer mit an erster Stelle agierenden Persönlichkeiten, die man durchaus mit zu den „Pionieren und Machern“ dieser Massenorganisation zählen kann und muss, waren die Langebrücker Bürger Max Radestock und Max Heinrich Hirschnitz. Beide waren maßgeblich an der Verwirklichung der Ideen ihrer geistigen Vorväter aus den Anfängen der Konsumgenossenschaftlichen Bewegung beteiligt, die auf die „Pioniere von Rochedale“ in England, auf die 1850 in Eilenburg gegründete „Lebensmittel-Association“ und die 1852 in Hamburg gegründete „Gesellschaft zur Verteilung von Lebensbedürfnissen“ zurückging. Die Visionen von Max Radestock und von Max Heinrich Hirschnitz, wie die vieler ihrer Mitstreiter, waren Ende des 19. / Anfang des 20. Jahrhunderts von der Zielstellung des Aufbaues eines modernen Genossenschaftswesens getragen. Sie wollten nicht nur die Lebenshaltung ihrer Mitglieder durch eine günstigere Warenversorgung verbessern, sondern sie strebten in ihren Funktionen, in Gemeinschaft mit dem „Zentralverband deutscher Konsumvereine“ in Hamburg, auch die Schaffung einer Eigenproduktion an, um damit noch unabhängiger von Zulieferern und deren Diktat der Preisgestaltung zu werden, Arbeitsplätze zu schaffen und in ihrem Wirkungsbereich Garantien für Tariflöhne einzulösen. Beide Persönlichkeiten gehören mit zu den Wegbereitern für ein bis heute noch funktionierendes Handelssystem, das sich bis in die jetzige Zeit die liberalen Ideen und Grundgedanken aus den Anfängen der Zeit der Industriealisierung bewahrt hat: das Prinzip der Selbsthilfe, Selbstverwaltung und Selbstverantwortung.

 

Diese Genossenschaftstage des „Zentralverbandes deutscher Konsumvereine“ waren in ihrer Wertigkeit national und auch international sehr hoch angebunden, da die Arbeitsweise und der Erfolg der konsumgenossenschaftlichen Entwicklung in Deutschland als Vorbild und Wegweiser diente, aber von den internationalen Delegierten auch als Leitlinie für den Aufbau von eigenen Genossenschaften angesehen wurde. In den Jahrbüchern dokumentieren die Gästelisten anschaulich, in welch hohem Ansehen diese Entwicklung in Deutschland stand. Jährliche Gäste waren u.a. Delegierte aus England, Ungarn, Österreich, der Schweiz, Frankreich, Belgien, Dänemark, Schweden, Finnland, Italien und den Niederlanden, später auch Vertreter aus Russland.

 

Ebenso findet man, z.B. 1925 auf den Genossenschaftstagen des Zentralverbandes, als Gäste zum Erfahrungsaustausch sogar Vertreter des Internationalen Genossenschaftsverbandes London und des Internationalen Arbeitsamtes Genf. Einen besonderen Stellenwert des Interesses und mit die Spitzenposition nahm dabei, auf Grund des stetigen Erfolges, der „Verband sächsischer Konsumvereine“, aber auch der in ihn integrierte Konsumverein Vorwärts Dresden ein. Der Konsumverein Vorwärts Dresden hatte es verstanden, durch Verschmelzungen mit Nachbargenossenschaften den eigenen Status zu erhöhen. So wurden in den Jahren 1899 - 1923 die Konsumvereine Radeberg, Sebnitz, Pirna, Potschappel, Striesen, Löbtau, Niedersedlitz, Schmiedeberg, Neustadt und Königstein integriert und führten damit zur Stärkung des Konsumverein Vorwärts Dresden.

 

Die Erfolgsgeschichte der konsumgenossenschaftlichen Entwicklung wird ab 1933 mit der Machtergreifung des Nationalsozialistischen Regimes unterbrochen. Ab dieser Zeit kommt es zur Diskriminierung sowie zur bewussten Schwächung des Genossenschaftsgedankens und der Konsumgenossenschaften, zur Verfolgung leitender Persönlichkeiten dieser Organisation, schließlich 1935 zur Enteignung per Reichsgesetz und Verbot der Annahme von Spareinlagen, 1941 zur Entmachtung und zum Verbot der Konsumgenossenschaften.

 

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in der Sowjetischen Besatzungszone die rechtlichen Grundlagen für die Neugründung der Konsumgenossenschaften mit dem Befehl Nr.176 der Sowjetischen Militäradministration vom 18. Dezember 1945 wiederhergestellt. Im Dresdner Gebiet bilden sich die Konsumgenossenschaften Dresden Stadt mit Verwaltungssitz auf der Fröbelstraße in Dresden, und Kreis Dresden-Land mit dem Verwaltungssitz in Dresden-Klotzsche / Langebrücker Flur, heraus. Das spätere Leitorgan wird der Konsum-Bezirksverband mit Sitz auf dem konsumeigenen Grundbesitz auf der Rosenstraße in Dresden, denn das 1935 enteignete Eigentum wurde den Genossenschaften, soweit noch vorhanden, vorerst wieder übertragen.

 

Beide Dresdner Konsumgenossenschaften fusionierten nach der sog. Wende 1990. Eine neue Zeit erforderte ein neues Konzept, ein marktwirtschaftlich ausgerichtetes, das ab dieser Zeit mit einer rapiden Verringerung der Versorgungseinheiten und des Personals einherging. Das einstige Großunternehmen Konsum Dresden Stadt und Kreis Dresden Land wurde damit „geschrumpft“. Diese neue Struktur nannte sich ab 1991 „Konsum Dresden e.G.“.

 

Bei aller berechtigten Freude, 2013 auf ein Jubiläum von 125 Jahren seit Gründung des „Konsumvereins Vorwärts Dresden“ zurückblicken zu können und dieses Jubiläum zu begehen, sollte man nicht vergessen, dankbar an diejenigen Genossenschafter zu denken und zu erinnern, die mit dazu beigetragen haben, erfolgreich den konsumgenossenschaftlichen Gedanken durch alle Stürme der Zeit zu tragen – von den Anfängen bis zur Gegenwart. Egal, ob es sich um Genossenschafter der ersten Stunden, wie einen Max Radestock und Max Heinrich Hirschnitz aus Langebrück handelt, die für viele andere stehen, oder um die Vorstandsvorsitzenden der Dresdner Konsumgenossenschaften Stadt und Land, die nach 1945 bis 1989 zum Teil unter schwierigsten Bedingungen ihre Versorgungsleistungen organisieren mussten und die ständig gegenüber der staatlichen Handelsorganisation (HO) in den Zuteilungen und Belieferungen benachteiligt wurden. Auch sie sollten zu solch einem Anlass gewürdigt werden, denn ohne ihren zum Teil auch selbstlosen Einsatz und Mut, sich auch gelegentlich dem „Parteipardon“ dieser Zeit zu widersetzen und eigene Wege zur Absicherung des konsumgenossenschaftlichen Versorgungsauftrages zu gehen, gäbe es heute keinen Konsum Dresden e.G. und kein 125- jähriges Jubiläum mehr.

 

Persönlichkeiten wie z.B. Manfred Müller, Leonore Glaß, Eberhard Kretzschmar, Detlef Weißbach, Helmut Meyer und Günter Schmiechen standen als Vorstandsvorsitzende bis 1989 für die Konsumgenossenschaft Dresden Stadt in vorderster Front, um die Versorgung der Bevölkerung abzusichern. Für den Konsum Kreis Dresden Land setzten sich ebenso ambitioniert Vorstandsvorsitzende wie Heinz Braun, Willy Porstein, Helmut Meyer und Rainer Kahlert ein. Sie alle standen als tüchtige Genossenschafter und Vorstandsvorsitzende für das Wirtschaften und Durchhalten, für geschicktes Manövrieren bei ständigen Engpässen und Widrigkeiten, aber auch gleichzeitiger Wahrnehmung der Verantwortung für das Erzielen von Gewinnen und der weiteren Stabilisierung der Konsumgenossenschaften für ihre Mitglieder. Und das in einer Zeit, in der die staatliche Obrigkeit wiederum die Initiativen des Genossenschaftswesens mit seinem privaten und sozialen Grundcharakter argwöhnisch beobachtete und kontrollierte.

 

Einseitige Sichtweisen und Lobeshymnen zu solch einem Jubiläum wie 125 Jahre Konsum Dresden e.G. sind falsch am Platz, denn alle diese Vorkämpfer hinterließen ihren Nachfolgern ab 1989 ein Erbe, mit dem sich gut wirtschaften ließ und ein erfolgversprechender Neubeginn möglich wurde. Voraussetzungen, die, verbunden mit einem neuen Konzept, zum Erfolg führten - eben 125 Jahre Konsum Dresden e.G.

 

 

Renate Schönfuß

 

August 2013

 

Quellen:

Protokolle der Verbandstage Sächsischer Konsumvereine ab 1904-1933

60 Jahrbücher des „Zentralverbandes deutscher Konsumvereine“ von 1904-1933
im Bestand der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB Dresden)

Statistische Übersichten über die Geschäftsergebnisse der an den „Zentralverband deutscher Konsumvereine“ (ZdK) angeschlossenen Konsumvereine, geordnet nach Revisionsverbänden von 1904

Protokoll der Tarifverhandlungen Februar und März 1914 zwischen dem „Zentralverband deutscher Konsumvereine“ und dem Verband der Bäcker und Konditoren sowie dem deutschen Transportarbeiterverband

„Verband sächsischer Konsumvereine“ - Bericht über die Entwicklung im Jahre 1910 und die Verhandlungen des Verbandstages 1911

Biografien der Mitglieder des Vorstandes und Ausschusses des „Zentralverbandes deutscher Konsumvereine“ 1928/1

Max Hirschnitz:  Festrede anlässlich des 50-jährigen Bestehens des „Verbandes sächsischer Konsumvereine“ von 1918

Ev.-Luther. Gemeinde Langebrück, Einträge Sterberegister

Einwohnerregistratur Langebrück / Archiv Chronisten

Schönfuß, Renate:  Private Familienforschung Hirschnitz