Lotzdorfer Impressionen

Neue Artikel-Serie zur Geschichte von Lotzdorf

© Renate Schönfuß-Krause

Morgenstimmungen an der Großen Röder in Lotzdorf, oberhalb des

Mühlenwehres (an der Langen Aue, der "Langa"). Mit Dank an den Fotografen

© Bernd Lichtenberger für die Genehmigung  zur Aufnahme in diese Website.

Die Anwesenheit von Bibern beweist die sehr gute Wasserqualität der Röder.


Alle meine Einzel-Arbeiten zur Lotzdorfer Geschichte sind in der Rubrik

Lotzdorfer Impressionen 

zu finden.

 

Seit dem Jahr 2015 arbeite ich an einer Serie zur Geschichte von Lotzdorf, einer bis 1920 selbständigen Gemeinde in einem Seitental der Großen Röder. 1920 wurde Lotzdorf nach Radeberg eingemeindet. Die Recherchen offenbarten unvermutet eine hochinteressante Dorfgeschichte, eine Entwicklung, die schon im Mittelalter durch die vielen Machtwechsel und Zugehörigkeiten zu stetig wechselnden Herrscherhäusern, ob nun zu den Markgrafen von Meißen bis hin, ab 1410, zur Zugehörigkeit, gemeinsam mit der Stadt Radeberg, unter die Hoheit von Friedrich dem Friedfertigen, dem Landgrafen von Thüringen. 1524 und 1532 werden „einige Lehnleute zu Radeberg und Lotzdorf als zu Pulsnitz gehörig“ erwähnt. Dörfer und Städte wurden vererbt, vertauscht, geteilt unter Erben - Geschichte kann sehr spannend sein! 

Das Interessante an Lotzdorf ist, das dieses ehemalige kleine Hufendorf, einstmals eine halbe Stunde Weges nördlich von Radeberg entfernt liegend, schon von jeher auf das Engste mit der Stadtentwicklung Radebergs verbunden war. Lotzdorf war ein unmittelbares Amtsdorf im Churfürstentum bzw. späteren Königreich Sachsen, im Meißner Kreise, und dem Amt Radeberg unterstellt. Es besaß 1 Mühle mit 2 Gängen an der Röder. Die Einwohner Lotzdorfs waren in der Kirche zu Radeberg eingepfarrt, hatten eine eigene Gerichtsbarkeit, später auch ein eigenes Gemeindeamt mit Polizeigewalt und ab 1876 ein eigenes Standesamt. In der Dorfmitte befand sich ein Freigut, das seiner Herkunft nach als ein Richtergut zu vermuten ist. Bereits seit 1682 besaß Lotzdorf eine Schulanstalt, in die auch die Kinder des Nachbardorfes Liegau eingeschult waren. Im Zeitalter der Industriealisierung entwickelte sich das Dorf, einst vor allem von Ackerbauern bewohnt, zunehmend zu einer Wohnstätte für Arbeiter- und Handwerkerfamilien. Durch die Entwicklung Radebergs zur Industriestadt im 19. Jahrhundert und der damit erforderlichen Ausbreitung in nördliche Richtung durch Wohnbebauung, kam es zu einer nahtlosen Verbindung beider Orte, die schließlich zur Vereinigung der Dorfgemeinde mit der Stadtgemeinde Radeberg am 1. Januar 1920 führte (Inkorporation). 

Gleichzeitig war Lotzdorf aber auch mit der Entwicklung des Dorfes Liegau eng verbunden. Nachdem der Radeberger Bürgermeister Christoph Seidel 1717 im Tannengrund bei dem Dorfe Liegau, aber auf dem Gebiet des Amtes Radeberg, die heilsamen Mineral- und Eisenquellen entdeckt hatte und 1719 seinen Plan verwirklichte, ein „Gesundbad“ zu errichten, strömten in der Folge Badegäste, auch auf Quartiersuche, nach Liegau, Lotzdorf und Radeberg. Die gesamte Region, am Röderfluss gelegen, bis hin zum Seifersdorfer Tal und Schloss Hermsdorf, erlebte einen ungeahnten Aufschwung und wurde bekannt. Das Bad, welches in den Folgejahren als das „Radeberger Bad“ bzw. „Augustusbrunnen“ und „Augustusbad“ berühmt wurde, konnte mit seinen hochnoblen Kuranlagen auf viele berühmte, hochdotierte Besucher verweisen und belieferte auch regelmäßig mit seinem berühmten Heilwasser den Dresdner Hof, schon unter der Regentschaft des Sächsischen Kurfürsten und Königs von Polen, August dem Starken. Der Freiheitsdichter Theodor Körner (1791-1813) besuchte mit Studienfreunden aus Leipzig das Radeberger Bad und beschreibt in seinen Briefen die Schönheit der ländlichen Umgebung des Rödertales, der Stadt Radeberg, des Ausblickes vom Silberberg, seiner Wanderung zum Keulenberg. Auch der Porträt- und Historienmaler Gerhard von Kügelgen (1772-1820) war über viele Jahre über die Sommermonate mit seiner Familie als Kurgast im Radeberger Bad zu finden. Er zog jedoch dem dünkelhaften Kurbetrieb der vielen Adligen und Hofbediensteten Dresdens einen Wohnaufenthalt in dem stillen, ländlichen Lotzdorf vor, was sein Sohn Wilhelm von Kügelgen (1802-1867) in seinen „Lebenserinnerungen eines alten Mannes“ anschaulich festhielt. Diese Prominenten ihrer Zeit zogen während ihrer mehrmonatigen Kuren auch ihre Freunde und Malerkollegen in das Rödertal. Große Namen sind dafür verbürgt: Caspar David Friedrich (1774-1840) als bedeutendster Maler der deutschen Frühromantik, der Universalgelehrte und Maler Carl Gustav Carus (1789-1869), der in Wachau geborene Professor der Kunst-Akademie Dresden, Zeichner und Kupferstecher Carl August Richter (1770-1848) und sein Sohn, der Maler der Spätromantik, Professor Adrian Ludwig Richter (1803-1884) u.v.a.m. Sie alle hielten in den kompositorischen Umsetzungen ihrer Bilder die Studien der Region unserer Heimatgefilde fest. Verdeutlicht wird das anschaulich in vielen romantischen Darstellungen. So zog der Reiz der Landschaft des Röderflusses um Lotzdorf, Liegau und das Seifersdorfer Tal herum, immer wieder die Künstler der Dresdner Akademie an und inspirierte sie in ihrem künstlerischen Schaffen. Der Kupferstich „Badescene im Raederflus“ von 1790, gezeichnet vom Prof. der Akademie Johann Christian Klengel (1751-1824) und in Kupfer gestochen von Prof. Gottlieb Wilhelm Hüllmann, beweisen das anschaulich.

Selbstverständlich verbindet mich selbst auch eine persönliche Beziehung mit Lotzdorf - meine Eltern waren beide Lotzdorfer Herkunft. Mein Vater fühlte sich zu seinen Lebzeiten immer sehr stolz als „ Einer von der Friedrichsstraße abstammender“ Ur- Radeberger Einwohner, dem gegenüber meine Mutter scherzhaft mit ihrer Herkunft von der Karlstrasse geneckt wurde, als „Eine aus dem Dorf Lotzdorf abstammende“. Beide Straßen gehen unmittelbar ineinander über und bisher wurde zumeist überliefert, dass die Gemarkungsgrenze Lotzdorfs ab der Karlstraße begann. Erst bei meinen Recherchen für den Artikel „Lotzdorfs ‚Scharfer Zacken‘ am Sandberg und Napoleon Bonaparte“ stellte sich die mehr als ungewöhnliche Konstellation der Lotzdorfer Flur heraus, die bisher ziemlich unbekannt war. Auf der Grundlage Lotzdorfer Eigentumsverhältnisse des Gutsbesitzers Großmann schob sich sein Landbesitz wie ein scharfer Zacken in die Radeberger Flur hinein, bis zu der vormals noch vorhandenen Erhöhung des Sandberges, die erst um 1900 abgetragen wurde. Der „Scharfe Zacken“ war somit eindeutig Lotzdorfer Gebiet und damit ist erwiesen, dass die rechte Seite der Friedrichstraße und die linke Seite der Badstraße zur Lotzdorfer Flur gehörte. Mein Vater war also auch „ein Lotzdorfer Kind“ - ein Kuriosum, was er nun nicht mehr erfahren kann.

 

Viele Themen meiner Beiträge beruhen auf Überlieferungen aus Erzählungen meiner Mutter Hertha Krause, geb. Grützner (1912-2007) über Dorfereignisse von Lotzdorf, denn sie verlebte Kindheit und Jugend auf einem Bauernhof. Aber auch Notizen meines Vaters Johannes Krause (1912-2003), Berichte und Artikel meines Bruders Günter Krause (1934-2009), der sich als Mitglied der „Arbeitsgruppe Ur- und Frühgeschichte Radeberg und Umgebung“ für die sächsische Bodendenkmalpflege eingesetzt hatte und der an zahlreichen Ausgrabungen und Bergungen (Hortfund Lotzdorf) maßgeblich beteiligt war, fließen in diese Artikel ein. Ein Fundus zu Lotzdorf ist aber auch immer wieder das Stadtarchiv Radeberg und in zunehmendem Maße erreichen mich, seit der Veröffentlichung der Serie in der Heimatzeitung „die Radeberger“, Themenvorschläge von interessierten ehemaligen Lotzdorfer Einwohnern.

 

Alle meine Einzel-Arbeiten zur Lotzdorfer Geschichte sind in der Rubrik

Lotzdorf Impressionen 

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ACHTUNG: Alle Einzel-Artikel dieser Serie einschl. der Abbildungen und Faksimiles unterliegen dem Urheberrecht. Kopien –auch auszugsweise- und gewerbliche Weiterverwendungen sind nur mit schriftlicher Genehmigung des Verfassers gestattet.
©Renate Schönfuß-Krause