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         Veröffentlicht in "die Radeberger"   ab Nr. 23 v. 9.6.2017 Nr. 24 v. 16.6.2017

und Nr. 25 v. 23.6.2017

 

Aufgrund des großen Interesses an diesem Thema ist in Nr. 28 vom 14.7.2017 ein Nachtrag mit den grafischen Darstellungen der Lage des Kirchsteiges und der alten Friedhöfe im Radeberger Stadtbild erschienen. Diese Grafiken sind in der folgenden Artikel-Seite enthalten.


Der Lotzdorfer Kirchsteig - Kirchgang zwischen Seelenheil, Pflicht und Geschäft

Wem sind in ländlichen Regionen nicht schon einmal die Straßen aufgefallen, die den Wandernden oder Fahrenden in schnurgerader Richtung auf eine in der Ferne stehende Kirche zu führen? Immer wieder ein beeindruckendes Bild. Die Bedeutung dieser Straßen- und Wegeverläufe ist in den Erinnerungen der Menschen heute bereits verblasst, kaum einer denkt mehr über die Entstehungsgeschichte nach, warum die Straßen zumeist bewusst, auf kürzestem Weg, zu einer Kirche führten und früher für die Bewohner eine große kulturelle, wirtschaftliche und sozialgeschichtliche Komponente besaßen. Unser heutiges, zumeist befestigtes Straßennetz beruht noch zu einem Großteil auf den oft lokalen, seit Jahrhunderten bestehenden Wegeverbindungen, die durchaus als historisches Erbe unserer Vorfahren anzusehen und zu erleben sind. Sie wurden in langen Epochen hervorgebracht.

Der Lotzdorfer Kirchsteig (grün) in der Original-Karte von 1820 mit der Anbindung zum Schönborner Leichenweg.  Basiskarte: Meilenblatt dd_hstad-mf_0001674
Der Lotzdorfer Kirchsteig (grün) in der Original-Karte von 1820 mit der Anbindung zum Schönborner Leichenweg. Basiskarte: Meilenblatt dd_hstad-mf_0001674

Dazu gehören auch die ehemaligen Kirchsteige. Viele dieser Wege sind in der Zwischenzeit aus der Topographie der Landschaft verschwunden, so wie auch der größte Teil nicht mehr auf neueren Landkarten verzeichnet ist. Diese Wege spielten, besonders im Leben der Landbevölkerung, eine wichtige Rolle, wenn die Dörfer fernab der Kirchen lagen, in denen sie eingepfarrt waren. So auch für die Einwohner der Dörfer Lotzdorf und Liegau, die in vergangenen Zeiten schon immer auf ihrem „Lotzdorfer Kirchsteig“ zum Gottesdienst in die Radeberger Kirche pilgern mussten.

Die Fragen stellen sich bei näherer Recherche: Seit wann gibt es Kirchsteige, wie entstanden sie eigentlich, und was wissen wir über sie? Denn Kirchsteige besitzen eine lange Entstehungsgeschichte und Tradition, die historisch gesehen weit in die Zeit des Mittelalters (ca. 500-1500) zurückführt. Auf das Unmittelbarste sind sie mit der Entwicklung unserer Kirchen und des kirchlichen Lebens verbunden. Man muss ihre Entstehung durchaus mit der historischen Dimension der schrittweisen Christianisierung der Bevölkerung verstehen, also dem Prozess der Aufgabe heidnischer Praktiken der Gottesanbetungen an Kultstätten, Opfersteinen und Ehrenhainen und der Hinführung zum christlichen Glauben. Die Sachsen waren durch Gesetzeserlass bereits im Jahr 782 durch Kaiser Karl d. Großen (747-814) zur Ausübung des Christentums verpflichtet worden: „Denn am Sonntag sollen alle zur Kirche gehen, beten und Gottes Wort hören (…).“ Frühestens von diesem Zeitpunkt an kann das Entstehen erster Kirchsteige vermutet werden, auf denen die Dorfbevölkerung, aber auch die Bewohner der zumeist weitab von den städtischen Besiedlungen liegenden Weilern (einzelnen Gehöften), Vorwerke und Mühlen, auf ihren „selbstgetretenen“ Wegen oder Steigen ihrer angeordneten Kirchenpflicht nachgingen. Richtiger gesagt, nachgehen mussten, denn der Kirchgang war absolut nicht freiwillig. Das Nichterscheinen zum Gottesdienst war strafbar. Im Laufe der Entwicklung wurden die so entstandenen Kirchwege oder Kirchsteige zu einem wichtigen Teil des dörflichen Lebens, und sie fügten sich, durch jahrhundertelanges Begehen, in die Landschaft ein.

Diese Entwicklung zog sich natürlich über lange Zeiträume hin. Ein Rückblick in die Geschichte soll hiermit zum Verständnis der Zusammenhänge beitragen und aufzeigen, wie eng diese Kirchwege oder - steige, als Wege „zu Gott“, mit der allgemeinen Entwicklungsgeschichte des christlichen Glaubens und der Kirche, verbunden sind. Bereits seit Ende des 4. Jahrhunderts (Spätantike) war das Christentum zur Staatsreligion im römischen Imperium erhoben worden. Damit kam es im Jahr 380 zum Verbot aller nichtchristlichen Religionen. Im nachfolgenden  Frühmittelalter (ca. 500-1050) wurden Gesetze gegen die heidnischen Kultpraktiken der nicht christlich geprägten Völker und ihre Religionen erlassen, auch gegen das damalige große Volk der Sachsen und ihr Germanentum, um damit den neuen christlichen Glauben durchzusetzen. Das geschah zum Teil mit äußerster Härte. Trotzt alledem stieß die „verordnete Bekehrungsarbeit“ in diesem Stadium der Christianisierung auf sehr viel Widerstand. Ganze Völker und Kulturkreise huldigten im Verborgenen weiterhin ihren heidnischen Bräuchen und Göttern und sträubten sich zum Teil vehement, die neue Staatsreligion anzuerkennen und anzunehmen. Obwohl sich das Kirchenrecht gegen Zwangsbekehrungen aussprach, blieben diese nicht aus. Gewaltsame Massentaufen oder auch Nottaufen bei kriegerischen Auseinandersetzungen gehörten zu den Praktiken, diejenigen Volksstämme zum rechten Glauben zu bekehren, die ihren heidnischen Kultpraktiken nicht abschwören wollten. Dazu gehörten auch die Sachsen, die im Jahr 775 durch den Frankenherrscher und späteren Kaiser Karl d. Großen besiegt worden waren. Ihre Christianisierung wurde zu einem besonders schwarzen Kapitel in der Geschichtsschreibung. Da die besonders widerspenstigen und aufsässigen Sachsen im 8. und 9. Jahrhundert mit Aufständen wiederholt versuchten, ihre alte Ordnung und ihren Glauben wiederzuerlangen, ging Karl der Große mit drastischen militärischen Mitteln gegen sie vor. Die Schilderungen der in die Geschichte eingegangenen blutigen Sachsenkriege (772-804), die sich über mehr als 30 Jahre hinzogen, widerspiegeln, wie ganze Volksstämme mit unvorstellbarer Gewalt und Zwang zum Christentum „bekehrt“ wurden. Die gesetzliche Grundlage und Handhabe schuf Karl der Große, in der Zwischenzeit zum Kaiser gekrönt, im Jahr 782 mit seiner Anweisung zum Umgang mit Andersgläubigen, speziell der Sachsen, mit der „Capitulatio de partibus Saxoniae“. Einer Gesetzessammlung mit 34 Gesetzestexten, die zumeist mit der eindeutigen Drohung beginnen: „Sterben soll,…“ oder „Todesstrafe erleidet der,…“ - natürlich waren diejenigen gemeint, die das Gesetz nicht befolgen wollten. Ganz offensichtlich ging man bei der Wahl der Mittel, um den Widerstand zu brechen, nicht zimperlich um. Unter Decret 8. steht: „Sterben soll, wer Heide bleiben will und unter Sachsen sich verbirgt, um nicht getauft zu werden oder es verschmäht, zur Taufe zu gehen.“ Weitere Verbrechen, die mit der Todesstrafe geahndet wurden, waren der Aufstand gegen die bestehende Ordnung, Verachtung des christlichen Glaubens, verbotener Fleischgenuss vor Ostern und damit Nichteinhaltung des vierzigtätigen Fastengebotes, oder aber auch die Verbrennung von Leichen nach heidnischem Brauch.

Hinrichtung der 4500 Sachsen durch Karl den  Großen 782 in Verden; Wikimedia, gemeinfrei
Hinrichtung der 4500 Sachsen durch Karl den Großen 782 in Verden; Wikimedia, gemeinfrei

Da besonders bei den Stämmen der Sachsen immer wieder Gegenwehr ausbrach und Aufruhr zu verzeichnen war, kam es im Jahr 782, also nach vollzogener Gesetzgebung, zu dem sogenannten „Blutgericht von Verden“, einer Massenhinrichtung von 4.500 Aufständischen mit dem Schwert. Mit dieser gesetzlich abgesegneten Todesstrafe sollte dem Glaubensbekenntnis „Nachdruck“ verliehen werden.

Wie so oft, ging es auch damals schon nicht nur um den rechten Glauben, sondern mit der Durchsetzung der religiösen Ziele standen ebenso Machtansprüche, wirtschaftliche Interessen, Landgewinn durch Gebietseingliederungen und Mehrung des Reichtums im Vordergrund. Unbestreitbar ging es aber auch hier um große Visionen. Eine davon war, dass Kaiser Karl d. Große in seinem gesamten Imperium Herrscher der römischen Christenheit sein wollte und mit einer gemeinsamen religiösen und kulturellen Identität alle Teile seines europäischen Reiches zu vereinen suchte. Damals gab es also schon das Ziel der Verwirklichung einer „Europäischen Idee“, einer Gemeinschaft mit einer gemeinsamen Identität in Europa. Diese Idee griff später der römisch-deutsche Kaiser Otto I. der Große (912-973) auf, ein Nachfahre der einst heidnischen und mit dem Schwert bekehrten Sachsen. Erst durch ihn und seine Nachfolger, die Ottonen, gelang es im 10. Jahrhundert, dass sich das Christentum nach und nach erfolgreich durchzusetzen begann. Sie schufen mit der Errichtung einer umfassenden kirchlichen Infrastruktur und Gründung von Bistümern ab dem Jahr 968 sehr effektive kirchliche Verwaltungsstrukturen, die von ihrem Ursprung her teilweise bis in unsere heutige Zeit Bestand haben. Mit Einverständnis des Papstes Johannes XIII. gründete Otto I. im Jahr 968 das Erzbistum Magdeburg und ließ gleichzeitig die drei Bistümer Meißen, Merseburg und Naumburg/Zeitz errichten. Mit diesem großen Metropolitanverband wurde die Kirche zu einer selbständigen Institution. Entsprechend der Niederschriften in der „Neuen sächsischen Kirchengalerie“ soll Otto I. bereits im Jahr 968 eine bedeutende Landschenkung an das Bistum Meißen, das seinen Bischofssitz bereits ab diesem Jahr auf den Meißner Burgberg verlegt hatte, übergeben haben. Dazu gehörte auch das schon damals namentlich genannte Schloß und Städtchen Radeberg mit Sitz eines Erzpriesters (Pfarrers). Radeberg gehörte ab dieser Zeit unter die geistliche und weltliche Herrschaft des Meißner Bistums und kam erst später unter die der Markgrafen von Meißen. Das bedeutet, dass die Ansiedlung Radeberg bereits 968 als Ersterwähnung in Erscheinung trat und nicht erst 1219, wie bisher z. T. angenommen wird. Auch der Eintrag in der Kirchengalerie, dass ein „Erzpriester“ seit 968 seinen Sitz in Radeberg hatte, beweist eine erste christliche Niederlassung in Radeberg. Vermutet wird sie auf dem „Schloß“ (nicht identisch mit dem heutigen Schloss Klippenstein), wobei der Name historisch gesehen angezweifelt werden muss, da zu diesem Zeitpunkt aller Wahrscheinlichkeit nach nur eine Burganlage bestanden hat, in der dieser erste eingesetzte Pfarrer Schutz und Unterkunft gesucht hatte. Radeberg wurde in der Folge im 13. Jahrhundert als „castrum“ und 1316 als Stadt erwähnt, um schließlich 1412 mit Bürger- und Stadtrecht beurkundet zu werden.

 

Stadtansicht Radeberg (frei nach Wilhelm Dilich 1627). Museum Schloss Klippenstein Radeberg
Stadtansicht Radeberg (frei nach Wilhelm Dilich 1627). Museum Schloss Klippenstein Radeberg

Die Burg Meißen entwickelte sich zu einem bedeutenden Glaubens- und Machtzentrum. Am Anfang besaß das Bistum Meißen die geistliche und weltliche Herrschaft und war damit dem Papst als geistlichem und dem Kaiser als weltlichem Oberhaupt verpflichtet. Ab dem Jahr 1089 übernahmen nach und nach die mächtigen Wettiner die weltlichen Geschicke. Zunächst in der Würde der Markgrafen von Meißen, später als Kurfürsten und Könige von Sachsen. Die Bischöfe des Bistums Meißen stellten von nun an „nur“ die geistlichen Herrscher dar. Das Bistum Meißen errichtete in der Folgezeit eine Struktur mit ausgedehnten Sprengeln (Amts- u. Aufsichtsbezirke), dazu gehörten das gesamte Meißner Land und die Oberlausitz. Zur weiteren erfolgreichen Missionierung des christlichen Glaubens wurde eine Untergliederung in neun Archidiakonate und weitere Sedes (Sitze, Gerichtsstühle, Bezirke) vorgenommen. Dadurch wurde es möglich, den Glauben gezielt und territorial weiter im Land ausbreiten zu können. Der Sitz Radeberg unterstand dem Archidiakonat Nisan und wurde 1273 genannt. Mit seinem Erzpriester stand die Kirche Radeberg als kirchliche Behörde weiteren 17 Ortschaften mit ihren Pfarrern vor. Erstmalig im Jahr 1346 wurden in den Matrikeln der Bischöfe zu Meißen die Bezirke der geistlichen Missionare aufgezeigt. Damit war auch eine entscheidende Voraussetzung für die Christianisierung der bis dahin noch heidnischen Slawen geschaffen worden, die in den neu eroberten Gebieten östlich der Saale lebten und bis ins 13. Jahrhundert beharrlich an ihren Göttern festhielten. Durch Schenkungen und Stiftungen, vor allem von böhmischen und sächsischen Herrschern, gelangten bedeutende Ländereien im Bereich Stolpen und der später gegründeten Stadt Bischofswerda (Wortbedeutung: am Wasser gelegene Siedlung des Bischofs / seit ca. 1076), in den Besitz des Bistums, welches mit diesem Landbesitz und dem Besitz aller dazugehörigen Dörfer und ihrer Bewohner durchaus feudalistische Züge annahm (Bauernhörigkeit, Leibeigenschaft, Frondienste u.a.). Es wuchsen Einfluss und Macht, und im Zuge der fortschreitenden Landnahme und Besiedlung kam es zu weiteren zahlreichen Gründungen von Dorfgemeinschaften, die entweder kleine eigene Gotteshäuser erbauten oder einer Kirchgemeinde zugeordnet wurden. So wie die urkundlich erwähnten Dörfer Lotzdorf (1341) und Liegau (1349). Sie bestanden selbstverständlich bereits lange vor ihrer Ersterwähnung und ihre Bewohner waren in die Radeberger Kirche eingepfarrt worden.

Original-Beichtbuch von 1644:  „Register Derer Jenigen, welche sich zum Beicht-stul gefunden“  Repro: Schönfuß
Original-Beichtbuch von 1644: „Register Derer Jenigen, welche sich zum Beicht-stul gefunden“ Repro: Schönfuß

Im Jahr 1399 wurde das Bistum Meißen vom Papst für „exemt“ erklärt, d.h. es erhielt eine rechtliche Sonderstellung und Unterstellung direkt unter den Heiligen Stuhl in Rom.

Die vom Bischof beauftragten Geistlichen zogen vorerst als Wanderprediger missionierend durch das Land, ohne festen Sitz, und predigten unter freiem Himmel oder in einzelnen Vorwerken und Gehöften. Mit mehr oder weniger Erfolg. Zunehmend wurde jedoch vom Bistum der Bau von Kirchen und Kapellen angestrebt. Das geschah zuerst hauptsächlich in Städten, um in diesen Zentren mit der größten Anzahl an Gläubigen auch Anlaufpunkte für die dauerhafte Ausübung der Religion zu schaffen und Geistliche anzusiedeln, aber auch, um den schon im Gesetz des Jahres 782 festgelegten Zehnt eintreiben zu können: „Und es entspricht christlichem und göttlichem Gebot gemäß, daß alle den Zehnt von ihrem Vermögen und ihrer Arbeit den Kirchen und Geistlichen abliefern sollen; (…) auch von allen königlichen Einkünften, auch von Friedens- und Strafgeldern, denn was Gott einem jeden Christen schenkt, muß zum Teil Gott wiedergegeben werden.“ Das wurde zum Leitspruch und -gedanken der nächsten Jahrhunderte: Die Religion wurde zunehmend dafür missbraucht, Einnahmen mit der Volksfrömmigkeit zu erzielen und dadurch mehr Macht zu erlangen. Ein einträgliches Geschäft, das sich besonders mit der Angst vor Hölle, Teufel, Fegefeuer und der Apokalypse als eine nie versiegende Geldquelle erwies.

Der Möglichkeiten dafür fanden sich viele. Bereits 1235 nahm der im Rödertal ansässige Ritter Thimo von Radeberch eine Schenkung an die Afrakirche zu Meißen mit vier Hufen Landes vor, um mit dieser Besitzübertragung das Seelenheil seines verstorbenen Vaters, Arnold von Radeberch, zu befördern. 1233 verkaufte (schenkte ?) Thimo von Radeberch ein ganzes Lehngut (Gröbern) dem Hospital in Meißen, dem seine Schwester Agnes von Radeberch vorstand. Eine weitere Möglichkeit des Gelderwerbs war mit Stiftungen von Heiligenbildern und Altären verbunden. Ein regelrechter Handel entstand, auch in Radeberg blühte dieses Geschäft, denn wer einen Altar stiftete, hatte auch für alles Dazugehörige aufzukommen, wie Messbücher, Kelche, Leuchter, Lichte, Messgewänder. Jedoch war vor allem ein Kapital anzuweisen, von dessen Zinsen der Priester zu bezahlen war. Mit diesen Pfründen (Unterhalt) ließ es sich prächtig wuchern. Bereits ab dem Jahr 1351 wurden urkundlich mehrere Altäre in der Stadtkirche Radeberg und in der Schlosskapelle genannt, auch 1417 ein Altar „der Pfarrkirche zu Radebergk 6 Schock Geldes zu Gülde und Zinze im Dorff Luczendorff (Lotzdorf) in der Pflege Radebergk“. Erwähnt wurde 1429 ein im Betsaal der ehemaligen Schlosskapelle befindlicher wertvoller Erasmusaltar, dessen Einkünfte dem hier amtierenden Kaplan, Gebhard Wolfgang, als Besitzer des Altars zugerechnet wurden. Bischof Dietrich III. zu Meißen berichtete ebenfalls über einen „Schützen Altar zu Radeberg Anno 1473, gehörig der Schützengesellschaft, mit Kelch, Meßgewandt, silbernen Vogel und Schilder“. Die Schilder waren ein Schatz von 30 Stück aus purem Silber, die von Kroaten im Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) geraubt wurden. In der Chronik Knobloch wurden auch Geld-Stiftungen verzeichnet, u.a.: „Von einer christlichen frommen Frau, welche nicht bekannt seyn wollte, wurde eine GedächtnißPredigt gestiftet (…), sie setzt der Kirche ein Capital von 50 Thlr. aus.“ Weitere Einnahmequellen bestanden aus dem Handel mit Reliquien Heiliger, der Stiftung von Kapellen zur Abhaltung von Seelenmessen für die Verstorbenen, Eintragungen Verstorbener gegen erhebliche Geldleistungen in „Seelenregister“ (Kirchenbücher wurden erst nach der Reformation eingeführt), um die Namen der Toten an Sonntagen nach der Predigt so lange verlesen zu lassen, bis der Geistliche irgendwann, nach Gutdünken, erklärte, nun sei die Seele aus dem Fegefeuer erlöst… Wobei der Zeitraum, bis die Seele endlich „erlöst“ wurde, auch durchaus von der Höhe der geldlichen Zuwendung abhängen konnte. Außerdem wurde ständig ermahnt, für die gequälten Seelen der Verstorbenen Messen zu bezahlen und Gebete zu verrichten, um ihnen damit den Eingang in den Himmel zu beschleunigen und der Hölle mit ihren Qualen zu entgehen.

Radeberger Kirche um 1840
Radeberger Kirche um 1840

Die Einsichtnahme in Eintragungen der Kirchrechnungen offenbart einen ganzen Katalog an Möglichkeiten, um an Gelder zu gelangen. Eintragungen unter der Rubrik „Verehrete Gelder“ zeigen die Summen und Namen derjenigen auf, die der Kirche „Thaler und Gulden verehreten“, um sich damit die Garantie eines zu erwartenden Seelenheils zu erkaufen. Zunehmend wurden auch einstmalige Sachleistungen in Geldzahlungen, eine Art Steuer, gewandelt. So findet man in den Kirchrechnungen die namentlichen Auflistungen der einzelnen Bauern für „Lehngeld, GeldZinß, KuhZinß, StallZinß, AckerZinß, WeidenZinß, SchaffZinß“. Für die in der Kirche stehenden Stühle wurde jährlich Stuhlgeld erhoben, und es gab eine Almosenbörse. Auch der „Bußgeldkatalog“ für jegliche Vergehen wurde ausgebaut. Wurden am Anfang noch viele Strafen für Vergehen mit körperlichen Züchtigungen und Enthaltsamkeitsübungen belegt, hatte die Buße später immer mehr den Charakter einer Geldleistung angenommen. Und wer war je frei von Schuld, Sünde und Vergehen? Geahndet mit „Strafgeldern“ wurden in den einsehbaren Kirchrechnungen die unterschiedlichsten Verfehlungen. So musste ein Bauer für seine Mutter und Schwester 9 Gulden Strafgeld zahlen „…da sie wider das Verbot der Obrigkeit eine Spinnstube gehalten hatten“. Entschieden teurer wurde für einen Dorfbewohner die „Fleischeslust“ mit der Zahlung von „5 Thaler, 15 Groschen erleget, da er wider das 6te Gebot gesündigt“. Nach der Schwere der festgelegten Schuld waren die Strafen und ihr Maß vielfach gestaffelt. Strafbare Delikte waren die Nichteinhaltung der „Gewandordnung“ entsprechend der Zugehörigkeit des entsprechenden Standes, das Zuspätkommen oder Nichterscheinen zum Gottesdienst, ebenso das Versäumnis, zu dem „Examen catecheticum“ in die Kirche zu kommen. Zu diesem Katechismus-Examen hatten sich die Hausväter samt der Kinder und dem Gesinde jedes Jahr zu einer Prüfung ihrer Kenntnisse einzufinden. Dieses Abfragen der Bibeltexte durch den Geistlichen wurde zumeist in der Pfingstzeit angesetzt. Nichterscheinen wurde bestraft. In Radeberg liest man dazu: „…wurden in diesem Jahre die Personen ledigen Standes, die nicht in fästen Examen in der Kirche erschienen, und die bestimmten 6 groschen Strafe nicht erlegt hatten, gerichtlich ausgepfändet“. Ebenfalls wurde das Nichterscheinen zur Beichte akribisch in einem Beichtbuch festgehalten, bestraft wurden aber auch Fluchen, Unzucht, Abtreibung, Ehebruch bis hin zu schwerwiegenderen Straftaten.

Bruder Johann Tetzel verkauft Ablässe.  Gemälde von J. D. L. F. Wagner; Wikimedia gemeinfrei
Bruder Johann Tetzel verkauft Ablässe. Gemälde von J. D. L. F. Wagner; Wikimedia gemeinfrei

Im 12./13. Jahrhundert waren im Bistum Meißen 72 Klostergründungen zu verzeichnen, die als Güter mit umfangreichem Landbesitz einen wichtigen wirtschaftlichen Faktor darstellten. Sie standen als christliche Vorposten in den ländlichen Gebieten und waren für die weitere Ausbreitung des Glaubens von großer Bedeutung. Diese Regionen besiedelten sich um die Klöster herum, es kam zu weiteren Gemeindegründungen mit dem Bau einer Vielzahl an Kirchen - der Weg zu diesen war wiederum mit dem Entstehen von Kirchsteigen verbunden, die auf kürzestem Wege zu den Gotteshäusern und Klöstern führten. Die erforderlichen Gelder für Kirchbauten kamen von Spenden wohlhabender Privatpersonen oder durch bischöfliche Verordnungen des Verkaufs von Ablassbriefen. Wieder zogen wandernde Prediger durch das Land. Jetzt jedoch als Ablassprediger, so wie der aus Pirna gebürtige Johann Tetzel (1460-1519), der mit dem Spruch: „Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt“ als makabrer Verkäufer eines erlogenen Seelenheils in die Geschichtsbücher eingegangen ist.

Dieser Glaubensmissbrauch und Wucher, aber auch die vielen Missstände und Fehlentwicklungen in der damaligen Kirche waren letztendlich die Auslöser für die beginnende Reformationsbewegung (1517-1648) unter Martin Luther (1483-1546). Der Versuch der Erneuerung der Kirche und Beseitigung der Missstände ging mit ihrer Spaltung einher. Im Zuge der Reformation in Sachsen wurde im Jahr 1539 das katholische Bistum Meißen aufgelöst und der Administration von Kursachsen unterstellt. Die Klöster wurden größtenteils säkularisiert (Aufhebung kirchlicher Institutionen / Verstaatlichung) und teilweise zu Fürstenschulen für begabte Knaben jeglichen Standes gewandelt, deren Besuch damals schon kostenlos war.

Die Kirchen hatten sich in diesen Jahrhunderten zunehmend zum Mittelpunkt der Städte und Dörfer entwickelt. Sie waren hierarchisch aufgebaut mit einer effektiven Verwaltung. Viele dieser kirchlichen Verwaltungsstrukturen wurden auch nach der Reformation beibehalten. Ebenso waren die Wege zur Kirche, die Kirchsteige, weiterhin für den Kirchgang erforderlich. Sie unterlagen seit ihrer Entstehung im frühen Mittelalter einem besonderen Status, einem besonderen Recht: Der Kirchsteig war immer ein zu schützendes Rechtsgut, ein öffentlicher Weg, auf dem uneingeschränkt der Landfriede zu herrschen hatte. Das bedeutete, wer auf dem Kirchsteig frevelte, sich schlug oder Blut vergoss, Unruhe stiftete, Beschimpfungen, Verwünschungen oder Flüche ausstieß, verfiel der Strafe des Landrichters an „Leib und Leben“ oder dem Kirchherrn zu Buße oder Bann. Die Denunziation von Straftaten war für die Gläubigen Pflicht und wurde belohnt.

Der Lotzdorfer Kirchsteig (grün) und die alten Radeberger Friedhöfe im Stadtplan 1905
Der Lotzdorfer Kirchsteig (grün) und die alten Radeberger Friedhöfe im Stadtplan 1905

Die Kirchsteige waren einst, durch die Bewohner der zu einem Kirchspiel gepfarrten Dörfer, immer als Pfade „getreten“ worden. Man kann davon ausgehen, dass diese ersten getretenen „Schneisen“ intuitiv entstanden, einfach, um bereits vorhandene umständlichere Wegverbindungen abzukürzen. Kirchsteige waren zumeist Abkürzungen, die fast geradlinig auf die Gotteshäuser und den die Kirchen umgebenden Gottesacker führten. Alte Landkarten veranschaulichen das sehr deutlich.

 

Der Lotzdorfer Kirchsteig mit dem „Alten Gottesacker“ und dem Totenhäuschen, links die Scheunen am Rande des ehemaligen Pestfriedhofes.  Zeichnung von Karl Stanka 1926. (Museum Schloss Klippenstein)
Der Lotzdorfer Kirchsteig mit dem „Alten Gottesacker“ und dem Totenhäuschen, links die Scheunen am Rande des ehemaligen Pestfriedhofes. Zeichnung von Karl Stanka 1926. (Museum Schloss Klippenstein)

Das erscheint auch durchaus logisch, denn Kirchsteige entwickelten sich nicht nur als Wege zu dem gemeinsamen Sonn- und Feiertagsgang zur Messe und Beichte oder für fromme Pilger mit ihren Gebetsübungen, sondern stellten immer eine kürzeste Verbindung zwischen Kirche, Stadt und Dorf dar: auf schnellstem Wege eilte die Hebamme auf ihm zur Gebärenden in das Dorf, der Arzt zum Kranken, die Kinder zur Unterweisung zum Pfarrer, der Geistliche beschritt ihn zur Erteilung der Sterbesakramente an das Sterbebett oder zur Hauscommunion. Auch der Weg zur Trauung wurde auf ihm vollzogen, denn auf allergnädigsten Befehl des Landesherrn durften die dem niederen Stand angehörenden Bräute nebst ihrem Bräutigam nur zu Fuß zur Trauung in die Kirche gehen, und Kinder mussten ebenfalls zur Taufe getragen werden. Der Kirchsteig wurde auch für jegliche Botengänge des Amtes genutzt, z.B. wenn der Knecht des Amtmannes Nachrichten an den Gemeindevorstand oder an die Bauernschaft der Amtsdörfer zu überbringen hatte. Der Kirchsteig war ein vielbegangener, aber nie befestigter „Trampelpfad“. Der so getretene Kirchsteig, entlang der Felder und Wiesenraine, wurde zumeist von den Grundeigentümern nicht angefochten, sondern wie selbstverständlich allgemein anerkannt.

Die „Pforte“ in der alten Stadtmauer, früherer Durchgang zum Pest-Friedhof (hinter Pulsnitzer Straße 10 – 14). Foto: Schönfuß.
Die „Pforte“ in der alten Stadtmauer, früherer Durchgang zum Pest-Friedhof (hinter Pulsnitzer Straße 10 – 14). Foto: Schönfuß.

Diese ehrfürchtige und achtungsgebietende Sonderstellung hing jedoch auch damit zusammen, dass auf diesen Wegen ebenfalls die Verstorbenen zum Friedhof getragen wurden – damit bekam der Kirchsteig, manchmal auch Toten- oder Leichenweg genannt, einen besonderen Status. Zu diesen traurigen Anlässen wanderte dann auch die Trauergemeinde auf ihm zum „Leichenbegängnis auf den Gottesacker“. Und wenn es sich die Hinterbliebenen leisten konnten, dann wurden die Toten nicht nur mit dem „bloßen Seegen zur Erde gebracht, sondern mit Abdankung (Leichenpredigt) und unter Begleitung der Geistlichkeit und der ganzen oder halben Schule“. Dann eilte der Lehrer von Lotzdorf und Liegau, der auch als „Catechet, Cantor und Küster“ fungierte, mit seinen Schülern auf dem Kirchsteig zum Totendienst und Singen frommer Lieder auf den Radeberger Gottesacker.

Kirchsteige konnten jedoch auch wegfallen, wenn die eingepfarrten Dörfer mit dem Bau von Filialkirchen Selbständigkeit erhielten. Aus diesem Grund wurde mit der Zeit der Name des von Schönborn nach Radeberg führenden „Schönborner Kirchsteiges“ vergessen, als Schönborn 1607 eine eigene Filialkirche erhielt. Da jedoch vorerst kein eigener Friedhof in Schönborn vorhanden war, mussten die Verstorbenen von Schönborn weiterhin auf den Radeberger Kirchhof getragen werden, und der ehemalige Name „Kirchsteig“ wurde zum „Schönborner Leichenweg“. Dieser führte von Schönborn geradlinig über die heutige Staatsstraße S180 weiter auf den heutigen Liegauer Forstweg, zog sich als „Leichenweg“ weiter, bog linksseitig ab und führte über die Röderbrücke an der Tobiasmühle auf den Schafberg, wo er kurz vor Horns Bauerngut auf den Lotzdorfer Kirchsteig nach Radeberg stieß. Auf ihm musste der Archidiakonus der Radeberger Kirche auch sonntags als Pastor zur Predigt in die Filialkirche nach Schönborn eilen. Der Name „Leichenweg“ für den ehemaligen Schönborner Kirchsteig lebt heute noch im Sprachgebrauch der Bevölkerung weiter.

Ein letztes „originales“ Stück des Lotzdorfer Kirchsteiges zwischen der Kita „Am Baumhaus“ (links) und dem LIDL-Parkplatz.   Foto:  Schönfuß
Ein letztes „originales“ Stück des Lotzdorfer Kirchsteiges zwischen der Kita „Am Baumhaus“ (links) und dem LIDL-Parkplatz. Foto: Schönfuß

Die Wegführung des Lotzdorfer Kirchsteigs bestand noch teilweise, in einzelnen Segmenten, bis in die 1960-er Jahre hinein. Sein Zugang war von Liegau aus über die Röderbrücke, er zog sich unweit hinter dem Lotzdorfer Gasthof an den Dreihäusern entlang, kreuzte die zu damaliger Zeit mit Bäumen bepflanzte Allee des Freigutes, die vom Freigut direkt zur Dresdner Chaussee führte, ging weiter über den Schafberg, direkt am Bauerngut der Familie Horn vorbei, dann direkt hinter den Wohngrundstücken der heutigen Dr.-Rudolf-Friedrichs-Straße in Richtung Radeberger Kirche, immer an den Feldrainen entlang. Dabei ist interessant, dass der Kirchsteig von den Dorfbewohnern als weiteres Teilstück in der wind- und wettergeschützten Senke zwischen dem damals noch nicht abgetragenen Sandberg (am „scharfen Zacken“ / hinter dem Ärztehaus) und der Erhöhung des gegenüberliegenden Häselsberges (heutiger Friedhof) getreten worden war. Von dort aus zog er sich linear und durchgängig in Richtung zur Radeberger Kirche mit ihrem Kirchhof (Friedhof).

 

Der Lotzdorfer Kirchsteig querte auf seiner Wegstrecke die damals noch nicht vorhandene „Lange Straße“ / spätere Otto-Bauer-Straße (zwischen heutiger Haus-Nr. 4 und 6; gegenüber war noch ein letztes Wegstück des Kirchsteiges bis etwa 1990 unterhalb der ansässigen Baufirma  vorhanden), ging in gerader Verlängerung oberhalb des „Alten Friedhofes“ entlang und ist heute noch als Teilstück zwischen der Kita „Baumhaus“ und dem Lidl-Großmarkt zu erkennen. Der Wegeverlauf erstreckte sich in gerader Richtung weiter, über die später erbaute und tiefer gelegte Pulsnitzer Straße hin, dann berührte der Kirchsteig als Wegabschnitt, mittig, den einst vor der Radeberger Stadtmauer gelegenen linksseitigen Pestfriedhof und den rechtsseitigen „Alten Gottesacker“ (Friedhof) mit seiner Leichenhalle, dem sog. „Totenhäuschen“. Dieser Teilabschnitt des Lotzdorfer Kirchsteiges war noch 1926 erhalten und wurde von dem Radeberger Maler Karl Stanka künstlerisch festgehalten.

 Von hier aus führte der Kirchsteig im rechten Winkel an der äußeren Stadtmauer am „Alten Graben“ entlang und führte über einen kurzen Dammweg über den Stadtgraben, der sogenannten „Totenbrücke“, durch eine Pforte direkt auf den Kirchhof (den ältesten Friedhof) mit der Pfarrkirche.

Der Lotzdorfer Kirchsteig (rot) und die alten Radeberger Friedhöfe mit Bezugspunkten im heutigen Stadtbild.  Foto: Ingo Engemann
Der Lotzdorfer Kirchsteig (rot) und die alten Radeberger Friedhöfe mit Bezugspunkten im heutigen Stadtbild. Foto: Ingo Engemann

Mit etwas Phantasie kann man sich sicherlich lebhaft das Bild vorstellen, wenn die Bewohner von Lotzdorf und Liegau in vergangenen Jahrhunderten auf dem Kirchsteig an Sonn- und Feiertagen zur Kirchenpflicht frühmorgens nach Radeberg unterwegs waren. Bei jeglicher Jahreszeit und jeglichem Wetter. Eine lange Prozession, eine langgezogene Reihe von Eingepfarrten, ob Bauernfamilien mit Knechten und Mägden, oder aber später auch die Häusler und Gärtner mit ihren Angehörigen. Alle gehüllt in schwarze Kleidung und Mäntel entsprechend der von der Obrigkeit angewiesenen, unumstößlichen Kleiderordnung, zogen sie auf dem schmalen, grasbewachsenen Kirchsteig der Stadt Radeberg und ihrer Kirche zu. Vielleicht sprachen einzelne Gruppen in gedämpftem Tonfall miteinander, und aus der Ferne luden Radebergs Kirchenglocken mit ihrem Geläut zur Messe, später zum Gottesdienst ein. Wenn sie auf dem Lotzdorfer Kirchsteig unmittelbar an dem noch außerhalb der Stadtmauer Radebergs gelegenen Pestilenz-Kirchhof vorbeikamen, gedachte wohl manch einer der Toten und auch der schlimmen Zeiten, als die Pest in Radeberg wütete.

Nachdem die Pest 1348 das erste Mal in Deutschland ausbrach, wurde Radeberg bereits 1349 von der Seuche heimgesucht. Im Jahr 1585 brach sie erneut aus, obwohl alle Stadttore und Pforten Radebergs, aus Angst und Vorsicht, bereits 18 Wochen vor dem erneuten Ausbruch der Seuche geschlossen waren. Auch für die Kirchgänger der Dörfer waren alle Zugänge fest mit Brettern vernagelt, keiner durfte die Stadt betreten oder verlassen. Selbst der Totengräber wurde ausgesperrt. Er wurde gezwungen, seine Unterkunft außerhalb Radebergs, im Spital (heute am Brauereiberg) bei den Todkranken zu nehmen. Der Bürgermeister „…befahl dem Totengräber, die Pestleichen nicht in die Stadt zur Beerdigung auf den um die Kirche herumliegenden Friedhof zu bringen, sondern sie außerhalb der Stadtmauer am Lotzdorfer Kirchsteige einzugraben“. Dort wurden sie, auf dem Pestkirchhof am Lotzdorfer Kirchsteig, ohne kirchliche Ehren schnell mit einem Seil in die Grube gelassen und verscharrt. Weitere Pestjahre folgten 1612, 1632, 1633, 1680. Als im Jahr 1860 an dem Lotzdorfer Kirchsteig/ Ecke des ehemaligen Pestfriedhofes, der Grund für den Bau einer Scheune ausgehoben wurde, fand man noch einige gut erhaltene menschliche Schädel aus diesen Jahrhunderten. Diese könnten jedoch auch durchaus von den bedauernswerten Toten gestammt haben, die als Selbstmörder und „Ehrlose“ vor der Friedhofsmauer in ungeweihter Erde beigesetzt wurden und die nicht durch eine Friedhofstür getragen werden durften.

 

Historisches Foto mit dem links am "Totenhäusel" vorbeiführenden Kirchsteig, im Vordergrund der "Gottesacker" (2. Friedhof). Foto: Museum Schloss Klippenstein Radeberg
Historisches Foto mit dem links am "Totenhäusel" vorbeiführenden Kirchsteig, im Vordergrund der "Gottesacker" (2. Friedhof). Foto: Museum Schloss Klippenstein Radeberg

Mit der weiteren Stadtentwicklung Radebergs und der Erschließung neuer Straßen und neuer Stadtteile veränderte sich auch der Lotzdorfer Kirchsteig. Der Ausbau des Fahrweges nach Lotzdorf zur „Friedrichstraße“ ab ca. 1890, in Verbindung mit der Wohnbebauung, war Anlass, einen Querweg als Zugang von der Friedrichstraße zum Kirchsteig anzulegen. Diese neue Verbindung wurde im Volksmund als „Caspars Gässel“ bezeichnet (Friedrichsstr. Nr.13, links der ehemaligen Bäckerei Caspar, gegenüber des Gasthauses "Schmiedeschänke" bzw. der späteren „Alpenrose“). Eine beliebte Abkürzung für die Anwohner, wenn sie auf dem Lotzdorfer Kirchsteig in ihre um 1925 gegründete Schrebergartensiedlung an der Weststraße oder zum „Neuen Friedhof“ am Häselsberg gehen wollten. Eine weitere Unterbrechung erfuhr der Lotzdorfer Kirchsteig in seinem durchgängigen Wegeverlauf durch das Anlegen der Weststraße von der Friedrichsstraße aus, als Zugang zum nördlichen Nebeneingang des Friedhofs. Unterbrochen wurde der Kirchsteig ebenfalls durch die einsetzenden komplexen Straßenbaumaßnahmen in den 1890-er Jahren mit der Erschließung der Otto-Bauer-Straße, Otto-Uhlig-Straße und ab 1928 der Pulsnitzer Straße. Teilabschnitte des ehemaligen Kirchsteiges existierten danach nur noch als kürzere Gassen weiter. Diese sollten jedoch Anfang der 1930er Jahre noch einmal an Bedeutung gewinnen und sehr weltliche Dimensionen annehmen - als Fluchtwege. Da diese Zeit besonders durch politische Aktivitäten der unterschiedlichen Parteien und ihrer jeweiligen Anhänger gekennzeichnet war, fanden in allen größeren Gasthöfen mit großen Sälen Partei-Veranstaltungen statt, die dann regelmäßig von den politischen Gegnern gestört wurden. Auch politisch unbeteiligte junge Leute nahmen, in dieser Zeit der Arbeitslosigkeit, an derlei Veranstaltungen regen Anteil. Zumeist wurden diese als eine angenehme Abwechslung empfunden, mit der Vorfreude, dass wieder mächtig etwas los sein würde, wenn die verbalen Auseinandersetzungen der politischen Kontrahenten in regelrechte Saalschlachten münden würden. Den verängstigten und um ihr Eigentum bangenden Gastwirten blieb zumeist nur noch, die Dresdner Ordnungspolizei zu rufen. Kamen diese dann von Dresden aus mit ihren Fahrzeugen über den Brauereiberg in Sicht, um ihren Einsatz zu starten und mit ihren Gummiknüppeln für Ordnung zu sorgen, begann in Radeberg das große Rennen. Es soll zum Teil eine Art regelrechter Volkssport gewesen sein. Da die Radeberger alle ihre vielen Gassen, Gässchen und Verbindungswege kannten, stiebten sie dann alle gemeinsam, ob Rot oder Braun, entgegen ihrer vorherigen patriotischen und parteilichen Gegensätze, als Kenner ihres Territoriums im Zick-Zack und mit Erfolg davon. Auch auf dem Lotzdorfer Kirchsteig. Für die auswärtigen Polizisten bei Nachteinsätzen unüberschaubare Fluchtwege. So gelangte der Lotzdorfer Kirchsteig wieder in das Bewusstsein der Lotzdorfer und Radeberger Einwohner und auch zu großen Ehren, wenn im Gasthof Lotzdorf oder dem Saal des Radeberger Kaiserhofs die berüchtigten Saalschlachten mit Schlägereien und dem allgemeinen „Möbelrücken“ stattfanden.

 

Nach Kriegsende 1945 wurde der Lotzdorfer Kirchsteig nochmals interessant, da „Caspars Gässel“ zwischen Friedrichstraße und Lotzdorfer Kirchsteig gesperrt wurde, um Felddiebstähle durch die hungernde Bevölkerung zu verhindern. Das Betreten des Kirchsteiges wurde vorerst verboten. Etwas später wurden Teile umgeackert, um auch diese Quadratmeter noch für die Erträge der Feldwirtschaft zu nutzen. Schließlich wurde der Lotzdorfer Kirchsteig, durch die weitere Entwicklung der Landwirtschaft mit kollektivierter Ausrichtung, ab der 1960-er Jahre endgültig überackert und verschwand aus unserer Landschaft – damit auch nach und nach aus unserem Bewusstsein.

 

Renate Schönfuß-Krause / Lotzdorf-Historikerin

www.teamwork-schoenfuss.de

 

Juni 2017

Quellen:

  • F. E. Praßer: Chronik, Selbstverlag Verfasser, 1869
  • Neue sächsische Kirchengalerie, Leipzig 1910
  • Dr. G. Sommerfeldt: Skizzen zur Geschichte, Verlag K. Adler, Dresden 1926
  • W. v. Bippen: „Die Hinrichtung der Sachsen durch Karl d. Großen“, Dt. Zeitschr. für Geschichte 1889
  • Wikipedia: Capitulatio de partibus Saxoniae
  • Chronik Knobloch
  • C. Pfietzmann: „Zur Vorgeschichte der Stadt Radeberg“, In: Aus der Heimat, 1937
  • M. Herschel: Der schwarze Tod in Radeberg, In: Aus der Heimat,1937
  • Dr. P. Lunze: „Die Stadtmauer zwischen Dresdner Tor und Obertor“, Radeberger Blätter zur Stadtgeschichte, Heft 03 / 2005
  • Johannes Krause: „Erinnerungen“ 2003; 
  • Manfred Gräfe: Gesprächsnotizen 2016

 


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Aufgrund des großen Interesses an diesem Thema ist in der "Radeberger" Nr. 28 vom 14.7.2017 ein redaktioneller Nachtrag mit den grafischen Darstellungen der Lage des Kirchsteiges und der alten Friedhöfe im Radeberger Stadtbild erschienen. Die Grafiken sind in die  obige Artikel-Seite bereits eingearbeitet.

Anlaß für diesen Nachtrag mit den Grafiken war u.a. die nebenstehende Nachricht vom 22. Juni 2017 von Herrn Schmidt aus Radeberg, wofür wir uns herzlich bedanken möchten.